Zahlreiche offene Fragen nach Brüssel-Anschlag

1. April 2016, 14:25
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Die Ermittlungen laufen zwar auf Hochtouren, vieles ist aber unklar. Ein Blick auf die wichtigsten Fakten und Spekulationen

Frage: Was genau ist am 22. März in Brüssel passiert?

Antwort: Selbstmordattentäter sprengten sich im Check-in-Bereich des Flughafens Brüssel-Zaventem nordöstlich der belgischen Hauptstadt und in der U-Bahn-Station Maelbeek/Maalbeek im Stadtzentrum in die Luft und rissen 32 Menschen in den Tod. 340 Menschen wurden verletzt.

Frage: Wer waren die Todesopfer?

Antwort: 17 Opfer waren Belgier, 15 kamen aus anderen Ländern, darunter die USA, die Niederlande, Schweden, Deutschland, Frankreich, China, Italien und Großbritannien. Manche Opfer hatten mehrere Staatsbürgerschaften.

foto: standard

Frage: Wer waren die Täter?

Antwort: Drei der mutmaßlichen Terroristen sind identifiziert: Najim Laachraoui und Ibrahim El Bakraoui haben sich am Flughafen in die Luft gesprengt, Bakraouis Bruder Khalid in der U-Bahn-Station Maelbeek/Maalbeek. Der 24-jährige Laachraoui wurde in Marokko geboren und studierte Elektrotechnik. Im Februar 2013 war er nach Syrien gereist, wo er Jihadisten empfangen haben soll – in Belgien wurde ihm deswegen kürzlich in Abwesenheit der Prozess gemacht. Am Montag vor den Anschlägen in Brüssel wurde er öffentlich zur Fahndung ausgeschrieben, weil man ihn der Beteiligung an den Anschlägen in Paris vom vergangenen November mit 130 Toten verdächtigte.

Die in Brüssel geborenen Brüder El Bakraoui waren in Belgien bereits polizeibekannt. Im Jahr 2010 wurde der 29-Jährige Ibrahim El Bakraoui zu neun Jahren Haft verurteilt, weil er nach einem Einbruch mit einer Kalaschnikow auf Polizisten geschossen hatte. 2014 kam er unter Auflagen frei und schloss sich der Miliz "Islamischer Staat" in Syrien oder dem Irak an. 2015 wurde er in der türkischen Stadt Gaziantep nahe Syrien festgenommen und über die Niederlande nach Belgien abgeschoben. Sein Bruder Khalid war zuletzt 2011 wegen Autodiebstahls zu fünf Jahren Haft verurteilt worden. Auch er wurde im Zusammenhang mit den Attentaten in Paris bereits vor den Anschlägen in Brüssel von der Polizei gesucht.

Frage: Gab es noch weitere Täter?

Antwort: Nach einem weiteren Beteiligten am Flughafen wird noch gesucht: dem "Mann mit dem Hut". Er ist auf dem Bild einer Flughafen-Überwachungskamera auf der rechten Seite zu sehen (siehe Bild unten) und soll vom Tatort geflohen sein, ohne den Sprengstoff zu zünden. Am vergangenen Donnerstag wurde in diesem Zusammenhang der Verdächtige Faycal C. festgenommen, nachdem der Taxifahrer, der die drei zum Flughafen gebracht hatte, ihn als den "Mann mit dem Hut" wiedererkannt hatte. Am Montagabend mussten die Behörden ihn aber ohne Auflagen freilassen, weil er ein belastbares Alibi habe.

Zu Medienspekulationen, wonach ein Mann, der sich in einem Terroristenversteck in der Brüsseler Stadtgemeinde Schaerbeek/Schaarbeek aufgehalten haben soll, der "dritte Mann" vom Flughafen sein könnte, nahm die Staatsanwaltschaft bisher nicht Stellung.

foto: reuters
Najim Laachraoui (links) und Ibrahim El Bakraoui (Mitte) sprengten sich am Flughafen Brüssel-Zaventem in die Luft, nach dem "Mann mit dem Hut" (rechts) wird weiterhin gesucht.

Laut belgischen und französischen Medien, die sich auf Polizeikreise berufen, soll außerdem ein zweiter Mann an dem U-Bahn-Anschlag beteiligt gewesen sein. Der Nachrichtenagentur AFP zufolge ist auf Überwachungsbildern der U-Bahn ein Mann mit einer großen Tasche zu sehen, der mit Khalid El Bakraoui spricht, bevor dieser sich in die Luft sprengt. Die Ermittler haben sich dazu bisher nicht offiziell geäußert.

In den vergangenen Tagen kam es aber zu zahlreichen Festnahmen nach Razzien – sowohl in der Hauptstadt Brüssel als auch im flämischen Kortrijk nahe der französischen Grenze. Die Polizei versichert, sie habe nun etliche mutmaßliche Akteure und Mitwisser in Haft, die mit den Anschlägen in Paris und Brüssel in Zusammenhang stehen. Details zu den Festgenommenen gibt es vorerst nicht.

Frage: Was wirft man den belgischen Behörden vor?

Antwort: Die Polizei soll Warnungen aus der Türkei und den Niederlanden ignoriert haben. Ankara will Brüssel bereits im Sommer 2015 davon in Kenntnis gesetzt haben, dass es sich bei Ibrahim El Bakraoui um einen "terroristischen Kämpfer" handelt. Er war im Juni in der Türkei festgenommen und in die Niederlande abgeschoben worden.

Nach Angaben des niederländischen Justizministers Ard van der Steur wurde Amsterdam am 16. März von der US-Bundespolizei FBI über den "kriminellen Hintergrund" der Bakraoui-Brüder und den "terroristischen Hintergrund" von Khalid El Bakraoui informiert und leitete die Angaben am nächsten Tag bei einer Polizeibesprechung an Belgien weiter. Die belgische Bundespolizei bestreitet das. Bei dem Treffen am 17. März sei es nicht um die Bakraoui-Brüder gegangen, sondern um eine Razzia in Brüssel am 15. März, bei der ein algerischer Terrorverdächtiger festgenommen wurde. Der Mann wurde in einer Wohnung gefasst, die Khalid El Bakraoui unter falschem Namen gemietet hatte. Zudem soll die Polizei nach der Verhaftung des mutmaßlichen Paris-Attentäters Salah Abdeslam am 18. März Hinweise auf unmittelbar bevorstehende Anschläge erhalten haben. Dennoch gab es keine Anschlagswarnung.

Frage: Besteht eine Verbindung zu dem Verdächtigen Salah Abdeslam?

Antwort: Die Anschläge in Brüssel erfolgten vier Tage nach Abdeslams Verhaftung im Brüsseler Stadtteil Molenbeek. Von den Vorbereitungen will er laut seinem Anwalt nichts gewusst haben. Laut Ermittlern hinterließ er aber Fingerabdrücke auf einem Wasserglas in der Wohnung, die Khalid El Bakraoui im Brüsseler Stadtteil Forest/Vorst gemietet hatte und wo es am 15. März bei einer Polizeirazzia zu einer Schießerei gekommen war.

foto: apa/afp/belga/dirk waem
Einsatzkräfte nahe der Razzia im Brüsseler Stadtteil Molenbeek, bei der auch Salah Abdeslam verhaftet wurde.

Frage: Gibt es andere mögliche Verbindungen zwischen den Anschlägen in Brüssel und Paris?

Antwort: Fingerabdrücke von Laachraoui, der sich am Flughafen in die Luft sprengte, wurden in einem von den Attentätern genutzten Haus im südbelgischen Auvelais nahe Charleroi sichergestellt. Auch auf den Resten von Sprengstoffgürteln, die vor dem Stade de France und in der Konzerthalle Bataclan detoniert waren, wurde seine DNA entdeckt. Zudem geriet Laachraoui Anfang September 2015 mit der falschen Identität Soufiane Kayal zusammen mit Abdeslam in eine Kontrolle an der Grenze zwischen Ungarn und Österreich.

Khalid El Bakraoui, der sich in der Brüsseler U-Bahn in die Luft sprengte, soll außerdem eine Wohnung im südbelgischen Charleroi angemietet haben, in der sich auch die Paris-Attentäter aufgehalten haben. Bereits seit Dezember wurde er per Interpol-Haftbefehl im Zusammenhang mit den Pariser Anschlägen gesucht.

Frage: War ein Ziel der Attentäter nicht auch ein Atomkraftwerk?

Antwort: Mehreren Medienberichten zufolge hatten die Attentäter zunächst Atomkraftwerke im Visier, Polizeirazzien und Festnahmen in Brüssel führten aber offenbar dazu, dass die Pläne geändert wurden. Im Dezember fand die belgische Polizei nach einer Razzia im Zusammenhang mit den November-Anschlägen von Paris ein Video, das die Bewegungen eines hochrangigen Mitarbeiters der Atomindustrie zeigt. Daraufhin wurden die Sicherheitsvorkehrungen an den AKWs verstärkt.

Frage: Wann ist der Flughafen wieder betriebsbereit?

Antwort: Technisch gesehen ist er das bereits, wie die Betreiberfirma am Donnerstag mitteilte. Bis Freitagabend werden aber noch keine Passagiermaschinen abheben, denn wann genau wieder Passagierflüge starten, hängt davon ab, wann die Behörden ihre endgültige Zustimmung geben. (maa, 1.4.2016)

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