Die Frau der Träume: Als Roboter zum Objekt degradiert

5. April 2016, 10:23
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Der Scarlett-Johansson-Bot eines Bastlers aus Hongkong löst Kontroversen aus

Mehr als 50.000 Dollar hat der chinesische Designer Ricky Ma dafür aufgewendet, ein maschinelles Ebenbild der Hollywood-Schauspielerin Scarlett Johansson zu erschaffen. Zwar machte die Nachricht über den "Mark 1" getauften Roboter am 1. April die Runde, echt ist der Android dennoch. Ma, der in Hongkong lebt, bastelte den Bot in seiner Wohnung. Er nutzte dafür einen 3-D-Drucker und Software, deren Programmierung er sich selbst beigebracht hatte. Jetzt kann die erschreckend realistisch aussehende Roboter-Johansson etwa lächeln und Konversation betreiben.

Anzeige gegen Samsung

Er habe sich damit einen Traum erfüllt, gab Ma gegenüber Medien an. Es ist ein angsteinflößender Traum, der weitreichende Implikationen für die Persönlichkeitsrechte von Betroffenen hat. Denn was bedeutet ein Android, der nach dem Vorbild eines anderen Menschen modelliert ist, eigentlich für dessen Persönlichkeitsrechte? In der Vergangenheit gab es eine Reihe an Anzeigen, die sich allerdings gegen die kommerzielle Verwendung solcher Roboter richteten. So musste Samsung in den 1990er-Jahren Geld an die "Glücksrad"-Moderatorin Vanna White überweisen, weil ein Roboter in einer Samsung-Werbung ihr "ähnelte" – obwohl der Bot keine menschlichen Gesichtszüge trug.

Kommerzielle Verwendung als Kriterium

Wenig später wurde zwei Schauspielern aus der Serie "Cheers" Schadenersatz zugesprochen, weil eine Bar zwei Roboter nach deren Vorbild installiert hatte. Doch der Scarlett-Johansson-Bot ist noch keiner kommerziellen Verwendung zugeführt worden. Laut US-Juristen, die von "Wired" befragt wurden, könnte Scarlett Johansson wohl eine Anzeige überlegen. Allerdings könnte das Recht auf Redefreiheit vor Gericht durchaus ein starkes Argument darstellen.

Weibliche "Assistentinnen"

Die Johansson-Kopie ist nur eines von vielen Indizien für die These, dass der Fortschritt im Bereich der Robotik und künstlichen Intelligenz zur Degradierung von Frauen beiträgt. Denkt man beispielsweise an digitale Assistenten, wird klar, dass fast alle digitale Assistentinnen sind. Zwar sind Siri, Cortana und Co offiziell "geschlechtslos", allerdings ist standardmäßig eine weibliche Stimme vorgesehen – und auch die Namen sind weiblich. So kommt der Name Siri aus altnordischen Sprachen, er bedeutet "schöne Frau, die dich zu einem Sieg führt".

Replikation von Stereotypen

Die feminine Präsenz liegt an der Replikation herrschender Stereotype. Werden dieselben Sätze von Männern und Frauen gesprochen, nehmen Nutzer diese bei männlicher Stimme als "Befehl", bei weiblicher als "Ratschlag" an. Das wissen die IT-Konzerne natürlich, die deshalb ihre künstliche Intelligenz feminisieren. Herausgefunden hat das der mittlerweile verstorbene Forscher Clifford Nass, der in Stanford lehrte.

Wenn der Nachbar dich nachbaut

Die Problematik könnte vor allem dann an Brisanz gewinnen, wenn 3-D-Drucker und Programme zum Einrichten künstlicher Intelligenz allgegenwärtig werden. Auch Prominente haben natürlich Persönlichkeitsrechte, doch Stars haben immerhin mehr Erfahrung und rechtliche Unterstützung im Kampf gegen Grenzüberschreitungen. Doch was passiert, wenn Nachbarn, Arbeitskollegen oder Expartner Roboter nach dem Vorbild der begehrten Frau erschaffen?

Thematisiert wurde das indirekt in der exzellenten britischen Serie "Black Mirror". In einer Episode kann eine junge Frau einen Roboter bestellen, der nach dem Vorbild ihres bei einem Autounfall verstorbenen Verlobten erschaffen wurde.

natália paiva

Der Hersteller scannt dafür alle Social-Media-Aktivitäten des jungen Mannes und baut darauf das Verhalten des Roboters auf. Was anfangs wie der perfekte Trost und Ersatz erscheint, wird jedoch immer mehr zum Albtraum – eine Dystopie, die nicht mehr allzu weit entfernt ist, wenn man gen Hongkong blickt. (Fabian Schmid, 5.4.2016)

  • Designer Ricky Ma mit seinem "Mark 1"-Roboter.
    reuters/yip

    Designer Ricky Ma mit seinem "Mark 1"-Roboter.

  • Schauspielerin Scarlett Johansson könnte ihn wohl anzeigen.
    reuters/yip

    Schauspielerin Scarlett Johansson könnte ihn wohl anzeigen.

  • Im Netz gibt es heftige Kritik an der Degradierung von Frauen durch derartige Roboter.
    reuters/yip

    Im Netz gibt es heftige Kritik an der Degradierung von Frauen durch derartige Roboter.

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