Jedes zweite Hotel in Österreich schreibt rote Zahlen

1. April 2016, 13:55
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Die Situation vieler Betriebe ist prekär. Vor allem den Kleinen geht es schlecht

St. Johann/Pongau – Eben erst hat die Statistik Austria eine Zwischenbilanz der Wintersaison gezogen und mit Zuwächsen bei Nächtigungen und – noch ausgeprägter – bei Ankünften garniert. Das ist aber nur die halbe Wahrheit. Laut einer Studie der KMU-Forschung Austria im Auftrag der Tourismussparte der Wirtschaftskammer arbeitet fast jeder zweite Betrieb mit Verlust. Grund seien die steigenden Kosten für Wareneinsatz und Personal, die schon seit längerer Zeit nicht durch eine Anhebung der Preise für Übernachtung und Nebenleistungen kompensiert werden könnten.

foto: istock/baona

Steigende Kosten setzen Betrieben zu

"Das ist eine mehr als bedenkliche Entwicklung, und es wird eher schlechter als besser", sagte die oberste WKO-Touristikerin Petra Nocker-Schwarzenbacher bei einem Tourismusseminar in St. Johann im Pongau. Glück im Unglück für die Branche sei das derzeit niedrige Zinsniveau. Wäre dem nicht so, befänden sich noch weit mehr Betriebe in Schieflage. "Die Stimmung in der Branche war schon lange nicht mehr so schlecht wie jetzt", so Nocker-Schwarzenbacher. Das habe auch damit zu tun, dass Hotellerie und Gastronomie in Summe rund 150 Millionen Euro Zusatzbelastung tragen müssten, weil mit der Steuerreform unter anderem die Abschreibungsdauer für Sachinvestitionen verkürzt und der ermäßigte Mehrwertsteuersatz von zehn auf 13 Prozent angehoben wurde.

Erträge sinken, Belastung steigt

Die KMU-Forschung Austria hat rund 8.000 Bilanzen von Beherbergungsbetrieben analysiert und festgestellt, dass die Erträge tendenziell sinken, während die Belastung steigt. Lag der Betriebserfolg (vor Finanzergebnis) im heimischen Tourismus im Jahr 2010/11 im Durchschnitt bei 5,5 Prozent der Betriebsleistung, beträgt dieser Wert 2013/14 nur noch 4,8 Prozent. Die Personalkosten sind im Beobachtungszeitraum von 36,2 Prozent der Betriebsleistung auf 37,4 Prozent gestiegen. Die Gründe für die steigende Personalkostentangente sieht der Leiter der KMU-Forschung Austria, Peter Voithofer, in einem Mix unterschiedlicher Entwicklungen: sinkende Bettenauslastung, auch weil viele neue Kapazitäten dazugekommen sind, intensiver Preisdruck durch die angespannte Wettbewerbssituation und sinkende Aufenthaltsdauer der Gäste.

Das Ergebnis nach Finanzergebnis (EGT) konnte nur dank des rückläufigen Zinsniveaus von 1,3 Prozent im Jahr 2010/11 auf 1,6 Prozent im Jahr 2013/14 gesteigert werden. In kaum einer anderen Branche sei die Umsatzrentabilität so niedrig, sagt Voithofer. Der Mittelwert über alle kleinen und mittelgroßen Unternehmen liege bei drei Prozent, dorthin müsse auch die Tourismusbranche kommen, um etwas Luft zum Atmen zu haben. Betrieben in Wintersportzentren Westösterreichs gehe es generell besser als Betrieben im Osten des Landes, insbesondere wenn sie über eine kritische Bettenzahl verfügen.

"Es ist so, dass man sich anfängt zu fürchten", sagt Wolfgang Kleemann von der ÖHT, einer auf Tourismusfinanzierung fokussierten Spezialbank. Sein Credo: Investition, Profilierung, Stärkung des Vertriebs. Nur Hotels mit unverwechselbarer Note hätten erfahrungsgemäß die Fähigkeit, auch jene Preise verlangen zu können, die sie für ein gedeihliches Auskommen benötigen. (Günther Strobl, 1.4.2016)

Hinweis im Sinne der redaktionellen Leitlinien: Die Reise nach St. Johann erfolgte teils auf Einladung der Wirtschaftskammer Österreich.

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