Brüssel und seine theologischen Hintergründe

Kommentar der anderen1. April 2016, 17:04
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Die Attentate in Belgien haben politische, soziale aber eben auch dezidiert theologische Hintergründe. Darauf muss man eingehen – vor allem wenn es um einen kritischen Blick auf Österreich und dessen islamische Glaubensgemeinschaft geht

Nach den Anschlägen von Brüssel machen sich quer durch Europa ein weiteres Mal Ratlosigkeit und Verunsicherung breit, ist wieder die Rede von einer nie dagewesenen Herausforderung, vor der die westliche Gesellschaft stehe, und erhebt sich abermals die Frage, wie diesem Phänomen beizukommen sei. Und es werden Ratschläge laut, von denen manche eher als Ausdruck von Verzweiflung zu werten sind – etwa der, den Islam in Europa zu verbieten.

Ohne sachliche Debatte über die Motive dieser Art des Terrors, ohne ausführliche Befassung mit seinen politischen, wirtschaftlichen und theologischen Wurzeln aber kann und wird es nicht gelingen, dieser akuten Gefährdung Europas auf angemessene Weise und wirksam entgegenzutreten.

Zunächst gälte es, sich vor Augen zu führen, dass Belgien nicht über Nacht zum Zentrum der europäischen Jihadistenszene geworden ist – nicht nur gut informierte Kreise wissen, dass es ganz bestimmte Gegebenheiten waren, die Brüssel in den vergangenen Jahren zu einem wahren Magneten für Salafisten gemacht haben.

Namentlich sind gewisse arabische Staaten mit ihren religiösen und wirtschaftlichen Strukturen seit den 1980er-Jahren in diesem Land aktiv, bis zum 11. September konnten diese durch großzügige finanzielle Förderung gewährleisten, dass die dort operierenden Zentren für die Imam- und Religionslehrerausbildung fest in ihrer Hand waren. Auf diese Aktivitäten wies der türkische Journalist Ugur Mumcu bereits in den 1990er-Jahren hin, leider kam er daraufhin unter mysteriösen Umständen in Istanbul ums Leben.

Und die belgische Regierung, die solche Umtriebe durch die Gründung einer belgisch-islamischen Religionsgemeinschaft zu verhindern suchte, scheiterte immer wieder an der Korruption und an internen Richtungskämpfen innerhalb der vom Ausland gesteuerten muslimischen Organisationen.

Dass sich die islamischen Strukturen derart anfällig für salafistische Tendenzen erweisen, hat neben politischen und sozialen eben auch dezidiert theologische Gründe, die von den Muslimen selbst kaum wahrgenommen beziehungsweise aufgezeigt werden, was freilich die Voraussetzung für eine entschiedene Ablehnung wäre.

So darf der im Namen des Islams verübte Terror nicht – wie immer wieder der Fall – auf religiösen Analphabetismus zurückgeführt werden: Diese jungen, ideologisch fanatisierten Menschen, die weltweit mit einschlägigen Aktionen in Erscheinung treten, sind aufgrund ihrer Ausbildung in Sachen klassische Lehre weit umfassender und intensiver gebildet als Imame in gewöhnlichen Moscheegemeinden. Die Gewalt, die von diesen jungen Menschen ausgeht, hat demnach sehr wohl theologische Hintergründe.

Blick in die Schulbücher

Ein Blick in die neuen Schulbücher für den islamischen Religionsunterricht in Österreich vermittelt mehr als eine bloße Ahnung davon, wie dieser Prozess der Gewalt in der religiösen Erziehung seinen Anfang nimmt. Diese Bücher lassen etwa Autoren zu Wort kommen, die die Gründung eines islamischen Staats als unausweichliche Aufgabe und als Glaubensdogma der Muslime erachten, und stellen insbesondere Österreich als ein Land mit institutionalisierter Islamfeindlichkeit dar. Andere empfohlene Bücher bezeichnen die Versklavung nicht-muslimischer Frauen und die Tötung Homosexueller als legitime islamische Handlungen.

Angriffskrieg gegen Feinde

Als höchste religiöse Autorität der islamischen Glaubensgemeinschaft gilt der Mufti, der den Jihad als Angriffskrieg gegen die Feinde des Islams versteht und Menschen, die sich um die Schwächung seiner Feinde verdient machen, das Paradies durch Märtyrertum verheißt. Die Autoren dieser Bücher, bei denen es sich gewiss nicht um religiöse Analphabeten handelt, sind nun auf dem besten Weg, sich als die Bildungsexperten der Glaubensgemeinschaft zu etablieren.

Solange es aber möglich ist, dass sie eine Theologie, gemäß welcher die Verinnerlichung religiöser Grundsätze ein notwendiger Teil des Entwicklungsprozesses ist, in europäischen Schulen und Organisationen verbreiten können, sind Anschläge wie jene in Paris, Istanbul oder Brüssel nicht wirklich unbegreiflich; solange Grundsätze herrschen, denen zufolge die Errichtung des sogenannten "Islamischen Staats" ein religiöser Auftrag ist, solange jegliche Kritik am Islam mit der Keule der Islamophobie-Ideologie zum Verstummen gebracht wird, solange an der Verfestigung eines Bildes gearbeitet wird, das den Westen als Feind des Islams darstellt und junge Menschen zur Vernichtung der selbst geschaffenen Feinde zum Angriffsjihad motiviert werden, sind solche Anschläge nur eine Frage der Zeit.

Gleichwohl soll dieser Versuch einer knappen Darlegung der Gründe für islamisch motivierte Gewalt kein Anlass für Hoffnungslosigkeit oder Verzweiflung sein; er soll vielmehr den Anstoß geben zu einer sachlichen Debatte über wirksamere Integrationsmaßnahmen bezüglich der in Europa lebenden Muslime. Doch dabei kommt der islamischen Glaubensgemeinschaft eine zentrale Verantwortung zum Handeln zu – mit oberflächlichen Verurteilungen, die innergemeinschaftlich keinerlei Konsequenzen haben, können solche Probleme nicht gelöst werden. Denn diese werden ja teilweise – wie sich an den Schulbüchern zeigt – aus Nachlässigkeit und aus Angst, politisch nicht korrekt zu handeln, selbst produziert.

Eine berechtigte Frage, die ohne Rücksicht auf Political Correctness zu beantworten wäre, ist sicherlich jene, ob sich die Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGiÖ) unter dem Einfluss der gänzlich vom Ausland gesteuerten Kultusgemeinden oder muslimischen Vereine für eine echte Integration muslimischer Organisationen einsetzen kann. Mit Milli Görüs, der Muslimbruderschaft oder der seit einigen Jahren sehr stark politisierten ATIB dürfte dies jedenfalls kaum zu verwirklichen sein.

Reformen erforderlich

Um die Handlungsfähigkeit der Islamischen Glaubensgemeinschaft zu gewährleisten, erscheint mir die Bestellung eines Kuratorengremiums für eine Wahlperiode als gangbarer Weg, die Verhältnisse in der Glaubensgemeinschaft zu strukturieren und die Bildungseinrichtungen und Moscheegemeinden zu reformieren. Mit ihren eigenen Ressourcen allein wird die IGGiÖ nicht in der Lage sein, den Islam aus den gegebenen gesellschaftlichen Verhältnissen heraus zu gestal- ten. Zur wirksamen Bekämpfung theologisch motivierter Gewalttaten und zur Verwirklichung eines europäisch geprägten Islams ist sie auf externe Unterstützung angewiesen.

Ein Islam europäischer Prägung wird das Integrationsproblem nicht vollständig lösen, er kann aber einen wichtigen und entscheidenden Beitrag zur Beheimatung des Islams in Europa leisten – und damit dazu, dass der Islam nicht mehr als Bedrohung wahrgenommen wird. (Ednan Aslan, 1.4.2016)

Ednan Aslan (Jg. 1959) ist Professor für Islamische Religionspädagogik an der Universität Wien. Seine Studie über islamische Kindergärten in Wien sorgte zuletzt für einiges Aufsehen.

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