Das Wappentier von Stanford im eigenen Garten

7. April 2016, 06:26
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Wenn einen die Nichteinhaltung einer Sonntagsruhe durch die Fachleute freut

Der Baum ist das "Wappentier" der Stanford University. "El Palo Alto" bezeichnet eine Redwood-Art, die es ins Stadtwappen von Palo Alto und ins Universitätswappen der Stanford-University geschafft hat. Gleichzeitig ist "The Tree" das Maskottchen der Stanford Cardinals und "Mitglied" der Stanford-Band, die bei den Spielen der Cardinals in Football und Basketball auftritt und die Besucher gemeinsam mit den Cheerleadern einpeitscht. Nachdem bei beiden Sportarten im Unterschied zu Fußball eindeutig mehr Pause als Spiel ist, sind Cheerleader, Band und Baum wichtiger als die Spieler.

foto: reed saxon / ap
Das peinlichste Sportmaskottchen der USA, aber die Menschen in Palo Alto lieben ihn: Der Baum ist das "Wappentier" der Stanford University.

Der arme Baum

"The Tree" wird bei den Spielen immer wieder Opfer von Attacken gegnerischer Fans, insbesondere solcher der UCL Berkeley, die dann dem Baum Zweige abbrechen oder ihn gar zu Fall bringen – wehe der armen Person, die da im Baumkostüm steckt: ein gefährlicher Job. "Fear The Tree" ist der Kampfruf der Stanford Cardinals, und Stanford ist stolz auf seinen Baum, obwohl der Stanford Tree 2009 zum peinlichsten Sportmaskottchen der USA gewählt wurde.

Das große Beben?

"Fear The Tree" bekam für uns eine unmittelbarere Bedeutung. Im Pazifik herrscht heuer eine besonders starke El-Niño-Aktivität, bei der der kalte Humboldtstrom zum Erliegen kommt. Dieses klimatische Phänomen hat Auswirkungen auf das Wetter der halben Welt. In Kalifornien führt es zu ungewöhnlich nassen und stürmischen Wintern; durchaus zur Freude der Kalifornier, da das Land an einer jahrelangen Dürre leidet, und zur Freude in den Skigebieten, die so viel Schnee haben wie schon lange nicht.

Eines Samstag abends aber, es stürmte und schüttete bereits seit zwei Tagen, gab es in unserem Haus einen so lauten Knall, dass wir glaubten, jetzt sei "The Big One" gekommen – das große Erdbeben, vor dem sich hier alle fürchten.

Nur ein privater Baum

Es war aber "nur" der Baum. Die große alte Ulme aus unserem Garten hatte dem Wind nicht mehr standgehalten und war auf unser Hausdach gekracht. Die Telefonleitung war gekappt, sonst funktionierte alles.

Notruf. Nur eine Minute später kam die Polizei. Sie sondierte die Lage, sah, dass niemand verletzt war, versprühte gute Laune und Ratschläge und war dahin. Eine weitere Minute später die Feuerwehr mit einem dieser wunderschönen Bubentraum-Feuerwehrautos, Blaulicht und Sirene. Drei Feuerwehrmänner und eine Feuerwehrfrau stürmten unser Haus. Nachdem sie feststellten, dass niemand verletzt war und dass es sich beim Verursacher um einen privaten Baum handelte, versprühten sie gute Laune, gaben uns den Tipp, im Keller zu schlafen, und verschwanden wieder. Der Baum blieb am Dach, welches gemeinsam mit ihm bei jedem Windstoß ächzte. Sehr beruhigt eingeschlafen sind wir nicht.

Glück im Unglück

Wir hatten Glück im Unglück: Die Konstruktion des Hauses hielt dem schweren Baum stand, und auch das Dach war für hiesige Verhältnisse professionell mit zwei Schichten gedeckt. Das ist alles nicht selbstverständlich, wenn man sieht, wie Häuser hier gebaut werden: Großteils bestehen sie aus Pressholzplatten.

Was in den USA geht,..

Nun kam das US-Typische: Versicherung und Telefonprovider anrufen, gefühlte zwei Stunden in irgendwelchen Warteschleifen, Datenaufnahme. US-typisch war dann aber auch, dass am Sonntag um acht Uhr früh Roy von Davey Tree vor dem Haus stand und um zehn Uhr seine Truppe, drei Mann hoch, mit zwei Lkws, einem riesigen Häcksler und einem Kran da war. Innerhalb von vier Stunden war der Baum entfernt. Der Telefontechniker war ebenso schnell da und reparierte den Schaden. Angesichts unserer Österreich-Erfahrungen mit Freitags-Wasserrohrbrüchen, dem "Das geht sich heute aber nicht mehr aus" der Installateure und den wasserfreien Wochenenden freut man sich doch sehr über die Nichteinhaltung der Sonntagsruhe. Erschwert wurde der Einsatz der Kavallerie allerdings durch die Tatsache, dass sich hier im gelobten Hightech-Land noch immer alle Leitungen in der Luft befinden und auf windschiefe Masten gepfuscht sind. Strom- und Telefonkabel unter die Erde zu bringen, was in Österreich in den 1970ern passierte, ist im Land der unterentwickelten Infrastruktur noch immer kein Thema.

... aber in Österreich billiger ist

Einige Tage später kam dann der Versicherungsinspektor Wayne Schlegel aus Texas eingeflogen – er sollte die kaputten Dachziegel begutachten. Da es aber noch ein wenig feucht war, wagte er sich nicht aufs Dach und musste seinen Kalifornien-Aufenthalt ein paar Tage verlängern. Bei schwerem Regen aufs Dach stiegen dann die Dachdecker mit Migrationshintergrund, um die Schutzplane zu fixieren. Ohne die 39 Prozent Latinos würde in Kalifornien gar nichts mehr gehen. In Summe hat der Einsatz des schweren Geräts zur Baumbeseitigung 6000 Dollar gekostet. Ich vermute, dass man bei uns zu Hause auf dem Land kompetente Forstarbeiter gefunden hätte, die den Baum für 100 Euro, eine Kiste Bier und die Brennholzspende entsorgt hätten. (7.4.2016)

Zur Person:

Michael Meyer leitet das Institut für Non-Profit-Management an der WU Wien und berichtet für den STANDARD exklusiv über seinen Forschungsaufenthalt in Stanford.

Frühere Teile:

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