Cornelia Funke: Weltreise in sechs Spiegelbildern

5. April 2016, 11:28
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Die Spiegelwelt-Reihe führt in Teil drei zu Baba Jagas, Kosaken und Bären in Uniform. Bis es weitergeht, erfreut uns "Spiegelwelt", ein "Kompendium des Staunens und des Grauens"

Der Spiegel öffnet sich nur dem, der sich selbst nicht sieht." Kaum einer beherrscht diese zweifelhafte Kunst besser als der grimmige Jacob Reckless. Und er macht einen Beruf daraus, alles andere als sich selbst zu sehen: Jacob ist einer der besten Schatzjäger der Spiegelwelt. Einer, dessen Selbstblindheit ihn im Ausgleich mit der Fähigkeit beschenkt, alles andere umso besser zu sehen – und zu finden.

Ausgestattet mit Täuschbeutel, einem Rapunzelhaar, unsichtbar machendem Schneckenschleim und einem Taschentuch, das ihn jederzeit mit Goldtalern versorgt, ist er im Dienste der Reichen und Mächtigen der Spiegelwelt unterwegs, um ihre magischen Sammlungen zu bereichern und ihre geheimsten Wünsche zu erfüllen.

Immer an seiner Seite: Fuchs. Die Füchsin ist – ungern – ein Mädchen; es besitzt ein Fellkleid und trägt es so oft wie möglich, verwandelt sich mithilfe des magischen Kleidungsstücks in ihre bevorzugte Gestalt. Als Fuchs ist sie schnell und schlau und vor allem: Sie sieht, erkennt, weiß. Sie gehört sich selbst und genügt sich selbst. Als Mädchen fühlt sie sich schwach und schutzbedürftig und ist auf die Hilfe anderer angewiesen. All das ist lange her. Die dritte Reise in die Funke-sprühende Welt hinter dem Spiegel, Reckless: Das Goldene Garn, zeigt Jacob, wie immer auf der Flucht vor sich selbst, getarnt als Jagd – wieder ist es sein kleiner Bruder Will, der gerettet werden muss.

Wo die Magie lebt

Doch dieses Mal muss sich Jacob einer Wahrheit stellen, der offensichtlichsten und schmerzlichsten von allen, und sie hat mit der Füchsin zu tun. Die nun viel öfter als Mademoiselle Celeste Auger begehrliche Männerblicke weckt, als ihr glänzendes Fellkleid zu tragen, das ihr die Jahre raubt. Und dies auch mehr und mehr zu schätzen lernt: Es küsst sich so viel besser mit einem Frauenmund.

Der Weg führt diesmal nach Osten, ins goldene Moskva, in die endlosen Steppen von Kazakh, wo von der Mechanisierung des Westens noch nichts zu bemerken und die Magie noch stark und lebendig ist. Und von dort aus immer weiter nach Osten, nach Nihon und auf die andere Seite des Ozeans, Alaskeya. Doch das ist Zukunftsmusik, die erst noch geschrieben werden muss. Sechs Bände soll die Reckless-Reihe letztlich umfassen, eine Weltreise auf den Spuren der Mythen und Märchen dieser Welt.

Inmitten der langen Wartezeit bis zum vierten Band lässt indes ein Fund aufhorchen: Spiegelwelt. Eine lose Sammlung von Geschichten – wie Jacob die Füchsin aus dem Eisen befreite, wie sein einstiger Schatzjagd-Lehrmeister seinen rechten Arm verlor – im Schatzkästchen.

Ein Kästchen, in dem sich ein Herbarium der gefährlichsten Pflanzen samt botanisch korrekten Darstellungen findet, dazu eine illustrierte Typologie sämtlicher Menschenfresser-Arten, ausgewählte Rezepte für die Zubereitung der Lieblingsspeise der Kinderfresserinnen, der historisch akkurate Bericht, wie der Menschenhaut-Schneider zu seinem blutigen Handwerk kam, und Einladungen, Flugzettel, Briefe, Telegramme, Urkunden; Mosaiksteinchen, die unserem Spiegelweltbild etliche weiße Flecken nehmen. "Ein Kompendium des Staunens und des Grauens zugleich", verspricht und warnt uns der Entdecker des Schatzkästchens, der unter dem Namen Dressler-Verlag auftritt und behauptet, es handle sich um "die Erzählungen aus der preisgekrönten MirrorWorld-App, ausgezeichnet mit dem ,Silbernen Löwen' in Cannes".

Dem mag so sein (auch wenn die Kassette mit Golddruck veredelt und weit und breit kein Löwe zu sehen ist). Aber woher auch immer die Aufzeichnungen tatsächlich kommen mögen: Entscheidend ist, dass ihnen jemand ihr papierenes Fleisch gab. Sonst wären sie wohl auf ewig hinter dem Spiegel verborgen geblieben. (Helmuth Santler, Album, 5.4.2016)

  • Cornelia Funke, "Spiegelwelt" (Schmuckkassette mit Goldveredelung und verschiedenen Elementen). EURO 40,10 / 224 Seiten. Dressler, Hamburg 2016
    foto: dressler-verlag

    Cornelia Funke, "Spiegelwelt" (Schmuckkassette mit Goldveredelung und verschiedenen Elementen). EURO 40,10 / 224 Seiten. Dressler, Hamburg 2016

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