Vom Analphabeten bis zur Judosportlerin

Reportage7. April 2016, 13:44
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In einer eigenen Klasse lernen jugendliche Flüchtlinge in der Privatschule Dr. Roland Deutsch. Manche müssen erst schreiben lernen

Wien – Die Schüler schauen ihren Lehrer Georg Buchinger erst schweigend an. Dann beginnen sie auf Arabisch und Farsi zu murmeln, die Diskussionen werden lauter. Einer der Jugendlichen zieht sein Handy aus der Jeanstasche und beginnt zu tippen. "Schaust du auf Google Translate nach? Das ist schlau", sagt Buchinger. Der Bursche sagt ein Wort auf Arabisch. "Aaahhh", raunt es durch die Reihen. Einige Schüler senken ihre Köpfe und schreiben das neu gelernte Wort "Seite" in ihr Vokabelheft.

Buchinger steht vor einem Smartboard, einer digitalen Tafel mit Internetverbindung, in einem Klassenzimmer vor siebzehn Schülern. In der ersten Reihe sitzen sieben Mädchen, in jenen dahinter die Burschen. Die Jugendlichen sind zwischen 15 und 19 Jahre alt, es sind Flüchtlinge aus Syrien, Afghanistan, dem Irak und Pakistan. Sie sind nicht mehr schulpflichtig und werden deshalb nur teilweise an den staatlichen berufsbildenden Schulen unterrichtet. Direktor Matthias Roland hat deshalb im Februar in seiner Privatschule Dr. Roland im siebten Wiener Bezirk eine Klasse für Flüchtlinge in diesem Alter eingerichtet. Die Lehrer der Schule unterrichten dort kostenlos und freiwillig.

Wörterbuch auf dem Handy

Buchinger unterrichtet eigentlich Englisch, heute lehrt er gemeinsam mit Deutschlehrerin Stephanie Mayer in der Flüchtlingsklasse deutsche Vokabel. Weil es keine gemeinsame Sprache gibt – nur manche der Schüler sprechen Englisch –, arbeiten die Lehrer mit Bildern. Um etwa den Unterschied zwischen einer Badewanne und einer Dusche zu erklären, googelt Mayer am Smartboard nach Badewannen und zeigt die Bilder.

Die Flüchtlinge besuchen den Kurs nachmittags von Montag bis Freitag für vier Unterrichtsstunden. Fast alle sind im Flüchtlingsquartier in der Vorderen Zollamtstraße im dritten Bezirk untergebracht.

An diesem Donnerstag hat Deutschlehrerin Stephanie Mayer Geschenke für sie mitgebracht. Sie durften sich etwas zu Ostern wünschen. "Du hast geschrieben, dass du Schuhe möchtest", sagt Mayer langsam und deutlich zu einem Schüler, der alleine in der zweiten Reihe sitzt, und zeigt dabei auf ihre eigenen Schuhe. "Ich wusste nicht, welche Art du möchtest. Möchtest du Sportschuhe oder andere Schuhe?", fragt sie und zeigt dabei auf Turnschuhe, die sie einem Mädchen geschenkt hat. Der junge Afghane sagt nichts, seine Mitschülerin, die 18-jährige Fatima Qalandari, sagt etwas auf Farsi zu ihm. Er antwortet, ebenfalls auf Farsi. "Er möchte Sportschuhe", sagt Fatima zur Lehrerin auf Deutsch.

Von Ghazni nach Wien

Fatima ist vor kurzem aus dem Flüchtlingsquartier in der Vorderen Zollamtstraße ausgezogen und lebt jetzt mit ihrer Familie in Achau in Niederösterreich. Die Schülerin trägt ein schwarzes Kopftuch und einen hell geblümten, knielangen Rock über einer schwarzen Hose. "Ich muss jeden Tag eine Stunde mit dem Zug fahren", erzählt sie auf Englisch. Weil ihr der Kurs aber so gut gefällt, nimmt sie den Weg trotzdem auf sich. Die Kosten des Monatstickets der Jugendlichen übernimmt die Schule. Fatima ist vor einem halben Jahr nach Wien gekommen, sie besucht den Kurs seit dem Start im Februar. Die 18-Jährige stammt aus dem 6000 Kilometer entfernten Ghazni in Afghanistan. Sie möchte professionelle Judosportlerin werden. "Das geht in Afghanistan nicht, das geht nur in Europa."

Die Schüler lernen, das Verb "arbeiten" zu konjugieren. "Ich arbeite, du arbeitest, er, sie, es arbeitet, wir arbeiten, ihr arbeitet, sie arbeiten", sagen die Schüler im Chor. Manche lauter als andere. "Was arbeite ich?", fragt Mayer. "Du arbeitest in die Schule", antwortet ein Mädchen. "Ich arbeite in DER Schule", korrigiert die Lehrerin. "Was möchtest du arbeiten?", fragt sie Mohammed, der in der letzten Reihe sitzt. "Fußball", sagt der. "Ich möchte als Fußballspieler arbeiten", schreibt Mayer auf das Smartboard. Ein Schüler möchte Chirurg werden, ein Mädchen aus dem Irak Ärztin, ein anderer Bursch Apotheker.

Schreibübungen für Analphabeten

"Der Leistungsstand ist sehr unterschiedlich", erzählt Mayer in einer Pause. "Zwei der Schüler können nicht schreiben." Andere sprechen und schreiben fließend Englisch. Diese verschiedenen Gruppen gemeinsam zu unterrichten sei nicht einfach. In einer der vier Stunden unterrichten deshalb Buchinger und Mayer gemeinsam. Der Lehrer führt neue Vokabel ein, während die Lehrerin mit den beiden Analphabeten Schreibübungen macht.

"Die Lehrer hier sind besser", antwortet ein junger Iraker auf die Frage, worin sich diese Schule von jener aus seinem Herkunftsland unterscheidet. "Ja, sie sind auch freundlicher", sagt eine Kollegin, die auch aus dem Irak stammt. "Bei uns waren die Lehrer nicht gut", sagt Fatima. "Deutsch ist sehr schwer, aber ich will es lernen."

Der Kurs endet mit dem Schuljahr im Juni. Dann bekommen die Jugendlichen eine Besuchsbestätigung, in der die Dauer, der Unterrichtsstoff und die Anzahl der Einheiten festgehalten sind. Im Herbst ist eine Fortsetzung geplant. Falls sich Lehrer aus anderen Schulen freiwillig melden, geht sich vielleicht sogar eine zweite Klasse aus, hofft Direktor Roland. (Lisa Kogelnik, 7.4.2016)

  • Die Flüchtlingsklasse in der Privatschule Dr. Roland. Drei Mädchen wollten nicht fotografiert werden.
    foto: standard/urban

    Die Flüchtlingsklasse in der Privatschule Dr. Roland. Drei Mädchen wollten nicht fotografiert werden.

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