Europa schiebt seine ersten 202 Flüchtlinge ab

5. April 2016, 08:16
813 Postings

Mit drei Fährschiffen hat Frontex am Montag erstmals Flüchtlinge von den griechischen Inseln Lesbos und Chios in die Türkei zurückgebracht

Athen/Ankara/Hannover – Sie saßen an Bord, eingekeilt zwischen Polizisten, die Schutzmasken gegen Bakterien vor dem Mund trugen und die hellblaue Armbinde der europäischen Grenzschutzbehörde Frontex. Europa hat am Montagmorgen die ersten 202 Flüchtlinge in die Türkei abgeschoben. Reibungslos, aber unschön. "Öffnet die Grenzen", stand auf Plakaten und Kartontafeln, die Menschenrechtsaktivisten im Hafen von Mytilini hochhielten, dem Hauptort der griechischen Insel Lesbos. Da waren die Fähren, die Frontex gechartert hatte, schon unterwegs zur türkischen Küste.

Um drei Uhr morgens, im Schutz der Nacht, begannen die griechische Polizei und die Frontex-Offiziere auf Lesbos die Flüchtlinge einzusammeln. 136 Männer werden für die kurze Busfahrt zum Hafen registriert. Es sind Migranten, die keinen Antrag auf Asyl gestellt und ohnehin keine Chance auf einen Verbleib in der EU haben sollen: 124 Pakistaner, vier Sri-Lanker, zwei Inder, drei Bangladescher, ein Iraker, aber auch zwei syrische Flüchtlinge.

Das Abkommen, das die EU und die Türkei geschlossen hatten, sieht die Rückführung aller Flüchtlinge vor, die nach dem 20. März illegal auf die griechischen Ägäis-Inseln gelangen. Die Türkei erhält dafür wenigstens sechs Milliarden Euro, die Visafreiheit ihrer Bürger und ihrerseits die Garantie für die Umsiedlung derselben Zahl syrischer Kriegsflüchtlinge aus der Türkei in die EU. Der "größte offizielle Menschenhandel in der Geschichte der Menschheit", wie eine Demonstrantin in der türkischen Hafenstadt Dikili am Montag auf einen Kartondeckel schrieb, soll den Flüchtlingsstrom nach Europa kappen. Fast eine Million Flüchtlinge landeten seit Anfang 2015 auf Lesbos und den anderen Inseln vor der türkischen Küste, mehr als 150.000 seit Beginn des Jahres.

Ein Polizist pro Flüchtling

Um sechs Uhr früh am Montag, weit vor der Zeit, die von der griechischen Küstenwache als angeblicher Abfahrtstermin verbreitet worden war, besteigen die Flüchtlinge die erste der beiden türkischen Fähren nach Dikili, einer Hafenstadt auf dem gegenüberliegenden Festland. Auf Chios, der nächsten Insel südlich von Lesbos, läuft es ähnlich. Dort waren die ersten Abschiebekandidaten schon Sonntagnacht in ein ehemaliges Sammellager gebracht worden. 66 Flüchtlinge sind es, darunter auch Frauen aus der Elfenbeinküste und der Demokratischen Republik Kongo. Die Sicherheitsvorkehrungen sind streng: Jeder abgeschobene Flüchtling hat einen Polizeibeamten an der Seite. Aus dem Krisenstab der Regierung in Athen verlautet, weitere Abschiebungen seien diese Woche doch nicht mehr vorgesehen. Denn die zurückgebliebenen Flüchtlinge auf den Inseln – mehr als 5000 sind es – hätten sich nun beeilt, Asylanträge zu stellen.

Auf türkischer Seite spricht Innenminister Efkan Ala dagegen von insgesamt 500 Migranten, die erwartet würden; 400 Namen seien bereits von den griechischen Beamten übermittelt worden. Volkan Bozkir, der türkische Europaminister, erklärt, die am Montag zurückgebrachten Flüchtlinge würden zunächst nach Osmaniye gebracht, eine weiter im Süden gelegene Küstenprovinz. Syrische Kriegsflüchtlinge kämen zurück in die türkischen Lager, andere Migranten würden in ihre Herkunftsländer abgeschoben. Dass die Türkei seit Jänner Tausende von Syrern mit Gewalt in das Bürgerkriegsland zurückgebracht hätte, wie Amnesty International angab, hatte das Außenministerium in Ankara am vergangenen Wochenende als falsch zurückgewiesen.

Ankunft in Hannover

Am Flughafen in Hannover in Deutschland trafen im Gegenzug am Montagmorgen und dann noch einmal zu Mittag insgesamt 32 syrische Kriegsflüchtlinge ein. Die Familien wurden zunächst in das Aufnahmelager Friedland gebracht. An der Umsiedlung der ersten Syrer gemäß dem EU-Türkei-Abkommen beteiligen sich neben Deutschland noch die Niederlande, Frankreich und Portugal. Das Innenministerium in Wien erklärte, es gäbe "noch keine zeitliche Perspektive" für die Aufnahme von Flüchtlingen. (Markus Bernath, 5.4.2016)

  • Im Hafen von Mytilini auf Lesbos gehen Flüchtlinge auf eine Fähre.
    foto: ap / petros giannakouris

    Im Hafen von Mytilini auf Lesbos gehen Flüchtlinge auf eine Fähre.

  • In der türkischen Hafenstadt Dikili kommen sie an.
    foto: afp / ozan kose

    In der türkischen Hafenstadt Dikili kommen sie an.

  • Syrische Flüchtlinge kommen am Flughafen von Hannover an.
    foto: afp/tobias schwarz

    Syrische Flüchtlinge kommen am Flughafen von Hannover an.

Share if you care.