"Shen Yun": Als Avatar im Land des Göttlichen

1. April 2016, 17:49
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Ein himmlischer Gong tanzt jetzt auch in Österreich an: das US-amerikanische China-Kitschspektakel im Großen Festspielhaus Salzburg und in der Wiener Stadthalle

Salzburg/Wien – Josh Prince, der Produzent von Shrek the Musical am Broadway, zum Beispiel war echt begeistert. Und dem Szenenbildner des exoplanetarischen Hollywood-Rührstücks Avatar, Robert Stromberg, kamen bei Shen Yun gleich neue Ideen für ein Sequel. Nun ist das original chinesische Tanzspektakel aus New York bei uns zu bestaunen.

"Betreten Sie ein Land des Göttlichen", knallt es aus dem zuckerlfarben leuchtenden Werbefolder. Und die dottergelbe Website lehrt: "5000 Jahre lang blühte die göttliche Kultur im Land China. Der Schatz der Menschheit war fast verloren..." – wer in Avatar geschluchzt hat, weiß, worum es geht – "... doch Shen Yun bringt", den Göttern sei Dank, "diese glorreiche Kultur wieder zurück".

Der Geist dieser Tanztruppe soll von Falun Gong kommen, einer spirituellen Bewegung aus China, wo sie streng verboten ist. 1992 von Li Hongzhi gegründet, basiert sie auf Qigong, einer alten chinesischen Meditations- und Bewegungstechnik mit buddhistischen und daoistischen Elementen. Die fernöstliche Fitness für Körper und Geist ist auch im Westen beliebt.

Falun Gong liegt im Clinch mit dem totalitären Regime der Volksrepublik, wird aber auch verdächtigt, wie eine "Psychosekte" zu operieren, was ein Spruch des Oberlandesgerichts Dresden von 2005 bestätigt. Die Organisation von Shen Yun jedenfalls kritisiert die chinesische Politik auf ihrer Webseite heftig.

Vor diesem politischen Hintergrund kann man nicht sagen, dass die populäre Show mit ihrem überbordenden Kitsch und technisch exzellentem Tanz-Martial-Arts-Mix bloß naiv ist. Ihre Ästhetik erinnert an jene Heile-Welt-Sehnsucht, die in unterschiedlichen spirituell oder national begründeten Propagandaformen genutzt wird.

In Shen Yun wird das alte China als Paradies verklärt: "Es gab eine Zeit, in der die Welt von Glanz erfüllt war – als ob alles auf der Erde vom Himmel beseelt wäre ... eine Zeit, als die Kaiser mit Weisheit herrschten, und himmlische Wesen unter uns wandelten." Suggestivfrage: "Was wäre, wenn wir dahin zurückkehren könnten?" Antwort: Verarschen können wir uns selber. Aber für Leute mit Sinn für politische Gespenster, für Tanz- und Kitschfans ist Shen Yun fast ein Muss. (Helmut Ploebst, 1.4.2016)

2. und 3. 4. Salzburg, Großes Festspielhaus

5. und 6.4. Wien, Stadthalle

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Shen Yun

  • Das alte China wird beim Tanz-Martial-Arts-Mix "Shen Yun" zum verklärten Kitschparadies.
    foto: shen yun

    Das alte China wird beim Tanz-Martial-Arts-Mix "Shen Yun" zum verklärten Kitschparadies.


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