Rundschau: Dinger aus einer anderen Welt

Ansichtssache30. April 2016, 10:00
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coverfoto: cross cult

Stephen Baxter: "Eisenwinter"

Broschiert, 608 Seiten, € 17,50, Cross Cult 2016 (Original: "Iron Winter", 2012)

In einigen Besprechungen zum Abschlussband von Stephen Baxters "Nordland"-Trilogie war zu lesen, es sei etwas irritierend, dass Band 1 ("Steinfrühling") und 2 ("Bronzesommer") fast nahtlos aneinander schlössen und nun so ein großer zeitlicher Sprung ins Mittelalter erfolge. – Nun, genau genommen ist zwischen den ersten beiden Bänden fast dreimal so viel Zeit verstrichen wie zwischen "Bronzesommer" und jetzt. Diese Zeit fällt bloß in historische Epochen, aus denen wir eine Vielzahl an Überlieferungen haben, und wirkt dadurch länger. So subjektiv kann Geschichte sein.

Baxter allerdings ist der Mann, dem Objektivität in der Beschreibung großmaßstäblicher Umwälzungen mindestens so wichtig ist wie die Vielzahl persönlicher Perspektiven darauf. Nicht umsonst hat er die drei "Nordland"-Bände jeweils an einem großen klimatischen oder geologischen Ereignis aufgemacht: In Band 1 die – in dieser Welt verhinderte – Flutung der Landverbindung zwischen England und dem Kontinent am Ende der Eiszeit. In Band 2 der Ausbruch der Hekla im 12. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung. Und nun ...

Die Eiszeit hat wieder Saison

Der Karte vorne im Buch können wir entnehmen, dass wir uns nun in der "Nordland"-Entsprechung unseres Jahres 1315 befinden. In unserem Geschichtsverlauf begann damals in Europa eine mehrjährige Hungersnot – das lange Schlechtwetter, das diese auslöste, könnte ein Vorläufer der späteren "Kleinen Eiszeit" gewesen sein. Bei Baxter hält sie sich aber mit "klein" gar nicht erst auf: Die Vergletscherung kehrt zurück wie einst im Pleistozän. Und fast mit dem Tempo von "The Day After Tomorrow"! Baxter lässt diesen Roman nur wenige Jahre umfassen, was für seine Verhältnisse recht kurz ist.

Man könnte jetzt argwöhnen, dass hier geschummelt wird: Sämtliche in den Romanen geschilderten Veränderungen gegenüber unserem Zeitablauf gingen bisher darauf zurück, dass die steinzeitlichen Europäer die Nordsee mit einem gigantischen Wall aufhielten. Und jetzt setzt Baxter einfach noch eine zweite Veränderung oben drauf und verwässert damit das Grundkonzept von Alternate History, dass ein einziges Ereignis eine Kette von Folgewirkungen hat, die immer weitere Kreise ziehen? So willkürlich geht er aber zum Glück doch nicht vor – er wird noch eine Argumentation finden, wie beides zusammenhängt (auch wenn es auf einer hochspekulativen Hypothese beruht).

Die Welt zerfällt

Am Anfang des Romans dürfen wir gleichsam noch einmal sehen, was verloren gehen wird: In Etxelur am großen Wall findet noch einmal das traditionelle Gebefest statt. Die Gäste sind aus allen Regionen angereist, mit denen das Nordland Kontakte pflegt, und dieses Netzwerk reicht mittlerweile von Kathai (China) über den gesamten Orient und Europa bis zu den Hochkulturen der amerikanischen Ureinwohner. Etxelur, wo man inzwischen auch die Dampfkraft entdeckt und am Wall eine Eisenbahnstrecke eingerichtet hat, auf der Dampfkarawanen verkehren, präsentiert sich noch einmal als Nabel der Welt. Was auf den kommenden 600 Seiten folgt, liest sich daher, als wollte Baxter die Zeilen von William Butler Yeats illustrieren: Die Welt zerfällt, die Mitte hält nicht mehr.

Mit seinem Szenario des unaufhaltsamen globalen Niedergangs erinnert "Eisenwinter" stark an Baxters früheren Roman "Die letzte Flut"; etwa auch, was die Allgegenwart von Flüchtlingsmassen anbelangt (in der Nordland-Diktion leicht lächerlich als Nestplumpser bezeichnet). Vergletscherung, Dürren und Fluten – das gesamte Klimasystem gerät aus dem Takt. Da sich die Menschen praktisch überall gezwungen sehen, ihre angestammte Heimat zu verlassen, sind auch sämtliche ProtagonistInnen – von denen es hier noch mehr als in den früheren Bänden gibt – on the road.

Die Hauptfiguren

Da hätten wir etwa Zida und Kassu, zwei Soldaten aus Neu-Hattusa, dem einstigen Troja. Sie gehören zum schon aus Band 2 bekannten Volk der Hattier, das sich hier kurzerhand in seiner Gesamtheit auf den Weg macht, um die Gebiete Karthagos in Besitz zu nehmen. Nach Karthago zieht es auch Rina, eine der weisen Frauen von Etxelur. Ihre Mission ist aber rein persönlich: Sie will nur sich und ihre beiden Kinder Nelo und Alxa vor dem Eis in Sicherheit bringen. Rina wird eher pragmatisch als liebenswert geschildert – angesichts der Mühsal und der Demütigungen, die sie noch auf sich nehmen muss, wird sie einem mit der Zeit aber doch irgendwie ans Herz wachsen.

Und dann hätten wir da noch Rinas Onkel Pyxeas, einen sympathisch-verschrobenen Gelehrten, der als einziger die Ursachen und Wirkungen des radikalen Klimawandels versteht. Um sich mit Kollegen auszutauschen, bricht er nach China auf. In seiner Begleitung befinden sich Avatak, ein junger "Kaltländer" (also ein Inuit aus Grönland), und die amazonenhafte Uzzia, eine Händlerin aus der Romanentsprechung von Venedig. Eine Extraerwähnung verdient sich an dieser Stelle aber auch noch unbedingt ein Maultier mit großer Persönlichkeit.

Und während diese und andere Figuren unterwegs sind, geht rings um sie die Welt den Gletscherbach runter: Flucht, Not, Krieg und Zerfall der Zivilisation samt all ihrer Werte. "Und was ist mit der Freiheit?" – "Freiheit ist etwas für den Sommer."

Not quite happily ever after

"Eisenwinter" ist ein würdiger Abschluss der Trilogie. Mir hat er sogar von allen drei Bänden am besten gefallen: Zum Teil aufgrund der reisebedingten Dynamik, aber vor allem, weil hier der alternative Geschichtsverlauf am weitesten fortgeschritten ist. Rom ist nie zum Weltreich geworden, das Christentum und der Islam spielen nur regional eine Rolle, Karthago und andere antike Reiche leben fort. Das ergibt ein äußerst buntes Gemisch aus Altertum, Völkerwanderungszeit und Mittelalter mit einigen modernen Einsprengseln und interkontinentalen Querverbindungen. Und netten Gags: So ist beispielsweise nicht nur einst der Philosoph Pythagoras zum Wall von Nordland geflüchtet, es wurden dort auch die Gebeine eines gewissen Jesus ("der Gott der Hattier") eingemauert.

Positiv zu Buche schlägt auch, dass Baxter hier – für seine Verhältnisse – mit dem Großteil der Hauptfiguren recht gnädig verfährt. Aber vielleicht hat's das als Ausgleich zum Weltuntergang ja auch gebraucht, im Kern ist Baxter schließlich immer ein Optimist gewesen. Und trotz des Weltuntergangs ist das empfehlenswerte "Eisenwinter" nicht der ernüchterndste Roman in dieser Rundschau. Hui, bei weitem nicht ...

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