"Arbeiterfrauen hatten ein schlechtes Gewissen den Kindern gegenüber"

Interview5. April 2016, 06:00
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Ethnologin Marita Metz-Becker über die Ursprünge des Mythos Mutterschaft

STANDARD: Geburt und Mutterschaft waren einst in eine Frauengemeinschaft eingebettet. In Ihrem Buch "Mutterbilder" schreiben Sie, dass mit der "kopernikanischen Wende" in der Geburtshilfe im 18. Jahrhundert die Ärzte die Hebammen verdrängten.

Metz-Becker: Ja, zuvor war die Geburtshilfe ein Hebammengeschäft. Mit der Aufklärung will man den Aberglauben abschaffen, bezichtigt die Hebammen des Halbwissens, und das Fach Geburtshilfe avanciert zu einem wissenschaftlichen Fach an den Universitäten. Hier konnten jetzt erstmals die Ärzte Frauen auch am Mutterleib untersuchen. Das fängt im 18. Jahrhundert mit der Geburtshilfe an und mündet Mitte des 19. Jahrhunderts in die Gynäkologie. Die allerersten Accoucheure, die Geburtshelfer, finden wir in Frankreich – wenig später auch in Deutschland. Es werden jetzt flächendeckend Accouchieranstalten gegründet, die vordergründig unehelich Schwangeren ein Obdach bieten wollen, gleichzeitig aber als Lehranstalten fungieren und die Frauen als "schwangeres Material" betrachten. Da ging natürlich keine verheiratete bürgerliche Frau hin. Das Acchouchierhaus war ein Ort für "gefallene Dirnen" und "liederliche Weibsstücke", wie es im O-Ton hieß, also uneheliche Mütter. Uneheliche Schwangerschaft war anzeigepflichtig, und der Dienstherr musste dafür sorgen, dass die schwangere Magd ins Accouchierhaus ging, da sie sonst unter Umständen ihr Kind hätte töten können. Um 1800 gab es eine hohe Kindsmordrate. Die Accouchieranstalten sahen sich auch als Vorbeugung zum Kindsmord.

STANDARD: Ging damit auch die hohe Müttersterblichkeit zurück?

Metz-Becker: Nein, das nicht. Es wurde im Accouchierhaus zu oft operativ eingegriffen, und viele Frauen und Kinder starben. Der berühmte Accoucheur aus Göttingen, Friedrich Benjamin Osiander, hat zum Beispiel eine eigene Geburtszange entwickelt. 40 Prozent all seiner Geburten hat er mit der Zange beendet und dabei auch "hochstehende Zangen" gemacht – das würde heute kein Arzt mehr wagen: Noch bevor überhaupt das Kind in den Geburtskanal kam, hat er schon mit der Zange gezogen und gearbeitet. Wir haben nachgewiesen, dass man in diesen Häusern keineswegs sicherer war als bei einer Hebamme zu Hause. Zunächst gelang es den Ärzten auch nicht, die Hebammen vollständig zu verdrängen. Noch am Vorabend des Ersten Weltkriegs gingen in Deutschland nur ein Prozent aller Frauen zum Entbinden in eine Klinik. Heute hingegen haben wir nur noch maximal fünf Prozent außerklinische Geburtshilfe.

STANDARD: Selbstlosigkeit, Aufopferung und Engelsgeduld sind Eigenschaften der "idealen Mutter". Sie schreiben von einem Mythos Mutterschaft. Wie ist es zu diesem Mythos gekommen?

Metz-Becker: Dieses Mutterbild entstand mit der Geburt der sogenannten modernen Familie, der klassischen Kleinfamilie, im ausgehenden 18. Jahrhundert. Mit der Französischen Revolution und dem Erstarken des Bürgertums entwickelt sich auch ein bürgerliches Mutterbild. Friedrich Schiller hat dieses Geschlechterrollenbild sehr schön in seinem "Lied von der Glocke" formuliert: "Der Mann muss hinaus ins feindliche Leben, und drinnen waltet die züchtige Hausfrau." Die Stellung der Frau wurde massiv geschwächt. Zunächst betraf dieses Mutterbild natürlich nur eine kleine bildungsbürgerliche Elite, aber diese war leitbildgebend. Im Biedermeier hat die Frau hinter den Gardinen des Häuslichen zu verschwinden. Sie kann keinen eigenen Lebensentwurf entwickeln und hat keine erfüllenden Aufgaben. Jetzt soll sie im Häuslichen, in ihrer Mutterrolle aufgehen. Dazu kommt der wissenschaftliche Blick auf Mutterschaft, der behauptet, es sei die natürliche Rolle der Frau, Kinder zu kriegen und damit ans Haus gebunden zu sein. An eine eigene Berufstätigkeit war nicht zu denken. Der Mann galt als Ernährer, und die Frau hatte sich ihm unterzuordnen. Das waren die neuen Rollenmuster des Bürgertums.

STANDARD: So eine Mutterliebe musste man sich also auch leisten können?

Metz-Becker: Mit der Industrialisierung und der Herausbildung des Proletariats existieren ja ganz andere Zustände. Arbeiterfrauen, die eben nicht zu Hause sitzen und ihre Kinder betreuen, sondern Geld verdienen müssen. Gleichzeitig hatten sie kaum Zugang zu Verhütungsmitteln und somit jedes Jahr ein Kind. Die Arbeiterfrauen der Weimarer Republik sind auf die Barrikaden gegangen und haben für die Legalisierung der Abtreibung gekämpft. SozialdemokratInnen und KommunistInnen haben sich für Sexualberatungsstellen eingesetzt, wo sich die Mütter zeigen lassen konnten, wie sie den "Kindersegen" verhindern konnten. Damals gab es eine Broschüre "Kindersegen – und kein Ende?", das war natürlich ein Pamphlet. Es war ja auch der Gesundheit nicht zuträglich, so viele Kinder zu haben. Sie hatten aber nun dieses bürgerliche Ideal vor Augen und imitierten es in kleinbürgerlicher Manier mit dem immerzu schlechten Gewissen, dass sie sich ihren Kindern nicht genügend widmen konnten, da ihnen ja die freie Zeit, die die Mütter im Bürgertum hatten, gar nicht zur Verfügung stand.

STANDARD: Das Wort Rabenmutter, mit dem sich Mütter ständig schuldig fühlen, weil sie am gesellschaftlichen Ideal scheitern, existiert zum Beispiel im Französischen nicht. Inwiefern unterscheiden sich hier die Bilder von Mutterschaft?

Metz-Becker: Frankreich hat nach der Französischen Revolution eine völlig andere Entwicklung genommen. Die französische Philosophin Élisabeth Badinter hat versucht, diese Entwicklung zu beschreiben. Die Französinnen haben schon damals, in der Revolutionszeit, Kinder zu Ammen aufs Land gegeben. Es gab ein unheimlich verbreitetes Ammenwesen in Frankreich, auch Jean-Jacques Rousseau hat seine Kinder weggegeben. Die Kindersterblichkeit war in allen Ländern zu der Zeit sehr hoch. Wenn die Kinder die ersten drei Jahre überlebten, kamen sie zurück in die Familien. Bis heute geben die Französinnen ihre Kinder nach wenigen Monaten in eine Ganztagsbetreuung und sehen sich dabei nicht als Rabenmutter. In Frankreich hat man kein schlechtes Gewissen, wenn man tagsüber sein Kind weggibt und abends wieder nach Hause holt. Dort gibt es ja auch seit langem die Ganztagsschule, anders als in Deutschland.

STANDARD: Was bräuchten Mütter heute, um Beruf und Familie besser vereinbaren zu können?

Metz-Becker: Nicht nur Mütter, sondern auch Väter. Ich denke, es ist ein Generationenwechsel da, es ändert sich etwas, aber es geht sehr langsam. Die SkandinavierInnen sind da weiter. In Dänemark werden Männer, die nach Büroschluss noch arbeiten, gefragt: Wieso bist du noch hier? Hast du zu Hause keine Familienarbeit zu leisten? Dieses Umdenken ist nötig. Wir müssen dorthin kommen, dass Familienarbeit auf beide Geschlechter verteilt wird. (Christine Tragler, 5.4.2016)

Marita Metz-Becker lehrt am Institut für Europäische Ethnologie/Kulturwissenschaft an der Philipps-Universität Marburg.

  • Metz-Becker: "In Dänemark werden Männer, die nach Büroschluss noch arbeiten, gefragt: Wieso bist du noch hier? Hast du zu Hause keine Familienarbeit zu leisten? Dieses Umdenken ist nötig."
    foto: istock

    Metz-Becker: "In Dänemark werden Männer, die nach Büroschluss noch arbeiten, gefragt: Wieso bist du noch hier? Hast du zu Hause keine Familienarbeit zu leisten? Dieses Umdenken ist nötig."

  • "In Frankreich hat man kein schlechtes Gewissen, wenn man tagsüber sein Kind weggibt und abends wieder nach Hause holt. Dort gibt es ja auch seit langem die Ganztagsschule, anders als in Deutschland", sagt die Ethnologin Marita Metz-Becker.
    foto: privat

    "In Frankreich hat man kein schlechtes Gewissen, wenn man tagsüber sein Kind weggibt und abends wieder nach Hause holt. Dort gibt es ja auch seit langem die Ganztagsschule, anders als in Deutschland", sagt die Ethnologin Marita Metz-Becker.

  • Helga Krüger-Kirn, Marita Metz-Becker, Ingrid Rieken (Hg.)MutterbilderKulturhistorische, sozialpolitische und psychoanalytische PerspektivenPsychosozial-Verlag 2016200 Seiten, 24,90 Euro
    foto: psychosozial-verlag

    Helga Krüger-Kirn, Marita Metz-Becker, Ingrid Rieken (Hg.)
    Mutterbilder

    Kulturhistorische, sozialpolitische und psychoanalytische Perspektiven
    Psychosozial-Verlag 2016
    200 Seiten, 24,90 Euro

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