Und manchmal denkt Keita ans Meer

2. April 2016, 08:00
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Naby Keita zählt zu den besten Fußballern in der Bundesliga. Der 21-Jährige aus Guinea ist der Regisseur von Meister RB Salzburg. Am Sonntag spielt er im Happel-Stadion gegen Rapid. Es ist ein Zwischenstopp auf einer langen Reise

Salzburg/Wien – Naby Keita glaubt, dass Gott auf ihn schaut. Der 21-Jährige betet jeden Tag, unmittelbar vor Anpfiff ersucht er zusätzlich darum, "gesund zu bleiben". Er stellt Gott nicht vor unlösbare Probleme, das Schäfchen würde nie den Sieg erbitten. Das hat pragmatische Gründe. "Beim Gegner beten auch Spieler. Die wollen ebenfalls drei Punkte. Wie sollte Gott gerecht entscheiden?" Die Schlussfolgerung wäre, "dass alle Fußballpartien unentschieden ausgehen. Das wäre schlecht." Wobei Red Bull Salzburg am Sonntag im Schlager bei Rapid mit einem Remis leben könnte, der Vorsprung bliebe dann bei vier Zählern. "Aber wir kommen nach Wien, um uns abzusetzen."

Keita wurde am 10. Februar 1995 in Conakry, der Hauptstadt Guineas, geboren. Sechs Geschwister, der Vater repariert Motorräder, die Familie ist arm. "Alle Menschen in unsere Siedlung waren und sind arm. Die wirtschaftliche Lage ist schlecht, es gab Krieg, mittlerweile ist Ruhe. Die Leute helfen sich gegenseitig, sie sind in ihrer Verzweiflung trotzdem fröhlich und glücklich."

Der kleine Naby spielte auf der erdigen Straße Fußball. Jeden Tag und stundenlang. Der Ball bestand aus Stoffresten, ein Plastiksackerl wurde drübergestülpt. Fußballschuhe kannte er nur aus dem Fernsehen, wobei die Keitas keinen Fernseher hatten. "Ein Nachbar ein paar Straßen weiter besaß einen. Dort haben wir uns versammelt." Der bloßfüßige Naby wurde bald zur Attraktion. Mach' was aus deinem Talent, haben sie ihm gesagt. Er solle seinen Traum verwirklichen und dabei nicht auf seine Freunde und Familie vergessen. Ein älterer Herr, er betrieb um die Ecke eine kleine Bar, kaufte dem Sechsjährigen ein Paar Fußballschuhe. Mit Stoppeln und Bändern. "Er hat sich das abgespart. Ich bin ihm bis heute dankbar." Nabys erster Verein wurde der Santoba FC. "In Guinea ist der Klub recht populär." Er schaltete im zentralen Mittelfeld, entwickelte Präzision und Torgefährlichkeit. "Ich wollte und musste nach Europa."

Naby übersiedelt nach Frankreich zum FC Istres, 2013 bestritt er beim Zweitligisten seine erste Profisaison. "Die Einsamkeit war nicht so schlimm, es gab keine Sprachschwierigkeiten, Französisch ist überall Französisch." Red Bull Salzburg schlug im Sommer 2014 zu. Keita kannte den Klub aus der Europa League. In Frankreich hatte er einen Fernseher.

Grüner als Guinea

Ankunft in Österreich, Keita versteht nicht einmal Bahnhof. "Deutsch ist schwierig. Aber die Leute haben mir geholfen, Fußballer finden recht schnell Freunde." Die Natur, die Landschaften, haben ihm sofort gefallen. "Das viele Grün, ganz anders als in Guinea." Er habe mit den Menschen in und um Salzburg positive Erfahrungen gemacht. "Sie haben mir Sympathie und Respekt entgegengebracht, sind höflich und diszipliniert. Vielleicht spürten sie, dass ich die Menschen mag."

Keita gewinnt unter Trainer Adi Hütter das Double. Sein Mitspieler Andreas Ulmer charakterisiert ihn "als positiven Typen, der dauernd lächelt. Auf dem Platz ist er überragend. Wie er sich mit und ohne Ball bewegt, ist einmalig. Er ist eine Bereicherung für die Liga. Wegen so eines Spielers kommen die Leute ins Stadion." Wobei es mehr sein könnten, sagt Keita.

Er steht erst am Beginn seines Traums. Den Vertrag hat er bis 2021 verlängert, das gibt ihm das Gefühl der Sicherheit. Er spürt, dass seine Reise nicht beendet ist, nicht beendet sein kann. Der Marktwert wird auf zehn Millionen Euro geschätzt, Tendenz steigend. Bei einem passenden Angebot lässt ihn Salzburg ziehen. Keita, der Zinedine Zidane bewundert, möchte einmal "der beste afrikanische Fußballer" werden. Zurzeit ist es Yaya Touré von Manchester City, sagt er. In Guinea wurde er bereits zum Spieler des Jahres gewählt. Ein Engagement beim FC Barcelona wäre sozusagen die Endstation des Traums. "Das schaffen aber nur wenige. Es gibt auch andere Adressen." Keita hat ein Lebensprinzip: "Vergiss nie, wo deine Wurzeln sind."

Bild im Kopf

Im Winter ist er während eines Heimatbesuchs an Malaria erkrankt. Fieberschübe, Müdigkeit, keine Kraft. Die Ärzte haben das mittlerweile in den Griff bekommen, "ich bin wieder bei 95 Prozent". Keita sagt, man müsse in der Gegenwart leben, "über die Zukunft entscheidet das Schicksal". Denkt er an Guinea, "habe ich das Bild im Kopf, wie wir als Kinder ins Meer schwimmen gegangen sind". Seiner Familie hat er in Conakry ein Haus gekauft, für sich selbst ein Appartment. "Ich spiele Fußball, um zu helfen."

Am Sonntag wird er kurz vor 15 Uhr im Happel-Stadion beten. "Damit ich gesund bleibe." (Christian Hackl, 2.4.2016)

  • Naby Keita hat in dieser Saison bereits zehn Tore erzielt. "Aber wir müssen uns sicher steigern."
    foto: apa/expa/jfk

    Naby Keita hat in dieser Saison bereits zehn Tore erzielt. "Aber wir müssen uns sicher steigern."

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