"A Good American": Wie der Brüssel-Terror hätte verhindert werden können

Interview5. April 2016, 12:06
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Mit seinem Dokumentarfilm über den NSA-Whistleblower William Binney bekräftigt Regisseur Friedrich Moser die These, dass viele Terroranschläge nicht passieren müssten

STANDARD: Sie waren anlässlich einer Vorführung von "A Good American" in Brüssel, als es zu den Anschlägen kam. In Ihrem Film geht es um die Möglichkeit, Terroranschläge zu verhindern. Wie haben Sie die Situation am 22. März empfunden?

Moser: William Binney und ich gaben am Vorabend bei einem Filmfestival in Brüssel Interviews und haben noch gemeint, dass die nächsten Anschläge nicht lange auf sich warten lassen würden. Am nächsten Morgen, am Tag der Vorführung im EU-Parlament, erreichte uns dann die Meldung der Explosionen. Ein furchtbarer Tag.

STANDARD: Ihr Film kreist um die These, dass mit Binneys Projekt Thinthread, das von seinem ehemaligen Arbeitgeber NSA eingestellt wurde, 9/11 hätte verhindert werden können. Gilt das auch für Brüssel?

Moser: Ja. Und für die Anschläge von Paris und jene auf Charlie Hebdo, Boston, London und Madrid. In allen Fällen ist mindestens eine Person bereits polizeibekannt gewesen. Ausgehend von dieser hätte Thinthread jeweils das gesamte Netzwerk offengelegt und in Echtzeit die Entwicklung des Terrorplots überwacht. Dadurch, dass die Nachrichtendienste alles über alle sammeln, verlieren sie aber die Echtzeitauswertung und die Möglichkeit, Bedrohungsszenarien in einem frühen Stadium zu begegnen.

foto: robert newald
Friedrich Moser bei Dreharbeiten nahe der Abhöranlage "Königswarte". Faktizität hat für Moser Priorität. Eine Anwältin hat für "A Good American" jedes Wort und jedes Bild überprüft.

STANDARD: Kann man eine solche Kausalität tatsächlich behaupten?

Moser: Ja, weil so viele Knoten des Attentäternetzwerks bereits vor 9/11 aufgedeckt worden wären. Und es gibt den physischen Beweis: Im Frühjahr 2002 führte der damals hochrangige NSA-Angestellte Tom Drake einen Testlauf durch, mit einem Kenntnisstand vor und nach 9/11. Da wurde das Programm durch die NSA-Datensammlung gejagt, und es begann sofort, die Identitäten der Attentäter und ihres Netzwerkes zu liefern – und die Ziele. ThinThread hätte diese Daten gefunden; es wäre unmöglich gewesen, diese Warnhinweise zu unterdrücken. In der Folge wurde von der NSA alles unternommen, dass ThinThread nicht an die Öffentlichkeit gelangt.

STANDARD: Macht man mit einer solchen These nicht dennoch einer Verschwörungstheorie die Türe einen Spaltbreit auf?

Moser: Klar ist diese Geschichte unglaublich! Aber die Faktizität hat für uns Priorität. Schon aus rechtlichen Gründen – unsere New Yorker Anwältin hat jedes Wort und jedes Bild überprüft.

STANDARD: Wofür hat die NSA die Daten gesammelt, wenn sie die Anschläge nicht verhindert hat?

Moser: Es gibt Hinweise, dass die NSA, seit die Bush-Cheney-Regierung im Amt war, also seit Beginn 2001, versucht hat, auf US-amerikanische Benutzerdaten zuzugreifen, was wiederum darauf schließen lässt, dass das wirkliche Ziel der Massenüberwachung nicht die Terrorüberwachung ist.

agoodamerican

STANDARD: Was sprach dagegen, in Ihrem Film außer ehemaligen NSA-Agenten, die alle auf Binneys Seite stehen, neutrale Beobachter, etwa Politikwissenschafter oder Analytiker, zu Wort kommen zu lassen?

Moser: Weil alle diese Leute, die wir ursprünglich vorgesehen hatten, die Geschichte auch nur von Bill Binney und seinen Kollegen kannten – da halte ich mich lieber an die, die selbst dabei waren und mit dem Bericht des Pentagons als Back-up. Und ein zweiter Grund ist, dass es ein Kinofilm ist und es mir darum geht, eine Geschichte spannend zu erzählen. Die Geschichte soll greifbar werden. Da sind viele gestalterische Möglichkeiten nebeneinander wichtig.

STANDARD: Nach welchen Kriterien wählen Sie diese Möglichkeiten aus?

Moser: Form follows function. Man kann einen Dokumentarfilm, der einen Thriller zum Thema hat, auch wie einen Thriller inszenieren, was wir etwa mit einem Orchesterscore unterstützt haben. Da halte ich es mit Michael Moore: Lieber ein unterhaltsamer Film als ein langweiliger. (Michael Pekler, 5.4.2016)

Friedrich Moser, geb. 1969 in Gmunden. Studium der Geschichte und Germanistik in Salzburg und Bilbao. 2012 drehte er "The Brussels Business".

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