Türkei: Wo fängt der Scherz an, wo hört er auf?

Blog1. April 2016, 11:33
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Im Fall des türkischen Präsidenten Erdogan hat er offenbar gerade erst begonnen

Wien – Die NDR-Satireshow "Extra 3" hat Recep Tayyip Erdogan dieser Tage zum größten Komiker und Mitarbeiter des Monats erklärt – schade, dass der März schon vorbei ist.

Der türkische Potentat hält, wie es scheint, im eigenen Land die Medien bereits derart in Schach, dass er nun mit seinen Zensurgelüsten erstmals grenzüberschreitend in das EU-Land Deutschland ausweichen musste. Unangenehm für die dortige Kanzlerin, die sich gerade auch im Namen der EU mit Erdogan in einem intensiven Flüchtlingsflirt befindet – brüllendes Gelächter bei der betroffenen Redaktion, Proteste aller deutschen Medien.

"Extra 3" hat sich in dem Beitrag mit dem Song "Erdowi, Erdowa, Erdogan" über die gewalttätige Misshandlung des Menschenrechts auf Presse- und Informationsfreiheit mokiert. Aber muss deshalb gleich in Ankara der deutsche Botschafter ins Amt zitiert werden mit der Forderung nach verlässlicher Zensur? Das wäre, als ob in Österreich die gesamte Frauenwelt vor vier Jahren bei dem österreichischen Song-Contest-Beitrag "Woki mit deim Popo" mit flächendeckenden Demonstrationen auf die Barrikaden gegangen wäre – sozusagen als unbezahlte Werbung. Frauen sind offenbar in solchen Fragen besonnener – dies allerdings ohne von einem Leben im Harem zu träumen wie jüngst Erdogans First Lady Emine. Recep Tayyip soll übrigens seiner Emine, bevor sich die beiden näher kennenlernten, im Traum erschienen sein. Nachzulesen bei Wikipedia.

extra 3

Interventionen wegen TV-Sendungen

Ihm wiederum träumte vielleicht damals schon von der Zukunft als türkischer Ayatollah. Auch Irans Ayatollah Khomeini hat bereits im Jahr 1987, also vor gut 29 Jahren, beim deutschen Außenamt wegen einer TV-Sendung interveniert: Der damalige Showmaster Rudi Carrell hatte sich über ihn lustig gemacht. Der Dritte im Bunde jener hochsensiblen Politfreunde der Demokratie, die in Berlin bisher wegen Mediensatire vorstellig wurden, war vor zehn Jahren der frühere polnische Präsident Lech Kaczyński.

Träumer gibt es hier und dort und überall. Albträume auch – wobei mancher Alb für andere Träumende geradezu paradiesisch wirkt. Siehe Frau und Herr Erdogan. Letzterer beherrscht jedenfalls mit seiner menschenrechtsfeindlichen Medienpolitik derzeit internationale Schlagzeilen. Zu Hause in der Türkei zerstört er jegliche Wege in eine stabile, demokratiebewusste Zukunft mit immer neuen, sehr, sehr tiefen Schlaglöchern. Wie?

Durch die strafrechtliche Verfolgung von Journalisten wegen wahrheitsgetreuer Berichterstattung. Mögliches Strafmaß: lebenslang. Durch den Ausschluss der Öffentlichkeit von Journalistenprozessen. Durch überfallsartig eingesetzte staatliche Kontrollorgane in privaten Medienbetrieben.

Zurück in die Welt der Träume, der Traumata, der Albträume

Das heutige türkische Militär wird dank Erdogan wieder auf das Osmanische Reich eingeschworen. Siegesgewiss galoppelt es durch die Regionen der Europäischen Union. Diesmal werden nicht nur die Balkanstaaten zu Vasallenländern degradiert, selbst Österreich ist erstmals nicht zu halten – trotz trutzigen Stacheldrahtverhaus rund um den Wiener Türkenschanzpark. Mehr konnte sich das kleine Land nicht leisten, weil das Innenministerium gerade, sehr verspätet, aber doch, wenigstens einen Teil seiner Schulden bei jenen NGOs begleichen musste, die bei der Flüchtlingsbetreuung geholfen hatten. Man wog sich dennoch in Sicherheit, weil auch dieser Zaun – wie beim Spielfelder Zaun von der Innenministerin beschrieben– im Erdbereich verankert ist, also ein "Unterkriechen" erschwert wurde. Die osmanischen Militärs kriechen jedoch nicht unter, sondern überspringen mit ihren Araberpferden die erdorientierten Austro-Zäune. Im Gegensatz zu den Türkenbelagerungen 1529 und 1683 fällt diesmal Wien in die Hände der Osmanen.

Europa, von manchen Experten weit- oder kurzsichtig beziehungsweise rückwärtsgewandt mit einer Festung verglichen, wird also zum Exerzierfeld der osmanischen Armee. Verglichen mit dieser waren – so weiß man wenigstens jetzt – die Flüchtlinge aus dem vielzitierten Orient richtiggehend harmlos. Viele von diesen sind ja auch bereits dem Christentum beigetreten, haben sich also religiös total assimiliert und hiesigen Primärwerten angepasst. Noch immer sind sie dankbar, dass sie kommen durften. Die Osmanen sind da anders.

Bald stellt sich dann jedoch heraus: So arg sind die modernen Osmanen auch wieder nicht, zumindest nicht in der österreichischen Hauptstadt Wien. Die bisherige Innenministerin darf bleiben – als Sicherheitsbeauftragte der Provinz Avusturya. Niemand darf sie nunmehr ungestraft "Endlosschleife" nennen. Kein deutschländischer Journalist darf noch einmal in einer Livediskussion eines deutschen öffentlich-rechtlichen Senders stöhnen, "ich halte das nicht mehr aus", wenn besagte Dame in einem endlosen Wortschwall ohne Punkt und Komma auf konkrete Fragen konsequent nicht antwortet.

Der "lange Kurz"

Ähnlich positiv stellt sich die neue Situation des als politischer Superstar gehandelten bisherigen Außenministers, genannt der "lange Kurz", dar. Dank seiner hochsensiblen Lauscher soll er Gras rechtzeitig wachsen hören und bevorzugt mit dem Wind segeln können. Dank der Erfahrung intensiver Tanzstunden auf internationalem Parkett – wenn auch unter Missachtung teuren europäischen Porzellans – beherrscht er das politische Einmaleins auch schon auf Türkisch. Er könnte der Masseverwalter des ehemaligen Staates Österreich werden, aber das ist noch nicht so ganz klar.

Gut gebettet stellt sich auch die Karriere des bisherigen Bundeskanzler Faymann dar. "Der Schöne", wie ihn eine krönende österreichische Heimpostille nannte. Ihm wird der Job des obersten Tourismusverantwortlichen angeboten, sozusagen der Posten eines gesamtösterreichischen Reisebüroleiters. Als solcher kann er dann auch leichter mit Griechenlands Premierminister kooperieren. Alexis Tsipras als Leiter eines Reisebüros für Wirtschafts- und Kriegsflüchtlinge, Werner Faymann als Grüßonkel für Wohlstandstouristen. Sie müssten sich eigentlich gut vertragen, sind doch beide Polit-Linke.

Berufsverbot samt Knast

In den genannten Fällen gilt: Jedes kritische Wort wird mit Berufsverbot samt Knast geahndet und verlässlich an Erdogan weitergepetzt. Nun herrscht auch in dem liebenswerten Land zwischen Boden- und Neusiedler See endlich wieder Ruhe, und endlich kann auch die journalistische Spreu problemlos vom Hafer getrennt werden.

Sebastian Kurz heißt dann in allen Medien wieder Kurz und nicht Prinz Eisenherz, Johanna Mikl-Leitner wieder Mikl-Leitner statt Festungswartin, Werner Faymann wieder Faymann und nicht Merkelbezwinger. Und kein Journalist dürfte es mehr wagen, diese politischen Hauptakteure sowie deren Freundeskreise Kleinhäusler zu nennen, die sich an einem wiedererwachten Nationalismus berauschen. Wie auch – die übergeordnete gemeinsame Identität ist inzwischen ohnedies die des neuen, modernen osmanischen Vielvölkerstaats.

Europäische Medienpolitik wird dann Schweigepolitik sein. Aus "silent diplomacy" – wie es im Diplomatensprech heißt – wird "silent democracy". Das macht aber nichts. Immerhin ist Europa dann wieder geeint – zwar nicht aus eigener Kraft, aber im Zeichen des Halbmonds.

Heute ist der 1. April. Kein Scherz ist, dass im heutigen realen Europa Medien- und Informationsfreiheit mehr und mehr vernachlässigte Größen sind. In Ungarn ist der Gleichschaltungsprozess weitgehend abgeschlossen, Polens Regierung eifert dem magyarischen Vorbild Orbán in Windeseile nach. Dass die Redaktion der Londoner Zeitung "The Guardian" von der britischen Sicherheitspolizei im Zusammenhang mit Wikileaks durchwühlt wurde, ist nun auch schon zweieinhalb Jahre her. Wie heißt es doch gleich: Wer im Glashaus sitzt, soll nicht mit Steinen werfen. (Rubina Möhring, 1.4.2016)

  • Recep Tayyip Erdogan hat ein Problem mit Satire und Pressefreiheit.
    foto: reuters / roberts

    Recep Tayyip Erdogan hat ein Problem mit Satire und Pressefreiheit.

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