Die Angst vor der Brachfläche

5. April 2016, 10:25
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Investoren fürchten Verunreinigungen und weichen auf die "grüne Wiese " aus. Alte Industriebrachen bleiben häufig ungenutzt, obwohl die Angst unbegründet ist

Ein klassisches Beispiel: In der Peripherie einer Gemeinde wird ein neuer Baumarkt errichtet, während alte Standorte innerhalb des Ortszentrums verfallen. Grund dafür ist laut Stefan Weihs, Leiter der Abteilung Altlasten im Umweltbundesamt, dass bei niedrigen Grundstückspreisen in ländlichen Regionen der Druck, alte Liegenschaften wieder zu nutzen, gering ist. Doch noch etwas hält Investoren davon ab, ehemalige Industrie- und Gewerbestandorte zu kaufen – und dieser Grund liegt Weihs ganz besonders im Magen: die Angst vor einer Altlast, also einer Verunreinigung, von der erhebliche Gefahren für die Umwelt ausgehen können. "Dabei werden nur wenige der verdächtigen Standorte später überhaupt als Altlast eingestuft, etwa zehn Prozent", sagt Weihs.

Konkret fürchten sich Wiedernutzer einer brachliegenden Fläche vor möglichen rechtlichen Konsequenzen. "Weil Interessenten Angst haben, nach dem Kauf zu einer Sanierung verpflichtet zu werden, weichen sie auf die grüne Wiese aus", sagt Weihs. Wird die Fläche vor dem Kauf aber untersucht, lassen sich die Kosten der Entsorgung gut kalkulieren.

"Grundsätzlich muss der Verursacher bezahlen, ist er aber nicht mehr greifbar, haftet der Eigentümer einer Liegenschaft. Kann auch der nicht zur Verantwortung gezogen werden, springt die öffentliche Hand ein", erklärt Kontaminierungsexperte und Sachverständiger Johann Scheifinger.

Altlastenträchtige 1960er

Mit 1. Jänner 2016 weist der Altlastenatlas des Umweltbundesamts 281 Altlasten und 2000 Verdachtsflächen aus, Letztere könnten in Zukunft als Altlasten eingestuft werden. Die häufigsten Abfallarten sind Bauschutt, Aushubmaterial, Haus-, Industrie- und Gewerbemüll sowie gefährliche Abfälle. Altlasten sind Verunreinigungen, die vor 1989 entstanden sind.

Wurde an einem Standort eine chemische Reinigung, ein gasproduzierendes Unternehmen, ein Holzimprägnierwerk oder eine Entfettungsanlage – wie es bei metallverarbeitenden Unternehmen der Fall sein kann – betrieben, stehen die Chancen, als Altlast eingestuft zu werden, besonders hoch. "Die 1960er- und 1970er-Jahre sind eine besonders altlastenträchtige Zeit. Damals wurden gefährliche Stoffe schon im großen Stil eingesetzt, der Schaden für die Umwelt war aber noch kaum bekannt", erklärt Weihs.

Wenig Wissen über Altlasten

Dass eine Altlast nicht immer gefährlich ist, weiß Scheifinger: "Es gibt Altlasten, auf denen sogar Wohngebäude stehen, weil die Ursache keinen Einfluss auf die Gesundheit der Menschen hat." Häufiger würden betroffene Flächen aber etwa für Betriebe oder Industrieanlagen genutzt. "Bei einer solchen Nutzung muss nicht so aufwendig saniert werden wie bei einem Wohnhaus", so Scheifinger.

Insgesamt sind derzeit 67.746 Altablagerungen und Altstandorte beim Umweltbundesamt registriert. "Die wenigsten davon sind untersucht", sagt Weihs. "Es wird noch dauern, bis wir alle Altlasten entdeckt haben." (Bernadette Redl, 5.4.2016)

Wohnbau auf "Brown Fields" nimmt zu: Ehemalige Gewerbe- und Industriegebiete rücken ob der steigenden Wohnungsknappheit immer mehr in den Fokus von Entwicklern. Aktuell sind die Coca-Cola-Gründe beim Wienerberg in Entwicklung. Auf dem Gelände der Firma Hoerbiger in Simmering – die Firma zieht in die Seestadt – wird demnächst gebaut. Zuletzt hat auch der Fensterproduzent Hrachowina sein 65.000 m² großes Werksgelände in Wien-Kagran für rund 35 Millionen Euro an eine Gruppe von vier Wohnbaugesellschaften verkauft.

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  • Im Gaswerk Simmering wurde ab 1899 aus Kohle Stadt- gas erzeugt. Es ist einer der größten Klärölschäden Wiens. Brunnen verhindern heute die Ausbreitung.
    foto: apa/fohringer

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