Ronja von Rönne: Wo sind die Socken?

2. April 2016, 12:00
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Panikattacken, perfekter Blowjob und Bierdosen in Glascontainern: Next-level-shit-tauglich oder bloß ermüdender Ideenreichtum? "Wir kommen" spaltet die Kritik

Das arme Kind! Es heißt Emma-Lou und redet die längste Zeit nichts, obwohl es schon mit Filzstiften schreiben kann. Mit ihrem selbstauferlegten Schweigegebot hebt sich die Kleine aber wohltuend von den vier Schwachmaten ab, mit denen sie es den ganzen langen Tag zu tun hat, als da wären: Leonie, ihre Mutter, die immer wieder mal mit dem Schädel gegen die Wand rennt, wenn ihr etwas nicht passt. Oder Karl, der ihren Vater-Fuzzi darstellt und Ratgeber zum ergiebigen Thema "Glück" verfassen möchte, was aber – eh klar – nicht so recht klappen will! Dann gibt es da noch den Jonas, der eines Tages "einfach in der Tür" steht, nur um dann eines Tage mit Emma-Lou zu verschwinden und im Krankenhaus mit ihr wieder aufzutauchen.

Mit diesem Blödi muss sich nun Nora langweilen, die zuvor schon hin und wieder mit Karl Sex hatte, nachdem sie ihn gefesselt aus einem Schlafsack gezogen hatte, mit einer Socke im Mund. Damals im Dorf, als sie noch Kind war und mit Maja aufwuchs, die schon als Zwölfjährige gerne lustige Sachen machte wie: andere entführen; andere abziehen; oder – jetzt kommt's! – "Kapital aufbauen". Nun soll Maja tot sein?

Kein Wunder, dass Ich-Erzählerin Nora Panikattacken hat. Auf Anraten ihres Therapeuten, der sich ihre "thoughts" wohl selbst nicht länger anhören möchte, schreibt sie so eine Art Tagebuch. Die Panikattacke kommt übrigens "treu um fünf Uhr morgens und zuckt dann mit der Schulter, sie wisse auch nicht genau, warum sie hier sei".

Mein eigener Vater, Gott hab ihn selig, pflegte beim Krankheitsbild "leichter Schlaf" folgende Medizin zu verschreiben: "Wenn du was arbeiten würdest, dann könntest du auch schlafen!" Old School. Aber der wusste noch nichts vom Internet und von dieser Generation B. B wie Blöd. Die vier 20-Irgendwaser bauen nun an einer Art Vier-Säulen-Modell des Zusammenlebens, "jede sexuelle und emotionale Konstellation ist zwischen ihnen erlaubt". Aber Nora muss erst mal im Internet nachschlagen, wie "perfekter Blowjob" geht.

Nichts auf die Reihe kriegen

Alle vier tummeln sich – natürlich! – im Betätigungsfeld "Kunst, Medien, Freie Berufe", wo sie – natürlich! – nichts auf die Reihe kriegen. Aber auch sonst, im Alltag – "Da war Nachmittag, viel Nachmittag, ein ganzer Nachmittag voller Nachmittag" -, möchte man sie stets an der Hand nehmen und zum nächsten Amt bringen, um sie dort besachwaltern zu lassen: Sie finden alleine kein Zimmer im Krankenhaus! Sie können nicht Skat spielen! Sie können die eigene Matratze nicht verbrennen! Und Sex ... siehe oben.

Die arme Emma-Lou sollte jedenfalls schleunigst da rausgeholt werden, lange bevor die ganze Rasselbande "im Ford" in Richtung Strandhaus aufbricht, um dort eine Party zu feiern. Aber auch dieses Projekt zieht sich, und so liegt die eine dann auf Dreckwäschehaufen herum, zusammen mit ihrer Schildkröte "390 Gramm", und die anderen suchen Miesmuscheln, liegen im Bett, oder vernichten ihre "elektronischen Geräte". Was immerhin mal eine gute Idee ist! Ach ja, diese vielen Ideen.

Der Ennui, das Nicht-Zielgerichtete, das Suchen, welches sich in diesem neuen Buch Wir kommen von Ronja von Rönne thematisch breitmacht – alles durchaus ergiebige Themen in der Literatur, wenn man Literatur kann (wie man heute so schön sagt). Und Rönne nennt immerhin Kurt Tucholsky als Vorbild für ihre Prosa.

Sie selbst kann aber nur Einfälle, und die wälzt sie aus, als hätte vor ihr noch keiner über das Leben nachgedacht. Beispiele? Man muss dieser Nora ja prinzipiell hoch anrechnen, dass sie selbst kein Kind haben möchte, aber: "Es geht ihr dabei nicht um das Kind an sich, also in der Form eines Kindes, was ja eine völlig okaye Form ist." Alles klar? Oder: "Ich bin eifersüchtig auf jeden Gegenstand mit einem weiblichen Artikel. Die Marmelade. Die Tür. Alles Schlampen." Oder: "Wenn wir in Zukunft die Bierdosen in den Glascontainer werfen, kriegen wir den Klimawandel in den Griff." Klingt bescheuert? Ist es auch! Der Kritiker der Zeit hat der Autorin für solcherlei Absonderlichkeiten "sprachkritisches Programm" bescheinigt. Dabei weiß man als Leser gar nicht, woher man all die Socken nehmen soll, die man diesen Schwachköpfen ins Maul stopfen möchte, wenn sie so oder so ähnlich über das Leben oder das, was sie für "ein Leben" halten, labern. Kein Wunder, dass die gelungensten Teile des Romans die sind, wo Nora zurück in ihr Dorf fährt, Handlung in den Vordergrund tritt und sich die Autorin mit ihrem ermüdenden "Ideenreichtum" zurückhält.

Ronja von Rönne ist 24 Jahre alt und so etwas wie der Feuilleton-Darling unserer Zeit, wobei es auffällig viele alte Säcke sind, die sie gerade für "next level shit"-tauglich halten oder ihr "dekonstruktives Potenzial" unterstellen. Frau von Rönne landete jedenfalls bei der Tageszeitung Die Welt, wo sie jetzt Porsches testen darf, weil man dabei so geile Fotos von ihr mit Porsches machen kann. Und ein wichtiger alter Mann des Literaturbetriebs lud sie neulich sogar nach Klagenfurt zum BachmannWettlesen ein, weil ihm ihre Sudelhefte im Internet so gefallen haben.

Der in Österreich lebende Schriftstellerkollege Joachim Lottmann hält den Text von Frau von Rönne für "schnoddrig, überlegen, witzig, respektlos". Für diese gefällige Wortspende darf er dann vielleicht ein Foto von sich und Frau von Rönne machen, wenn sie auf ihrer Lesereise nach Wien kommen wird. Wenigstens dafür sollte es dann ein paar "Gefällt mir" geben. (Manfred Rebhandl, Album, 2.4.2016)

  • "Wer ist die schönste Vorleserin im ganzen Land?" Ronja von Rönne las 2015 beim Bachmann-Wettlesen in Klagenfurt.
    foto: orf

    "Wer ist die schönste Vorleserin im ganzen Land?" Ronja von Rönne las 2015 beim Bachmann-Wettlesen in Klagenfurt.


  • Ronja von Rönne, "Wir kommen", Roman, EURO 18.95 / 208 Seiten. Aufbau-Verlag, Berlin 2016
    foto: aufbau- verlag

    Ronja von Rönne, "Wir kommen", Roman, EURO 18.95 / 208 Seiten. Aufbau-Verlag, Berlin 2016

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