Griss steht leicht rechts der Mitte

Blog5. April 2016, 12:02
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Wer die Aussagen der Präsidentschaftskandidatin analysiert, erkennt: Sie knüpft eher an bürgerliche Positionen an

Die Bundespräsidentschaftskandidatin Irmgard Griss wird gerne mit dem Prädikat "Mitte-rechts" oder "bürgerlich" versehen. Manche dieser Bezeichnungen spiegeln wohl ihre Herkunft aus dem katholisch-ländlichen Milieu wider. Wo Griss programmatisch zu verorten ist, ist jedoch viel weniger klar – während man bei den Kandidaten der Parlamentsparteien wohl davon ausgehen kann, dass sie ideologisch nicht unähnlich ticken wie ihre Parteien.

Jedoch hat Irmgard Griss dankenswerterweise hier eine Reihe an inhaltlichen Position bezogen, die uns bei einer programmatischen Verortung helfen können. Dazu benutze ich sämtliche Statements, die unter diesem Link zu finden sind, als Griss' Wahlprogramm. Mithilfe einer textanalytischen Methode namens Wordscores, entwickelt von den Politikwissenschaftern Michael Laver, Ken Benoit und John Garry, können wir diesen Textkorpus in Beziehung zu den Wahlprogrammen der Parteien bei der Nationalratswahl 2013 setzen.

Die Idee hinter Wordscores ist, dass der Wortschatz Auskunft über die ideologische Position eines Akteurs gibt. Ein fiktives Beispiel: Nehmen wir an, dass das Wahlprogramm der Partei A aus den Wörtern "Verstaatlichung", "Konjunkturprogramm", "Ausländerwahlrecht" und "Homo-Ehe" besteht, jenes der Partei B aus den Begriffen "Privatisierung", "Ausgabenkürzung", "Zuwanderungsstopp" und "Abtreibungsverbot".

Nehmen wir außerdem an, dass die Partei A laut externen Quellen (zum Beispiel Expertenbefragungen) auf einer Links-rechts-Skala bei 0 (ganz links) zu verorten ist, während Partei B bei 10 (ganz rechts) liegt. Eine dritte Partei C, deren Programm aus den Wörtern "Privatisierung", "Ausgabenkürzung", "Homo-Ehe" und "Ausländerwahlrecht" besteht, käme genau in der Mitte zwischen A und B zu liegen, also bei Skalenpunkt 5.

Natürlich bestehen Wahlprogramme in der Regel aus viel mehr Text, manchmal haben sie die Länge einer wissenschaftlichen Abschlussarbeit. Je mehr Text, desto präziser kann die Position eines Programms geschätzt werden.

Wenn wir die Wahlprogramme der Parlamentsparteien aus dem Jahr 2013 mithilfe von Daten aus einer Expertenbefragung auf einer Links-rechts-Skala positionieren, kann Wordscores aus den relativen Worthäufigkeiten aller Dokumente eine Links-rechts-Position für den Griss-Textkorpus schätzen:

grafik: ennser

Die Grafik zeigt die Positionen der Parlamentsparteien (platziert anhand der zur Schätzung verwendeten Expertenbefragung) und die mit Wordscores geschätzte Position des Programms von Irmgard Griss. Es handelt sich aber weniger um eine absolute Positionsbestimmung als um eine Kontextualisierung des Griss-Programms im Vergleich mit den jüngsten Wahlprogrammen der Parlamentsparteien. Um diese Schätzung für valide zu halten, muss man außerdem die Annahme als plausibel erachten, dass der Wortschatz über die Ideologie Auskunft gibt.

Die geschätzte Position liegt leicht rechts der Mitte (bei 5,7), nahe an der Neos-Position – was auch die Quasi-Wahlempfehlung der Neos für Griss logisch erscheinen lässt. Die Charakterisierung von Irmgard Griss als "Mitte-rechts" oder "bürgerlich" deckt sich also zumindest mit ihrer inhaltlichen Positionierung innerhalb des Kandidatenfelds für die Bundespräsidentschaftswahl. (Laurenz Ennser-Jedenastik, 5.4.2016)

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