Van der Bellen betont seine Außenseiterrolle

4. April 2016, 20:54
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Alexander Van der Bellen versucht die heikle Balance zwischen der Rolle des Umfragefavoriten und jener des für chancenlos gehaltenen Unabhängigen

Wien – Die Umfragen schauen ja nicht schlecht aus. Gar nicht schlecht. Aber vielleicht ist gerade das das Problem für Alexander Van der Bellen. Er kennt das aus der Zeit, als er Parteichef der Grünen war: In der Kanzlerfrage lag er zeitweise deutlich vor Amtsinhaber Wolfgang Schüssel und noch viel weiter vor anderen Mitbewerbern. Die Grünen als Partei hatten immer wieder Höhenflüge in Umfragen – aber dann eher enttäuschende Wahlergebnisse. "Arschknapp", wie Van der Bellen im Wahlkampf 2006 immer wieder betont hatte, war dann der einmalige Coup, mit 532 Stimmen Vorsprung einen Achtungserfolg vor den Freiheitlichen zu landen.

Siegeswille

Diesmal geht es um mehr – das betont der Kandidat selbst, das betont auch Wahlkampfmanager Lothar Lockl, der am Montagabend als Einpeitscher für die Auftaktveranstaltung zum Intensivwahlkampf ins Tech Gate gekommen ist: Van der Bellen will siegen.

Aber das darf nicht als allzu wahrscheinlich erscheinen – denn sonst glauben potenzielle Wähler des Altgrünen, dass die Wahl ohnehin schon gelaufen wäre. Ist sie nicht. Und Van der Bellen bemüht sich, auch nicht einen Hauch von Favoritenrolle zugeschrieben zu bekommen.

Respekt durch respektable Werte

Ein Außenseiter sei er. Ein Kandidat, dessen Antreten zu Beginn gar nicht ernst genommen worden sei. Aber dem der Mitbewerb inzwischen Respekt zollt. Immerhin: Das haben die guten Umfragewerte bewirkt.

Aber blenden lassen von den Umfragen will sich weder Wahlkampagnenleiter Lockl noch der Kandidat selbst. Blenden lassen wollen sich die beiden auch nicht von der "Welle an Sympathie", die Van der Bellen entgegenschlägt, wenn er etwa vor Schülern auftritt. Und derartige Sympathie gibt es natürlich auch beim Wahlkampfauftakt.

Was eine Sensation wäre

Da gilt es, einerseits Mut zu machen, nach der Devise: Einerseits schön bescheiden zu bleiben und immer wieder die Außenseiterrolle anzusprechen. Andererseits: Eine Sensation wäre es, wenn er gewinnt, wird dem Publikum vermittelt. Und: Es lässt sich etwas bewirken. "Befreien wir uns von diesen Depressionen und Mieselsüchten, die uns zeitweise überkommen! Widerstehen wir den Versuchen, alte Grenzen wieder hochzuziehen!", sagt der Kandidat.

Die Breite des Personenkomitees (drei Repräsentanten lassen sich auf der Bühne zu Van der Bellen interviewen) und die immer wieder betonte Unabhängigkeit des gleichwohl von den Grünen unterstützten Kandidaten sollen das Bild vermitteln, mit dem Van der Bellen am ehesten Chancen hat, in die Stichwahl zu kommen: Hier steht ein Mensch, der für sich beansprucht, die Stimme der Vernunft zu sein. Hier steht ein Kandidat, dessen Amtsverständnis es ist, die Regierung anzuspornen, die wichtigsten Themen anzugehen. Das ist einmal die Bildung – für die Österreich mehr Geld brauchen werde. Das ist zum Zweiten die Verringerung der Kluft zwischen Armen und Reichen. Was auch nicht ohne Geld gehen wird.

Schlupflöcher schließen

Da kommt es Van der Bellen gerade recht, dass der Skandal um die "Panama-Papers" aufgebrochen ist – als Präsident würde er die Regierung auf den europapolitischen Anspruch hinweisen: Es gelte Steuerschlupflöcher zu schließen.

Zunächst aber geht es darum, in die Stichwahl zu kommen. Nächster Termin ist die Wahlfahrt am Dienstag in ORF 1. (Conrad Seidl, 5.4.2016)

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Cremers Photoblog: Wahlkampf-Auftakt im Hochhaus

  • Wahlkampfauftakt im Tech-Gate: "Befreien wir uns von diesen Depressionen und Mieselsüchten, die uns zeitweise überkommen! Widerstehen wir den Versuchen, alte Grenzen wieder hochzuziehen!"
    foto: matthias cremer

    Wahlkampfauftakt im Tech-Gate: "Befreien wir uns von diesen Depressionen und Mieselsüchten, die uns zeitweise überkommen! Widerstehen wir den Versuchen, alte Grenzen wieder hochzuziehen!"

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