Gratkorn: Spätes Gedenken für Opfer eines NS-Massakers

2. April 2016, 08:00
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Nördlich von Graz gab es 1945 ein Massaker an ungarischen Jüdinnen und Juden. Ein Journalismusstudent brach mit einer Reportage 2014 das Schweigen über verscharrte Leichen in seiner Heimatgemeinde. Jetzt wird eine Gedenkstätte enthüllt

Gratkorn/Graz – Dass wichtige Geschichten manchmal quasi vor der eigenen Haustür liegen, musste man Maximilian Tonsern nicht auf der FH Joanneum, wo er Journalismus studierte, beibringen. Dass guter Journalismus, also gründliche Recherche und Hartnäckigkeit, auch einiges ins Rollen bringen kann, hat er bereits selbst bewiesen.

Aber der Reihe nach: Vor zwei Jahren, noch als FH-Student, schrieb Tonsern eine Reportage über seine Heimat, die 7000-Einwohner-Gemeinde Gratkorn im Norden von Graz. Da gibt es einen besonders idyllischen Ortsteil, die sogenannte Dult, ein beliebtes Wohn- und Naherholungsgebiet, in dem auch ein Kloster steht.

Düsteres Geheimnis

Doch die Gegend hatte auch ein düsteres Geheimnis, von dem die meisten Gratkorner nur mehr gerüchteweise wussten. Im April 1945 wurden aus verschiedenen Grazer Lagern, darunter jenem in Graz-Liebenau, 8000 ungarische Juden und Jüdinnen auf Todesmärsche in Richtung Mauthausen getrieben. Das größte Massaker der folgenden Tage ereignete sich am 7. April auf dem obersteirischen Präbichl. Doch schon drei Tage zuvor, am 4. April, wurden auch in Gratkorn 20 Menschen, denen es kurzzeitig gelungen war, aus der Kolonne zu fliehen, von Schergen der Waffen-SS erschossen und verscharrt.

14 von ihnen wurden nach dem Krieg exhumiert und auf dem jüdischen Friedhof in Graz beigesetzt. Sechs weitere liegen seit Jahrzehnten dort, wo man sie vergrub. Man nimmt an, in der verkehrstechnisch gefährlichen, weil unübersichtlichen Juhatzkurve. Ein Ort, wo sich abends Liebespaare treffen, wie Tonsern erzählt.

Für Tonsern, der heute als freier Journalist arbeitet, war diese Situation inakzeptabel. Er veranstaltete ein Jahr nach seiner Reportage eine Gedenkfeier in seiner Heimatgemeinde, vernetzte sich mit Historikern und bekam auch Unterstützung vom Arzt und Gedenkstätten-Aktivisten Rainer Possert, der vor Jahren Licht in die Geschichte des Lagers Liebenau gebracht hatte, und von Herwig Brandstetter, der in Deutschland für den Verein Gedenkkultur Cuxhaven tätig ist. "Herwig war dann auch wirklich der treibende Motor für die Gedenkstätte", erzählt Tonsern dem STANDARD.

Gedenktafel vor dem Gemeindeamt

Besagte Gedenkstätte wird um 15.00 Uhr am Montag, dem Jahrestag des Massakers, in Gratkorn enthüllt. "Auch die israelische Botschafterin Talya Lador-Fresher und der ungarische Botschafter Janos Perényi werden Reden halten", freut sich Tonsern. Die Gedenktafel trägt einen Text in Ungarisch, Hebräisch, Deutsch und Englisch. Die Gedenkstätte wird direkt vor dem Gemeindeamt aufgestellt. Dafür stimmten im Gemeinderat "alle Fraktionen, das ging eigentlich erfreulich rasch", so Tonsern, "auch die FPÖ hat dafür gestimmt". (Colette M. Schmidt, 2.4.2016)

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