"Peer Gynt": Demontage eines Machos via Geschlechtswechsel

1. April 2016, 17:16
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Unterhaltsam, aber kunstfern: Simon Stone überschreibt Ibsens "Peer Gynt" am Schauspielhaus Hamburg

Eines weiß man nach diesem erstaunlichen Theaterabend im Hamburger Schauspielhaus auf jeden Fall: auch Peer Gynt hat Richard David Precht gelesen. Und auf dessen Frage: wer bin ich, und wenn ja, wie viele?, die recht originelle Antwort parat: Ich bin drei Frauen. Mutter, Tochter, Enkelin.

Das berühmt-berüchtigte "Gyntsche Ich", der ausgedehnteste Egotrip des Welttheaters, ist hier eine Familie, deren Verhältnisse gerade so weit ins Lächerliche und Schlamperte gerutscht sind, dass sie haargenau ins Aufmerksamkeitsprofil von Frauenzeitschriften passen. Wie dort soll man hier von der ersten Seite, also von der ersten Szene an glauben, dass Männer dazu da sind, den Frauen scheinbar unlösbare Rätsel aufzugeben, damit diesen nur ja nicht der Gesprächsgegenstand ausgeht.

Der australische Theatermacher Simon Stone, aktuell einer der hipsten Trendsetter des – nicht nur – deutschsprachigen Theaters, behauptet, er überschreibe die in die Jahre gekommenen Dramen, um sie für die Gegenwart verständlicher zu machen. Im Fall von Henrik Ibsens Peer Gynt sieht das Resultat dieser Bemühung aus, als hätte er einer durchschnittlichen Allerweltsmittelklassefamilie das Stück zu lesen gegeben und sie anschließend gebeten, Themen und Motive daraus im Bühnenbild ihrer eigenen Lebens- und Erfahrungswelt nachzuspielen.

Ältere Dame von Welt

Als erstes ist diesen netten, etwas langweiligen und ergo vollkommen uninteressanten Leuten aufgefallen, dass es in ihrer Familie, anders als bei Ibsen, eine Frau war, die Heim, Mann und Kind verließ und außen herum ging, ehe sie schließlich nach siebenundvierzig Jahren doch wieder zurückkam. Und so steht nun die wunderbare Schauspielerin Angela Winkler als ältere Dame von Welt vor den Leuchtstoffröhrenumrissen eines putzigen Giebelhäuschens und will einfach nicht begreifen, wie der Schauspieler Ernst Stötzner, der offenbar dort wohnt, in ihr Leben geraten sein konnte.

Dabei ist der gutmütige Graubart ihr doch überaus behilflich, die dunklen Flecken ihrer Lebensgeschichte aufzuhellen. Er hat nämlich nicht nur Peer Gynt gelesen, er weiß auch Ibsens Enthüllungsdramaturgie anzuwenden. Erst mal in Gang gesetzt, läuft diese Maschine wie am Schnürchen. Und kein Mensch weiß, wie man sie wieder ausschalten kann.

Und so zerrt die Rekonstruktionsmechanik nun nach und nach die gesamte Familienbande ins trübe Bühnenlicht: die im Säuglingsalter verlassene Tochter (Maria Schrader), jetzt mit Raubkunst aus Syrien bestens im lukrativen kriminellen Geschäft; einen meschuggenen Schwiegersohn, dem man die obligate Rolle des Versagers aufs Auge gedrückt hat; eine Enkelin, die in Gestalt von Gala Othero Winter mit zäher Blässe jeden Ernst des Lebens konsequent sabotiert, am Ende aber, nachdem sie den Liebhaber ihrer Mutter geheiratet und ein Kind zur Welt gebracht hat, mit ihrem Rollkoffer allein loszieht, um außen herum zu gehen.

Simon Stone überschreibt oder übermalt Ibsens dramatisches Gedicht nicht, er macht es klein und handlich, damit es in seinen pragmatischen, aber eigentlich fantasie- und kunstfernen Postheroismus passt. Weil Peer Gynt für ihn eine inkommensurable Figur ist, verteilt er dessen maßloses Ich auf drei Durchschnittsleben. Die wohltemperierte Allerweltsfrau als Nachfolgerin des diskreditierten männlichen Helden – so haben sich Feministinnen die Demontage des Machos wohl nicht vorgestellt.

Das Erstaunlichste an diesem durchaus unterhaltsamen Theaterabend ist allerdings, dass ein junger Mann von Anfang dreißig allen Ernstes Frauen, die Heim, Mann und Kind verlassen, weil sie was Besseres finden wollen, die krumme Geschäfte machen, sich reihenweise Liebhaber zulegen und anderen Frauen die Ehemänner ausspannen, für den sittlichen Ausnahmefall hält. (Oswald Demattia, 1.4.2016)

  • Simon Stone macht mit Ibsens "Peer Gynt" am Schauspielhaus Hamburg kurzen Prozess: Ernst Stötzner und Angela Winkler.
    foto: matthias horn

    Simon Stone macht mit Ibsens "Peer Gynt" am Schauspielhaus Hamburg kurzen Prozess: Ernst Stötzner und Angela Winkler.

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