Hofburg-Wahl: Stimmung entscheidet über den Sieg

Kolumne3. April 2016, 17:54
37 Postings

Diesmal spielen die Parteien eine geringe Rolle. An ihre Stelle tritt die Konkurrenz der Stimmungen

Bisher galten bei den Wahlen für das Amt des Bundespräsidenten stets zwei Faktoren als ausschlaggebend: 1. die Partei, 2. die Persönlichkeit des Kandidaten. Diesmal spielen die Parteien in der Auseinandersetzung um den Einzug in die Wiener Hofburg eine geringe Rolle. An ihre Stelle tritt die Konkurrenz der Stimmungen.

Die "Wut" über die neoliberalen Boni-Banker, deren Versagen letztlich die Steuerzahler eintunkt, der "Ärger" über die Hilflosigkeit der Regierungen bei der Bewältigung der Flüchtlingsströme münden in ein negatives "Gesamtgefühl", das nur wenige durch stolzes Aufrichten, leichten Gang oder gar gespielte Heiterkeit überwinden können. In seinem Buch Das Gefühl der Welt (Hanser-Verlag) nennt das der deutsche Soziologe Heinz Bude eine "gereizte Stimmung", die zu missmutigen Affekten führt – zur noch nie dagewesenen Hinwendung zu rechtspopulistischen Parteien zum Beispiel.

Übergangsfigur Klestil

Eine Art Übergangsfigur von der Parteiendemokratur zur "Stimmungsmacht der Massen" (Heinz Bude) war Thomas Klestil. Die Volkspartei hat den Diplomaten und ausgewiesenen Antifaschisten als Konsequenz aus den schlechten Erfahrungen mit Kurt Waldheim nominiert. An der Wende zum 21. Jahrhundert kam es in Wien jedoch zur Ouvertüre jener Populismus-Oper, die Europa gerade überzieht. Klestil wehrte sich ohne Erfolg, dass sein "Parteifreund" Wolfgang Schüssel und dessen Koalitionär Jörg Haider den Ballhausplatz erobern.

Auf die Turbulenzen folgte Ruhe – geprägt vom Sozialdemokraten Heinz Fischer, einem wissenschaftlich gebildeten Bürgerpräsidenten. Klestil dilettierte mit dem Versuch, den "wie ein Wasserzeichen durch das Amt schimmernden Kaiser" (Manfried Welan, Politologe) zu imitieren. Fischer kehrte zur ursprünglichen Rolle des republikanischen Staatsoberhaupts zurück.

Wut-Varianten der Wahlbürger

Jetzt haben wir sechs Kandidaten. Drei von ihnen, Irmgard Griss, Alexander Van der Bellen und Norbert Hofer, entsprechen den Wut-Varianten der Wahlbürger.

Griss ist so unabhängig, wie man nur unabhängig sein kann, trotzdem geprägt von der Justiz, zu deren Prinzipien weder das Aufbegehren noch der Hang zur Utopie gehören. Diese Blicke sind eher dem grün-liberalen Van der Bellen zu eigen, wenngleich er sie gut kaschiert. Der Professor passt zur "Heimat" der Alpen genauso gut wie zum Café des Fin de Siècle. Die Stimmung gegen das Fremde und für das Populistische repräsentiert Norbert Hofer. Seine Partei sorgt für die rechte Tönung – wie in der ehemaligen Arbeiterhochburg Kapfenberg.

Alles ist möglich

Diese Stimmungen blasen den Regierungskandidaten ins Gesicht. In einer Zeit, da es fast nur noch Wechselwähler (innen) gibt, da die (Volks-)Parteien-Verdrossenheit an einem Höhepunkt ist, die Verfilzung zwischen Boulevard und Spitzenpolitik gleichermaßen, ist so ziemlich alles möglich.

Andreas Khol versucht es staatstragend – mit Plakaten, die man schon unter Adolf Schärf hätte affichieren können. Rudolf Hundstorfer macht sich mit denen da unten gemein. Für beide Zugänge fehlt eine Stimmung. (Gerfried Sperl, 3.4.2016)

Share if you care.