"Quantum Break" im Test: Spielzeit ist explosiv und relativ

Rezension3. April 2016, 11:00
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Remedys neuer Shooter macht Spieler zu zeitmanipulierenden Revolverhelden und will dabei Film und Spiel verschmelzen

Was würden Sie tun, wären Sie in die Zukunft gereist und hätten das Ende der Zeit gesehen? Vielleicht zurückkehren, ihr Geld gewinnbringend anlegen und einen bösen Superkonzern gründen, um die Gesellschaft nach ihrem Masterplan zu lenken? In Remedy Entertainments neuem Shooter "Quantum Break" wird man in der Rolle von Protagonist Jack Joyce Zeuge dieser Weltverschwörung und muss versuchen, die Dystopie abzuwenden. Ja genau: "Zurück in die Zukunft 2" lässt grüßen.

Der Haken auf dem Weg zum Heldentum: Die Gegenspieler sind der enge Freund Paul Serene und dessen Privatarmee. Hinzu kommt, dass bei der letzten Reise etwas grob schiefgegangen ist, wodurch nun nicht nur Joyce, sondern auch Serene auch zerstörerische Superkräfte entwickelt haben und die Gegenwart von katastrophalen Zeitrissen durchsetzt ist.

Bleigewitter und Explosionsorgien

Es sind die Zutaten für ein Actionepos, wie man es vom finnischen Max-Payne-Erfinder Remedy kennt. In diesem Fall liefert man sich mit einer Heerschar an gut bewaffneten Soldaten und Bodyguards bild- und soundgewaltige Schießereien rund um das Hightechimperium Monarch wie in Forschungseinrichtungen und Lagerhallen und ergötzt sich an Bleigewitter, Explosionsorgien und satten Bässen.

Das Besondere daran: Dank der angedichteten magischen Fähigkeiten kann man für Momente die Zeit verlangsamen und so Feinde umlaufen, Angreifer in Zeitblasen einfangen und so entwaffnen oder unter Bedrängnis wiederum den Kugelhagel mit einem Zeitschild abwehren. Die Trickkiste ist tief und hält spektakuläre Zerstörungseffekte bereit, während die vielen und flink agierenden Widersacher neben präzisem Zielen eine rasche Kombination dieser Kräfte und herkömmlicher Bleispritzen erfordern.

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Video: So spielt sich "Quantum Break".

Zwischen Film und Spiel

Dadurch wird Joyce zum Superhelden mit klassischen Konfliktpotenzialen: Welt retten? Freunde retten? Oder einfach nur Rot sehen? Die Entwickler schmelzen diesen emotionalen Zwiespalt in ein ganz von der Erzählung getriebenes, strikt geradliniges Spieldesign, in dem sich Actioneinlagen und ebenso hübsch anzusehende animierte Zwischensequenzen fließend abwechseln.

Remedy geht sogar noch einen Schritt weiter und ergänzt Joyce Geschichte um vier TV-artige, je rund 20-minütige Serienepisoden, die die Seite der Antagonisten zeigen. Eine spannende Idee, die Verschnaufmöglichkeiten bietet und den Mainstream mit einem namhaften Cast lockt. Joyce wird vielleicht etwas zu brav und kantenlos von X-Men Shawn Ashmore zum Leben erweckt und Serene trägt die gekonnt hinterlistige Mimik von Aidan Gillen, bekannt als "Little Finger" in Game of Thrones.

Katastrophe im Nebel

Dass diese Idee in einer nur seichten unterhaltenden Umsetzung aufgeht, liegt am mageren Skript genauso wie an der durchwachsenen schauspielerischen Leistung, die von Sprachwitz, über Drama bis hin zu Fremdschämen alles bereithält, was man in einer Serie sehen und nicht sehen will. Problematischer noch: Für eine Scifi-Story kratzt "Quantum Break" gerade bei den Hintergründen zur zentralen Zeitreisekatastrophe an der Oberfläche und hüllt die wirklich spannenden Details in einen pseudophilosophischen Nebel. Wer mehr zu den Dynamiken zwischen den Protagonisten herausfinden möchte, wird überdies zum Sammeln von E-Mails angehalten, die auf den in den Levels verstreuten PCs zu lesen sind.

Ursprünglich als eigenständige TV-Serie gedacht, zerreißen die zusammengekürzten Videoepisoden den Spielfluss. Dabei wäre die Technik bei imposanten, durch Zeitanomalien zerrissenen Kulissen und fließenden Animationen stark genug gewesen, die Story unverschachtelt ganz im Spiel zu lassen und sich voll auf das eigentliche Game zu fokussieren.
Zu kurz gekommen sind so auch auflockernde Puzzleelemente, in denen man beispielsweise zur Bewältigung von Sprungpassagen berstende Brückenpfeiler stoppen oder den Einsturz von Schiffscontainern rückgängig machen muss. Optisch eindrucksvoll fordern diese den Verstand jedoch kaum heraus.

Was wäre wenn?

Anreize, sich ein zweites Mal durch die Story zu ballern, sind gegeben, aber rar. Während Munitionsknappheit und Gegnerflut gelungen zum ständigen Wechsel zwischen Fähigkeiten und Waffen animieren, gehen andere Mechaniken im Getöse unter. Upgrades für Superkräfte können, aber müssen nicht aktiviert werden, um selbst den fiesen Endkampf zu meistern. Und die Möglichkeit, sich als Serene vor jeder Videoepisode für einen von zwei Pfaden zu entscheiden, geht als "Wiederspielmotivator" nicht zur Gänze auf. Einzelne Szenen im Video und im Spiel ändern sich zwar, wen das durchwachsenen Drehbuch jedoch schon beim ersten Mal nicht überzeugt, wird sich nicht hingerissen fühlen, sich alternative Versionen anzusehen. Wer neugierig ist, kann glücklicherweise nachträglich zu entscheidenden Kapiteln zurückspringen. Und wer Spaß am Lesen in Spielen hat, sollte sich Zeit für die durchaus humorigen Sammelschriftstücke und Easter-Eggs nehmen.

An der Hand durch den Höllentripp

"Quantum Break" präsentiert sich in durchwegs als geskriptete Achterbahnfahrt, die Bewegungsfreiheit abseits der Kämpfe auf ein Minimum reduziert. Ob auf der Suche nach dem nächsten Ausgang oder nach der Rätsellösung: Als Held wird man an der Hand genommen und zur nächsten Attraktion geführt. Und sogar in Deckung geht Joyce selbst, sobald er sich einer Mauer nähert.

Damit schrammen die Designer konzeptuell nahe am 2014 erschienenen Story-Shooter "The Order: 1886". Für weniger ambitionierte Gelegenheitsspieler mit beschränktem Zeitbudget ist das eine willkommene Alternative zu den vielen ach so trendigen Open-World-Blockbustern, die nicht selten repetitiv wochenlang fesseln wollen. Doch gerade weil in den eigentlichen Gefechten Remedys Talent für halsbrecherische Schusswechsel durchscheint, bleiben echte Genrefans durstig zurück. Ärgerliche kleinere Schnitzer wie frustrierende Rücksetzpunkte vor Zwischensequenzen (arghhh!) und einzelne Grafikfehler werden hoffentlich noch ausgepatcht.

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Video: Die erste Live-Episode aus "Quantum Break".

Fazit

Quantum Break ist letztendlich ein opulenter Adrenalinrausch, der zumindest ein verregnetes Wochenende mit Mündungsfeuer und den spektakulärsten Zeitlupeneffekten seit "The Matrix" erhellt. Die wortwörtliche Vermischung von Spiel und Film war zumindest einen Versuch wert, zur Nachahmung wird sie aber in dieser Form der Aneinanderreihung allerdings wohl kaum inspirieren. Wer länger etwas von den kurzen, aber exzellenten Gefechten haben möchte, stellt den Schwierigkeitsgrad besser gleich auf "schwer", Gelegenheitsspieler leben darunter eher ungefährdet ihre Superheldenfantasien aus. (Zsolt Wilhelm, 3.4.2016)

"Quantum Break" erscheint am 5. April ab 18 Jahren für Windows 10 und Xbox One. UVP: ab 59,99 Euro.

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