Über Terror ist bereits alles gesagt ...

Kommentar der anderen1. April 2016, 17:05
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... außer das, was fast alle denken. Ein Versuch über die Schwierigkeiten, angesichts des Grauens von Brüssel einen klaren Kopf in der öffentlichen Debatte über den Terrorismus zu bewahren

Alles ist gesagt. Jede Meinung ist deponiert. Jede Schlussfolgerung gezogen.

Nach den Anschlägen von Brüssel ist der Groundhog Day geblieben: der ewig wiederkehrende Tag, an dem nur noch Scheindebatten geführt werden. Scheindebatten, weil die Gegensätze, auf denen sie aufgebaut sind, eigentlich nicht existieren. Scheindebatten, weil die Uneinigkeit, die sie suggerieren, von der großen Mehrheit der Leute überhaupt nicht geteilt wird.

Aber es ist, wie es mit immer wiederkehrenden Tagen so ist: Irgendwann schlägt die Müdigkeit zu. Und die Mutlosigkeit übernimmt das Kommando. Die, die es dann als Erste erwischt, sind die Nüchternen, die Abwägenden, die Normalen – eine Gruppe, die als fast alle bekannt ist.

Das sind jene Leute, die verdammt gut begreifen, dass Anschläge, die mit "Allahu akbar" angekündigt werden und für die Gruppen mit Namen wie "Islamischer Staat" die Verantwortung übernehmen, unmissverständlich etwas mit dem Islam zu tun haben. Leute, die das auch nie geleugnet haben. Und die todmüde davon sind, dass ihnen das doch vorgeworfen wird. Das sind Leute, die gleichzeitig wissen, dass eine Religion zu der sich eineinhalb Milliarden Menschen bekennen, und die aus noch einmal so vielen Überzeugungen besteht, nicht der einzige und selbst nicht der wichtigste Grund für Terrorismus sein kann. Die sich also weigern, in jedem Muslim einen potenziellen Attentäter zu sehen. Und die todmüde davon sind, das die ganze Zeit sagen zu müssen.

Das sind Leute, die es logisch finden, dass wir uns gerade jetzt wegen dieser Form von Gewalt etwas mehr Sorgen machen, weil sie in unserer Nähe ist und sie Menschen trifft, die uns so ähnlich sind. Die kapieren, dass diese Sorge problematisch und ein wenig scheinheilig ist. Und die todmüde vom Wer-ist-der-Ärmste-Wettstreit sind, der meistens im Anschluss an Anschläge stattfindet.

Das sind Leute, die nicht daran zweifeln, dass die Schuld für Terrorismus in erster Linie bei den Tätern selbst liegt und hartes Durchgreifen und strenge Strafen mehr als gerechtfertigt sind. Die aber gleichzeitig nicht blind für die Rolle sind, die wir – Europa, der Westen – selbst dabei spielen: durch die Kriege, die wir führen, die Bomben, die wir abwerfen, und durch die Rhetorik, die wir verwenden. Und die todmüde davon werden, dass ein Hinweis darauf "Selbsthass" oder "Landesverrat" genannt wird.

Das sind Leute, die es ganz einfach als menschlich ansehen, dass man sich vor Explosionen in U-Bahn-Stationen fürchtet. Und dass dadurch das Misstrauen gegenüber all jenen wächst, die denen ähneln, die man in diesem Zusammenhang die ganze Zeit in den Nachrichten sieht. Die sich gerade deshalb aber jene Statistiken in Erinnerung rufen, die belegen, dass die Wahrscheinlichkeit eines Autounfalls viel größer ist als ein terroristischer Anschlag und das Bart-Tragen keinen kausalen Zusammenhang mit düsteren Plänen impliziert. Und die todmüde werden, wenn dies als "Bagatellisieren" oder "Leugnen" des Problems aufgefasst wird.

Das sind Leute, die einsehen, dass sich die Meinungen über die richtigen Mittel zur Bekämpfung von Terrorismus grundsätzlich unterscheiden können, und kein Problem damit haben, eine heftige politische Debatte darüber zu führen. Die es aber auch als Einbahnstraße ansehen, alles in die Hülsen "links" gegen "rechts" zu gießen. Wobei die erste für teetrinkende, kapitulierende Terroristenkuschler und die andere für xenophobe, rassistische Fremdenhasser steht. Und die todmüde davon werden, immer und immer wieder in eine dieser zwei Ecken gedrängt zu werden.

Das sind Leute, die auf der Suche nach Lösungen am liebsten den Mittelweg beschreiten – durch gezielte Kontrolle anstelle von generellen Verdächtigungen, durch Deeskalation statt wilder Rundumschläge und durch die Weigerung, den Rechtsstaat aufgrund eines Bauchgefühls außer Kraft zu setzen. Die im Bewusstsein leben, dass eine freie Gesellschaft keine totale Sicherheit garantieren kann, ohne jene Freiheit aufzugeben, die sie schützen will.

Das sind Leute so wie du und ich. Ohne oder mit Migrationshintergrund, Muslima und Nichtmuslima, Muslim und Nichtmuslim, links und rechts, progressiv und konservativ, arm und reich, gut oder schlecht ausgebildet.

Leute, die den Unterschied zwischen Nuancierung und Bagatellisierung kennen, zwischen Schuld und Einfluss, zwischen hier und dort. Leute, die den Unterschied zwischen Begreifen und Schönreden kennen, zwischen Angst und Hass, zwischen Misstrauen und Rassismus. Leute, die den Unterschied zwischen Tragik und Statistik kennen, zwischen Glauben und Sich-in-die-Luft-Sprengen.

Und vor allem: die wissen, dass wir uns eigentlich gar nicht so sehr voneinander unterscheiden.

Aber diese Leute hört man selten. Denn sie taugen nicht für Schlagzeilen. Mit ihnen kann man keine Wählerstimmen holen. Und nicht einmal der Facebook-Algorithmus erkennt sie.

Aber es gibt sie trotzdem. Und es sind mehr, als wir denken. (Rob Wijnberg, Übersetzung: M. Schmaranzer, 1.4.2016)

Rob Wijnberg (33) ist Gründer und Chefredakteur von "De Correspondent", einem Online-Medium in Amsterdam. Dort ist dieser Text ersterschienen.

decorrespondent.nl/en

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