Glanz und Grenzgang

3. April 2016, 19:00
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Philharmoniker unter Kirill Petrenko

Wien – Erstes Philharmonisches nach dem Ableben von Nikolaus Harnoncourt – und es fehlte (im Programmheft) nicht an Erinnerungen an einen, dem musikalische Verharmlosung als Übel galt. Philharmoniker-Vorstand Andreas Großbauer sprach von "bahnbrechenden Interpretationen", die "uns an unsere Grenzen und darüber hinaus" geführt und "uns vor den Kopf gestoßen, erschüttert – und überzeugt" hätten.

Und Geiger Martin Kubik erinnerte an einen, der nicht nur Fans hatte: Er habe die Musiker "mit ungewohnten Anforderungen" aus der "Komfortzone geholt." Und wenngleich ein Kirill Petrenko jetzt nicht in einer direkten ästhetischen Linie zu Harnoncourt zu sehen wäre: Auf seine Art ist der zukünftige Chef der Berliner Philharmoniker und Musikchef der Bayerischen Staatsoper ein ähnlicher Risikomusiker, der reines Verwalten von interpretatorischer Sicherheitskost meidet.

Im Musiverein war zu erleben, wie etwa Mendelssohn Bartholdys 3. Symphonie in flotter Gangart, unsentimental und – bei aller durchschimmernden Poesie – akzentuiert bis zur Ruppigkeit erweckt wurde. Wobei im 4. Satz die kontrapunktischen Künste des Frühromantikers transparent zelebriert wurden.

Transparenz ja, gerne jedoch auch weniger davon – als "Opfer", um im Tuttibereich Dringlichkeit, Direktheit des Ausdrucks zu erlangen – dies wurde hörbar bei Mahlers Lied vor der Erde. Es hätte mitunter mehr Ausgewogenheit gebraucht. Allerdings ist auf der Gewinnseite dieser forschen, mit flotten Tempi versehenen Version eine entfesselt vermittelte Modernität zu verbuchen. Aufschreiende Strukturen gab es (das Ende von Der Trunkene im Frühling), es klang nach Harnoncourts "an Grenzen führen".

Im vokalen Bereich zeigte der für Johan Botha eingesprungene Robert Dean Smith leider nur die Schwere der Partie auf. Elisabeth Kulman hingegen zauberte – etwa beim Abschied – Momente kostbarster Poesie, die auch szenischen Opernabenden Glanz verleihen würden. Aber Szenisches meidet Kulman. Schade. (Ljubisa Tosic, 3.4.2016)

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