Junge Flüchtlinge: Die angeblichen Egoisten

21. April 2016, 12:14
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Das Projekt "Kicken ohne Grenzen" bringt Syrern und Afghanen Abwechslung. Spaß soll es machen, doch das allein reicht ihnen nicht mehr

Aufwärmen ist etwas für Anfänger. Der kunterbunte Haufen, der sich auf dem Fußballplatz des KSV Ankerbrot Montelaa einfindet, schnappt sich sofort mehrere Bälle, flankt, schießt, setzt zum Seitfallzieher an. Die Muskeln halten es aus, sie sind ja noch jung. Und Ikbal ist der Kapitän. Weil er viel kommuniziert. Weil er mit jedem kann. Und weil er bei jedem Training dabei ist. Jetzt muss er nur noch Deutsch lernen.

Vor acht Monaten hat der 18-jährige Syrer von Aleppo aus über die mittlerweile geschlossene Balkanroute Österreich erreicht. Ihm vorausgegangen sind seine Brüder, ihm gefolgt ist seine Mutter – nun sind sie in der Wiener Leopoldstadt wiedervereint. Im April sind für ihn endlich die Deutschkurse losgegangen, derzeit parliert er noch in perfektem Englisch. Architekt will er werden, wenn er das mit der Sprache einmal hinbekommen hat. Oder, und das wäre ihm allemal lieber, Profifußballer.

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Insgesamt 60 Burschen und Mädchen nehmen an "Kicken ohne Grenzen" teil.

Sonderlich ernst scheint er letzteres Ziel aber nicht zu nehmen, er lacht dabei, und die Chancen würden jetzt auch nicht wirklich gut stehen. "Fußballerisch gehört er nicht zu den Besten hier", sagt Alois Gstöttner, doch Ikbal sei eben so ungeheuer wichtig als integrative Kraft in diesem Integrationsprojekt.

Der 40-jährige Gstöttner hat gemeinsam mit der 35-jährigen Karina Lackner "Kicken ohne Grenzen" aufgezogen, um Jugendlichen mit Fluchterfahrung die Möglichkeit zu geben, Fußball zu spielen. Er ist freier Journalist, sie Filmemacherin, beide mit den zwei großen Vorlieben Fußball und Brasilien, die sie schon öfter zusammenarbeiten ließen.

Im September vergangenen Jahres nun, als sich nach der Fertigstellung eines Buches über die Fußball-WM 2014 in Brasilien "irgendwie ein Loch" ergab, kam laut Gstöttner die Idee auf, in der aktuellen Situation etwas Sinnvolles zu machen. Und da er gerade die Kindertrainerausbildung absolviere, habe sich das eben gut ergeben. Schließlich sei Sport ein verbindendes Element, um junge geflüchtete Menschen zu integrieren, heißt es in der Eigendefinition des Projekts.

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Aufwärmen auf dem Platz des KSV Ankerbrot Montelaa. Alois Gstöttner (ganz rechts) gibt das Tempo vor, daneben rennt Ikbal im weißen Dress.

Nach der geborenen Idee mussten folgende Fragen beantwortet werden: Wo spielen? Wie das alles finanzieren? Und: Wie die Flüchtlinge finden, die sich dafür interessieren? Letzteres war relativ einfach, es wurden jene Institutionen angeschrieben, die jugendliche Flüchtlinge betreuen. "Vom Georg-Danzer-Haus hatten wir gleich einmal die ersten 15 Burschen", sagt Gstöttner. Heute nehmen rund 60 Burschen und auch Mädchen an "Kicken ohne Grenzen" teil.

Bei den beiden anderen Fragen war es schon etwas schwieriger. "Wir haben 15 Vereine angeschrieben, ob wir günstig oder gratis einen Platz bekommen könnten. Viele waren voll oder haben sich einfach gar nicht gemeldet", sagt Gstöttner. Bis sich der KSV Ankerbrot Montelaa meldete. Seitdem, genauer gesagt seit November, steht Ikbal und seinem Team jeden Dienstag um 17 Uhr ein halber Platz in der Heuberggstättenstraße in Favoriten zur Verfügung. Kostenlos. Und "irre viel wert", wie Gstöttner sagt.

"Jetzt gewinnen wir schon"

Auf der anderen Hälfte spielt zur selben Zeit immer die U16 des Hausvereins, gegen die am Ende jeder Einheit ein Trainingsspiel absolviert wird. "Anfangs haben wir verloren, aber jetzt gewinnen wir", sagt Gstöttner nicht ohne Stolz über seine Truppe – zwischen 15 und 21 Jahre alt, großteils Syrer und Afghanen, neuerdings sind auch zwei Sudanesen mit von der Partie. Mittlerweile gibt es auch ein Mädchenteam, das am Mittwoch abwechselnd von Spielerinnen von Dynamo Donau auf der Birkenwiese trainiert wird.

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Dehnen. Muss auch sein.

Im Lauf der Zeit ist nicht nur die Anzahl der Spieler gestiegen, auch die Infrastruktur verbessert sich sukzessive. Mittlerweile machen Freiwillige als ehrenamtliche Co-Trainer mit, denn allein mit 30 Burschen, gesteht Gstöttner, "das war schon zach". Ansonsten wird die Ausrüstung stückweise mit kleinen Geld- und Sachspenden erweitert. Die mittlerweile doch recht zahlreichen Freundschaftsspiele und Turniere bestreitet man in gespendeten gelb-roten Dressen.

"Hier ist es kuscheliger"

Und die sportlichen Leistungen, die gehen sowieso steil bergauf. Zwei Spieler haben derzeit sogar die Möglichkeit, zu einem Verein in der Oberliga zu wechseln. Momentan wollen sie aber nicht, "hier ist es kuscheliger", sagt Gstöttner. Das Angebot steht immer noch, mal schauen. Grundsätzlich, so Gstöttner, entwickle sich das Team gut, nur haben sie angeblich Probleme, als Mannschaft aufzutreten: "Viele spielen oft noch zu egoistisch."

Aber auch auf Fortschritte in der Sprache wird sehr viel Wert gelegt. Derzeit werde mit einer Mischung aus Englisch und Deutsch kommuniziert, mit dem ständigen Versuch, komplett auf Deutsch zu wechseln.

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Angeblich spielen sie oft noch zu egoistisch. Angeblich.

Kein Spaß mehr

Ahmad hat das alles schon gar nicht mehr notwendig. Vor acht Monaten machte sich der 17-jährige Afghane auf den Weg nach Deutschland, um dann schließlich in Österreich zu landen, und zwar in einer 15er-WG der Caritas für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge im Alsergrund. Seit drei Monaten besucht er fünfmal in der Woche Deutschkurse – und das merkt man auch. In nahezu perfektem Deutsch erzählt er davon, dass er Cristiano Ronaldo mag, aus Österreich David Alaba und einmal Arzt werden will. Und: dass es anfangs nur um den Spaß ging. Jetzt aber, da "wollen wir gewinnen".

Zwei Wochen später: Das Firmenteam des STANDARD tritt gegen "Kicken ohne Grenzen" an. Es wird zu einem ballesterischen Gemetzel. 2:7. Die jungen Flüchtlinge lassen jeden Egoismus vermissen und hätten mit etwas mehr Effizienz auch locker zweistellig gewinnen können. Spaß hat das echt keinen gemacht. (Kim Son Hoang, 21.4.2016)

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