Soziologe: "Dass Migranten Krankheiten einschleppen, stimmt meist nicht"

Interview2. April 2016, 20:43
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Jürgen Pelikan hat die Gesundheitskompetenz von Migranten untersucht. Bildung, soziale und wirtschaftliche Voraussetzungen sind der Schlüssel – für alle

STANDARD: Gibt es einen Konnex zwischen Gesundheit und Kultur?

Pelikan: Kultur ist derzeit immer dann ein Thema, wenn es um die Konfrontation mit einer als fremd erlebten Kultur geht. Wenn es um Gesundheit geht, geht es um Leben. Dazu gehören Ernährung, Arbeit, Sexualität und die Interaktion mit anderen. Unsere Gesellschaft und damit unsere Kultur bestimmen, wie wir leben. Deshalb hängen Gesundheit und Gesellschaft zusammen.

STANDARD: Wie geht es Migranten in unserem Gesundheitssystem?

Pelikan: Menschen, die aus religiös geprägten Agrargesellschaften kommen, müssen sich erst an hiesige Bedingungen gewöhnen. Wir leben in einer Multioptionsgesellschaft. Jeder muss täglich viele Entscheidungen treffen, die Auswirkungen auch auf die Gesundheit haben, zum Beispiel im Supermarkt, wo es gesunde und ungesunde Lebensmittel gibt.

STANDARD: Sie haben die Gesundheitskompetenz von Migranten aus der Türkei und Ex-Jugoslawien untersucht. Was haben Sie herausgefunden?

Pelikan: Eines vorweg: Migranten sind keine homogene Gruppe. Wir haben uns auf die ehemaligen Gastarbeiter konzentriert. Entgegen allen Erwartungen ist die Gesundheitskompetenz dieser Gruppe nicht schlechter als die von Österreichern. Insbesondere dann, wenn sie gebildet und integriert sind. Sozioökonomische Faktoren sind bei Migranten fast noch wichtiger als für eingesessene Österreicher. Sie bestimmen auch, wie sehr sie dem Krankenbehandlungssystem vertrauen, wie stark sie es in Anspruch nehmen.

STANDARD: Sie haben die Integration aber schon hinter sich?

Pelikan: Ehemalige Gastarbeiter schon. Internationale Studien zeigen, dass Migranten allgemein eine sehr gesunde Gruppe sind, schließlich werden nur die Starken ins Ausland geschickt. Migranten sind also rein gesundheitlich betrachtet eine Art Auswahl der Besten. Sonst würden sie die Strapazen gar nicht schaffen.

STANDARD: Mit welchen Schwierigkeiten waren sie konfrontiert?

Pelikan: Zunächst damit, Fuß zu fassen, Geld zu verdienen. Gesundheit wird von Voraussetzungen bestimmt, die man sich erst erarbeiten muss.

STANDARD: Einkommen entscheidet über Gesundheit?

Pelikan: Genau. Das ist für Migranten eine große Herausforderung. Ihr sozialer Status ist häufig nicht gut. Viele leben eher am unteren Ende der sozialen Leiter. Mit allem, was das nach sich zieht. Bildung ist in Bezug auf Gesundheit mindestens so wichtig wie der sozioökonomische Status.

STANDARD: Wie lassen sich Ihre Ergebnisse auf die heutigen Flüchtlinge umlegen?

Pelikan: Nur insofern, als die derzeitige Voraussetzung für Flüchtlinge, die in Lagern in großer Ungewissheit leben, sicher für die Gesundheit nicht förderlich ist. Anerkennung und Selbstbestimmung sind für jeden bestimmende Faktoren. Sie sind für Flüchtlinge zunächst unerreichbar.

STANDARD: Verändern Migranten die allgemeine Versorgungslage?

Pelikan: Migranten sind Fremde und werden von vielen als bedrohlich empfunden. Dass Krankheiten eingeschleppt werden könnten, sind Projektionen, die sich über soziale Medien leicht verbreiten lassen. Sie stimmen zumeist nicht. Wir könnten es umkehren: Österreicher, die viel im Ausland unterwegs sind, könnten auch Krankheiten einschleppen. Um Vielreisende geht es aber in Diskussionen nie.

STANDARD: Gehen Migranten zu Vorsorgeuntersuchungen?

Pelikan: Tendenziell weniger, zeigen Studien. Das hat aber auch mit sozioökonomischen Bedingungen zu tun. Wie viel Aufmerksamkeit jemand der eigenen Gesundheit widmen kann, hängt ab von Zeit, Geld und Bildung, um sich über eine gesunde Lebensführung Gedanken zu machen und sie umsetzen zu können. In der hiesigen Mittelschicht ist das leicht möglich, in gewisser Weise ist es ein Privileg der Überflussgesellschaft.

STANDARD: Gesundheit als Luxus?

Pelikan: Wenn es um Ernährung geht, sicherlich. Wer es sich nicht leisten kann, kauft, was billig ist.

STANDARD: Wie sehr sind unsere Krankenversorgungssysteme durch Migranten gefordert?

Pelikan: In den USA hat man ein Recht auf die Behandlung in der Muttersprache, weil Verstehen für den Therapieerfolg zentral ist. In Österreich stand das nie im Fokus. Erst langsam etablieren sich elektronische Übersetzungshilfen, die nicht nur Patienten helfen, sondern auch das Krankenhauspersonal entlasten.

STANDARD: Gibt es eine Kultur des Krankseins?

Pelikan: Unsere Systeme sind sehr stark auf isolierte Individuen und Effizienz der Technik ausgerichtet. Für Menschen aus Agrarkulturen ist vor allem die Familie im Krankheitsfall ein Rückhalt und der Grund, warum sie im Krankenhaus dabei ist.

STANDARD: Inwieweit spielt hier auch Religion eine Rolle?

Pelikan: Wer krank ist, fühlt sich bei einem Arzt aus dem eigenen Kulturkreis besser aufgehoben. Für Menschen aus stark patriarchalisch geprägten Kulturen ist es oft wichtig, dass der Arzt das gleiche Geschlecht hat. Das hat unsere Studie bestätigt.

STANDARD: Was verbessert Gesundheitskompetenz?

Pelikan: Wichtig wäre der Gesundheitsunterricht in der Schule beziehungsweise im Krankenversorgungssystem. Internetbasierte Beratung, wie in der Zielvereinbarung vorgesehen, ist auch wichtig. Gesundheitskompetenz ist aber nicht nur Sache der Eigenverantwortung.

STANDARD: Sondern?

Pelikan: Auch Institutionen müssen sich ändern. Userfreundliche Ärzte und Krankenhäuser wären ein Beginn. Eine Medizin, die Laien verstehen: Davon würden Österreicher und Migranten gleichermaßen profitieren. (Karin Pollack, 2.4.2016)

Jürgen Pelikan ist emeritierter Professor für Soziologie der Universität Wien und leitet das WHO Collaborating Center an der Gesundheit Österreich GmbH.

Die Studie "Gesundheitskompetenz von Menschen mit Migrationshintergrund aus der Türkei und Ex-Jugoslawien in Österreich" ist im Auftrag von Hauptverband der Sozialversicherungsträger, MSD und Fonds Gesundes Österreich entstanden und ab sofort abrufbar. Sie entstand im Rahmen des Ludwig-Boltzmann-Instituts für Health Promotion Research.

  • "Für Menschen aus stark patriarchalisch geprägten Kulturen ist es oft wichtig, dass der Arzt das gleiche Geschlecht hat. Das hat unsere Studie bestätigt", sagt der Soziologe Jürgen Pelikan.
    foto: regine hendrich

    "Für Menschen aus stark patriarchalisch geprägten Kulturen ist es oft wichtig, dass der Arzt das gleiche Geschlecht hat. Das hat unsere Studie bestätigt", sagt der Soziologe Jürgen Pelikan.

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