Die Zeit, die ist ein sonderbares Ding

4. April 2016, 12:32
posten

Liederabend von Renée Fleming und Philippe Jordan im Großen Musikvereinssaal

Wien – Die Zeit, die ist ein sonderbares Ding: Seit drei Jahrzehnten schon betört Renée Fleming in den großen Opern- und Konzerthäusern dieser Welt, wenn sie nicht gerade bei der Super Bowl oder am Brandenburger Tor oder zum Thronjubiläum von Elisabeth II. singt oder am Broadway Theater spielt. An der Wiener Staatsoper gab die US-Amerikanerin erst 2013 eine leise, weise Rosenkavalier-Marschallin; 2008 war sie ebendort als Gräfin in Capriccio zu erleben. Die Premierenserie leitete damals Philippe Jordan.

Nun war sie mit dem Musikdirektor der Pariser Oper und dem Chefdirigenten der Wiener Symphoniker auf einem Konzertpodium zu erleben: Jordan begleitete Fleming bei ihrem Liederabend im Großen Musikvereinssaal, der befrackte Schweizer tat dies auf eine butlerhaft korrekte, rücksichtsvolle Art. Natürlich gab es hierbei auch Liedgut von Richard Strauss zu hören: ausgewählte großartige Kleinodien wie sein Allerseelen aus op. 10 oder Meinem Kinde aus op. 37.

Fleming ist eine äußerst gewinnende Liedsängerin, ihre Interpretationen sind – auf eine dezente und charmante Art – durchdrungen, verlebendigt vom theatralischen Animo der Oper. Bei Allerseelen mochte man sich die Marschallin an ihrem Lebensabend vorstellen, wie sie sich an einen verstorbenen Geliebten erinnert.

Robert Schumanns Liederzyklus Frauenliebe und Leben hingegen trug sie passenderweise mit einer Jungmädchenbegeisterung vor, zu der ihr glänzend-heller, geschmeidiger Sopran gut passte. Dieser zeigte in der höheren Lage leichte Abnützungserscheinungen, hier wirkte Fleming angestrengt, Sprödheit mischte sich in den Glanz. Doch just am Ende des Programms, beim letzten der fünf Rachmaninow-Lieder, Frühlingsgewässer, packte Fleming noch zwei fulminante Spitzentöne aus. Zuvor hatte sie bei dem ihr gewidmeten vierteiligen Zyklus Le temps l’horloge von Henri Dutilleux noch zu immerwährender Trunkenheit aufgerufen, mit den Worten Baudelaires.

Trunken zeigte sich auch das Publikum vom Reiz und von den Künsten Flemings, mit Gershwins Summertime, Puccinis O mio babbino caro und Strauss‘ Morgen bedankte sich die Sopranistin für den großen Beifall. (Stefan Ender, 4.4.2016)

Share if you care.