Michael Ande: "Manchmal war Gerd Heymann ein bisschen zu sanft"

Interview mit Video6. April 2016, 09:00
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Kommenden Freitag verabschiedet sich der längstdienende Azubi des deutschen Fernsehens in den Ruhestand. Michael Ande über 39 Jahre in "Der Alte "

STANDARD: 39 Jahre und nicht eine Beförderung: Wollten sie nicht – oder die nicht?

Ande: Irgendwie war das nie Thema. Wobei Gerd Heymann ja im Zuge des Neuzugangs Richard Voss (Jan-Gregor Kremp) auch zum Kriminalhauptkommissar befördert wurde!

STANDARD: Sie spielten Gerd Heymann 39 Jahre – welche Zeit würden Sie als die beste bezeichnen?

Ande: Das ist eine sehr schwierige Frage, weil jede Drehphase ihre ganz besonderen Vorzüge gehabt hat. Früher wurde archaischer erzählt, heute greifen wir mehr gesellschaftlich relevante Themen auf und die Ermittler geben mehr Persönliches von sich preis. Das gefällt mir gut.

STANDARD: Wie kamen Sie zur Rolle?

Ande: Der damalige Produzent Helmut Ringelmann hat mich gefragt und ich hatte große Lust darauf.

STANDARD: Was mochten Sie sehr an Gerd Heymann, was weniger?

Ande: Manchmal war Gerd Heymann ein bisschen zu sanft. Aber: Gerd Heymann ist für mich genau der Typ Polizist, den ich mir wünschen würde, wenn ich selbst irgendwelche Probleme hätte. Er hört gut zu, schaut gerne zweimal hin, kann hartnäckig sein und er hat ein ganz ausgeprägtes Bewusstsein von Recht und Gerechtigkeit. Das wird in meiner Abschiedsfolge "Paradiesvogel" besonders schön erzählt.

STANDARD: Hat das Drehen früher mehr oder weniger Spaß gemacht?

Ande: Drehen ist immer eine Freude, wenn man mit tollen Schauspiel-Kollegen und kreativen Köpfen am Set zusammenarbeiten darf. Wenn alle große Lust auf eine gute Geschichte und einen guten Film haben! Heute haben sich die Anforderungen einfach verändert. Wir drehen mehr Folgen in weniger Zeit. Das merkt man. Aber die Qualität der Geschichten und des Looks darf nicht sinken!

oberinspektor derrick
Folge 27 mit Siegfrid Lowitz "Der Auftraggeber".

STANDARD: Gab es schon einmal eine Zeit, in der Sie aufhören und sich verändern wollten?

Ande: Nein.

STANDARD: Was bedeutet das Ende emotional – immerhin haben Sie ein Leben mit der Figur verbracht?

Ande: Na ja, den Heymann habe ich ja quasi immer dabei. (lacht) Fehlen werden wir mir natürlich meine Kolleginnen und Kollegen – allen voran Jan-Gregor Kremp, Stephanie Stumph und Ludwig Blochberger, die mir sehr ans Herz gewachsen sind – mindestens aber genauso werde ich die vielen fleißigen und kreativen Köpfe hinter der Kamera vermissen.

Aber dass die Zuschauer den Heymann so lieben, das berührt mich seit vielen Jahren sehr und ist für mich ein riesiges Geschenk! Die Treue unserer vielen Fans über all die Jahre ist wirklich einzigartig und die Zuschauer haben "Der Alte" zu dem erfolgreichen Fernsehkrimi gemacht, der er heute ist. Gemeinsam mit ihnen freue ich mich, nach meinem Ausstieg, auf viele weitere spannenden Fälle, die Hauptkommissar Richard Voss, Annabell Lorenz und Tom Kupfer lösen werden.

STANDARD: Wie wichtig war Ihnen die finanzielle Absicherung durch die Regelmäßigkeit der Serie?

Ande: Wenn man als Schauspieler das Glück hat, eine Serienrolle zu ergattern ist das ein unglaubliches Geschenk. Das kann man nicht anders sagen. Dafür bin ich sehr dankbar.

STANDARD: Ihr liebster "Alter"?

Ande: Die Folge: "Der Lockvogel". Heymann wird einem Mann gejagt, der ihn töten will. Angst, Emotionen, Selbstüberwindung. Eine super Rolle!

STANDARD: Ganz oft spielten und spielen die Fälle in gehobenen sozialen Milieus. Warum müssen sich am Freitagabend immer Reiche killen?

Ande: Viele Jahre war das sicher ein Markenzeichen der Münchner Krimis. Heute hat sich das aber etwas verändert. Wir erzählen zwar nach wie vor Upstairs-Downstairs-Geschichten, also teils auch im wohlhabenden Milieu – jedoch werden heute die Geschichten anhand bestimmter Themen entwickelt. Das bringt eine interessante, gesellschaftliche Relevanz mit sich – ein Stück Realität. Und die Figuren sind dazu aufgefordert eine persönliche Haltung zu haben. Das ist schön für uns Schauspieler.

STANDARD: Sind sie nun bereit für andere Rollen – oder ziehen Sie sich ganz zurück?

Ande: Zu allererst werde ich jetzt Urlaub machen und dann will ich unbedingt mein Italienisch verbessern! Alles andere lasse ich auf mich zukommen.

STANDARD: Haben Sie sich für die letzte Folge etwas Spezielles gewünscht?

Ande: Einen spannenden Fall mit vielen Überraschungen! (Doris Priesching, 6.4.2016)

Info
Im letzten Fall wird am Freitag um 20.15 Uhr auf ORF 1 wieder nach alter Tradition unter den Reichen und Schönen gemordet. Ein Jungdesigner stirbt eines gewaltsamen Todes. Kriminalhauptkommissar Heymann setzt alles an die Lösung seines letzten Falls. Neben dem Stammensemble Jan-Gregor Kremp, Stephanie Stump, Ludwig Blochberger und Michael Ande kommen Martin Feifel und auch Erni Mangold zum Einsatz.

Zur Person:
Michael Ande (71) war in den 1950ern Kinderstar im deutschen Film und Fernsehen. Seit 1977 spielt er im "Alten" mit Sigfried Lowitz, Rolf Schimpf, Walter Kreye und jetzt mit Jan-Gregor Kremp.

Nachlese:
Jan-Gregor Kremp ist der neue "Alte": "Vielleicht ein bisschen flirten".

  • Michael Ande war 39 Jahre Gerd Heymann in "Der Alte".
    foto: zdf

    Michael Ande war 39 Jahre Gerd Heymann in "Der Alte".

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