Phil Collins: Er ist wieder da

Porträt1. April 2016, 17:22
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Wenige prägten den musikalischen Schrecken der 1980er wie Phil Collins. Nun legt der Brite sein Werk neu auf

Samstagnacht galt es immer sich zu entscheiden: Disco oder Elan. Der Stammwirt hatte die Sperrstunde ausgerufen, doch der Biorhythmus der vor die Tür gesetzten Teenager kam gerade erst in Fahrt. Disco oder Elan. Beides war von bescheidener Attraktivität. Da wie dort drohte Ungemach, beides waren Begegnungszonen im kulturellen Feindgebiet.

Die Disco war programmatisch nach einer Whiskymarke benannt, Elan bedeutete, den Weg zu einer Filiale der gleichlautenden Tankstellenkette an der Autobahn zu nehmen. Die Disco war teuer und billig, Elan bloß billig. Lebst am Land, bist am Sand.

Aus Angst zu verdursten ging es meist in die näher gelegene Disco. Die Jahreszahl, die an solchen Samstagen auf dem Kalender stand, lautete 1982, 1983, 1984 oder 1985. Das war im Wesentlichen egal, denn es war jeden Samstag dasselbe und die Disco ein schlechter Witz. Dort verkehrten vornehmlich Mopedrocker und der mühsam absolvierte B-Zug. Dresscode Vokuhila und Jeansgilet. Zwecks Hebung des Ansehens und des Umsatzes gab es Bier nur in damenhaften Gebinden zu 0,3 Litern. Und natürlich Musik.

Die kam von den Strebern der Schule Udo Hubers plus Evergreens: "Stairway to Heaven", "Smoke on the Water", diese Abteilung. Wer die Discjockeys ausgewählt hatte, blieb ein Rätsel. Aber was diesen Handlangern an Geschmack fehlte, machte ihr Oberarmumfang wett, also hielt man die Goschn.

Dieses Elend gipfelte verlässlich in einem Lied von Phil Collins, in seinem "In the Air Tonight". Für den Song wurde die Lichtorgel über der Tanzfläche auf Puff gedimmt, pickelige Paare wankten von einem Fuß auf den anderen. Engtanz. Die Zunge im Rachen des Gegenübers.

Ein Welthit

Bezüglich der Sache mit der Zunge bestand durchaus Interesse, aber die Musik, Gnade. Interessierte man sich für Schmusen und Musik, spürte man, wie einem in diesen Momenten ohnmächtige Überheblichkeit das Gemüt verdunkelte. Man wusste, diese Musik ist schlecht. Grotte.

Die Furze des Drum-Computers markieren den Höhepunkt von "In the Air Tonight", ansonsten ist der Song stehend k. o. Blöderweise war es ein Welthit. So kam Udo Huber ins Spiel, so kam es zu den Speicheleien in der Disco. Und das war erst der Anfang. Denn Phil Collins blieb. Hartnäckig. Ewig. Bis 2011. Damals empfahl sich der Brite in den Ruhestand, doch heuer hat er sich zurückgemeldet. Einfach so. Jetzt ist er wieder da.

phil collins

Zurzeit absolviert der 65-Jährige Interviews in Frühstücksfernsehshows dies- und jenseits des Atlantiks. Phil Collins gibt sich eine zweite Chance. Im Laufe des Jahres veröffentlicht er seine zwischen 1981 und 2010 entstandenen acht Studioalben neu. Frisch abgemischt mit Bonus-Pipapo. Die ersten vier gibt es bereits: Das epochemachende Debüt "Face Value" (1981), "Hello, I Must Be Going!" (1982), "Dance into the Light" (1996) und "Both Sides" (1993), zwei weitere folgen noch im April.

Eine zweite Chance hat ihm auch seine dritte Frau gegeben. Orianne Cevey verließ Collins 2008 und zog mit den beiden gemeinsamen Söhnen von der Schweiz nach Miami. In den Alpen zurück ließ sie einen fahnenflüchtigen Tory, der versumperte. Er soff, war unglücklich und dachte an Selbstmord. Acht Jahre und 33 Millionen Pfund Scheidungskosten später sind Orianne und Phil nun wieder ein Paar. Aus "Doesn't Anybody Stay Together Anymore" wurde, "Against All Odds", ein Happy End. Das sei ihm vergönnt.

Die Geister scheiden sich

Doch an Phil Collins' Musik scheiden sich die Geister bis heute. Für die einen ist er ein Superstar, für andere ein Negativwunder, sehr wahrscheinlich ist er beides. Denn egal, wie man ihn einschätzt, Collins war zumindest in den 1980ern so präsent, dass er Freund und Feind Lebensbegleitung war. An Collins gab es kein Vorbeikommen. Seine Musik war wie eine Kinderkrankheit, irgendwann erwischte sie jeden.

Phil Collins war schon ein Star, bevor er zum Superstar wurde. Vor seiner Solokarriere trommelte er bei Genesis. Dort übernahm er nach dem Abgang Peter Gabriels das Mikrofon und überführte die Band vom Prog Rock in poppige Gefilde, die der Band, am Übergang zu Collins' Solokarriere, mit dem Album "Duke" (1980) ihren bis dahin größten kommerziellen Erfolg bescherten. Bret Easton Ellis ließ die Hauptfigur seines Romans "American Psycho", den Serienmörder Patrick Bateman, seitenlang über Genesis und Collins referieren. Etwas, das Collins' Image zu Beginn der 1990er auf perfide Weise mittransportierte.

Die Verkäufe von Genesis eingerechnet, soll Collins über 150 Millionen Alben abgesetzt haben. Das macht ihn zum Member eines Clubs von einstelliger Mitgliederzahl. Seine Musik definierte den Mainstream der 1980er-Jahre wie sonst nur die TV-Serie "Miami Vice" oder MTV. Im Musikfernsehen war er Dauergast, im pastellfarbenem Paralleluniversum von "Miami Vice" trat er zweimal selbst vor die Kamera. Im silbernen Hemd und fliederfarbenen Anzug.

Pizza und Schnittlauch

Für die Mode der 1980er-Jahre war Collins nicht verantwortlich, doch schienen weiße Lederschuhe, malvenfarbene Bundfaltenhosen und an der Taille endende Seidenblousons wie für ihn gemacht. Wenige trugen diesen Sachbearbeiterlook so glaubwürdig wie er. Dass er Ende zwanzig schon Geheimratsecken groß wie Pizzaschnitten hatte, machten dünne Schnittlauchlocken im Nacken nicht wett. Ihn beschrieb nur ein Wort: uncool. Und so klang seine Musik.

Plastikpop

Dabei führte er Brian Eno als Einfluss für "Face Value" an. Für den visionären Produzenten und Musiker hatte er in den 1970ern mehrfach Schlagzeug gespielt. Doch was zeitigte Enos Einfluss in Collins' Werk? "In the Air Tonight". Und obwohl er ein großer Freund schwarzer Musik war und ist, legte er ausgerechnet in jenem Jahrzehnt Hand an den Soul, als der haltlose Einsatz von Synthesizern seine emotionale Tiefe ausradierte. Was übrig blieb, war technisch aufgeplusterter Plastikpop, Phil-Collins-Musik.

Wie am Fließband produzierte er tranige Balladen wie "One More Night" oder "Against All Odds". "Fühl Collins" wurde er ob solcher akustischer Schleimspuren genannt. Mit Liedern wie dem Motown-lastigen "You Can't Hurry Love" gab er zwar Gas. Doch heraus kam kein Soul, bloß Musik für Autofahrer, die mit 100 Kilometern pro Stunde am Mittelstreifen der Autobahn rumstehen. Die Abneigung gegen Phil Collins geht so weit, dass es heuer eine Petition gegen ein befürchtetes neues Album gab. Ja, man kann es auch übertreiben.

celso almeida

Collins' Position zu dieser Ablehnung ist seit Jahren Verständnis. Ja, die Dauerpräsenz seiner Musik habe irgendwann in eine Übersättigung umgeschlagen, in offene Anfeindung. "Ich wollte nicht, dass ich so erfolgreich werde. Sorry."

In der Entscheidung, seinen Katalog neu aufzulegen, hätten ihn junge Künstler bestärkt. Seine Kids hätten ihn darauf aufmerksam gemacht, dass Acts wie Kanye West, Beyoncé oder Lil Kim seine Musik als Inspiration bezeichneten.

Artfremde Fans

Selbst artferne Musiker wie Ozzy Osbourne oder Lemmy von Motörhead selig streuten Collins Rosen, zumindest für sein Schlagzeugspiel. Sogar Ol' Dirty Bastard, ebenfalls selig, vom Wu-Tang Clan coverte Collins' Hit "Sussudio". Gut, der war cracksüchtig.

Im Selbstversuch erweisen sich die vier nun neu aufgelegten Alben Collins' nach all den Jahren als das, was man in Erinnerung hatte: anämischer Mainstreampop von damals. Collins' Alben verfügen nicht einmal über den Charme des Trashigen, unter dessen Gesichtspunkt man heute noch "Miami Vice"-Folgen mit einem gewissen Vergnügen anschauen kann. Dafür wurde zu viel Aufwand betrieben. Und genau das ist das Problem.

Ihr Sound ist ihr Stigma. Er weist sie so deutlich als Produkte ihrer Entstehungszeit aus, dass selbst die remasterten Versionen keine begünstigenden Hör- oder Deutungsweisen zulassen. Niemand käme heute auf die Idee, diesen Sound nachzubauen. Damit ist nichts zu holen. Dünnpfiff bleibt Dünnpfiff. Aber gut, jedem die Nostalgie, die er sich mit seiner Jugend verdient hat.

Diesbezüglich bieten die Bonus-CDs mit Demo-Aufnahmen und Livemitschnitten einiges an Material. Für eine neue Liebe reicht das nicht, eine alte wärmt es allemal auf. So wie bei Phil und Orianne. (Karl Fluch, 1.4.2016)

  • Phil Collins' Solodebüt "Face Value". Die linke Gesichtshälfte zeigt den Collins von damals,  die Cover der Neuveröffentlichungen wurden mit dem heutigen Antlitz des Popstars nachgestellt.
    fotos: warner

    Phil Collins' Solodebüt "Face Value". Die linke Gesichtshälfte zeigt den Collins von damals, die Cover der Neuveröffentlichungen wurden mit dem heutigen Antlitz des Popstars nachgestellt.

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