Israel: Autisten arbeiten für Militärgeheimdienst

1. April 2016, 10:03
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Autisten haben keine Probleme mit Routineaufgaben oder häufigen Wiederholungen. Durch ihre hohe visuelle Sensibilität können sie minimale Veränderungen entdecken

Israels Armee beschäftigt dutzende Soldaten mit Autismus-Spektrum-Störungen und profitiert dabei von Sonderbegabungen, über die Autisten häufig verfügen. Am Welt-Autismus-Tag am 02. April soll für die Entwicklungsstörung sensibilisiert werden, deren Ursachen noch nicht geklärt sind.

Schai ist Soldat in einer Einheit des israelischen Militär-Geheimdienstes und Autist. Er kann Stunden damit verbringen, akribisch nach Fehlern in einem Computerprogramm zu suchen – soziale Kontakte fallen ihm schwer, gleichzeitig ist er technisch hochbegabt.

Was ihn besonders macht, ist also Stärke und Schwäche zugleich. "Ich finde mich eigentlich ganz normal, und ich glaube, andere sehen das genauso", sagt Schai. Gleichzeitig fällt es ihm sichtbar schwer, länger Blickkontakt mit Gesprächspartnern zu halten.

Schai ist für die Qualitätssicherung von Computerprogrammen zuständig, die Experten des Militärgeheimdienstes entworfen haben. Er arbeitet dabei mit Noam zusammen, der ebenfalls Autist ist. Ausgebildet wurden die beiden jungen Männer mit einem Kurs, den die Armee zusammen mit einem College in Kiriat Ono bei Tel Aviv ausrichtet.

Erholungsphasen notwendig

Dem 19-jährigen Noam merkt man die Kommunikationsstörung im Gespräch kaum an. Doch er sagt, er müsse mehr auf sich achten als andere Soldaten. "Ich kann nicht gut mit Stress umgehen", sagt er und lächelt. "Ich brauche mehr Stunden zuhause, um mich wieder zu beruhigen. Wenn ich nicht die Diagnose Autist hätte, würde die Armee mir das nicht erlauben."

Kapitän Oded leitet in der Einheit das Programm "Roim Rachok", hebräisch für "in die Ferne sehen". Ziel des Pilot-Projekts ist es, auch Autisten den Militärdienst zu ermöglichen. Die Diagnose Autismus wird in Israel immer häufiger gestellt, sie betrifft mittlerweile eines von 100 Kindern. Menschen mit körperlichen Behinderungen oder psychischen Störungen sind vom Militärdienst befreit, der sonst obligatorisch ist, knapp drei Jahre für Männer und zwei Jahre für Frauen. Sie können sich aber freiwillig melden. 2014 haben sich insgesamt 1.031 Israelis freiwillig zum Armeedienst gemeldet, fast doppelt so viel wie 2010.

Eine für Autisten typische Liebe zum Detail sei für den Geheimdienst besonders nützlich, erklärt Kapitän Oded. Teilnehmer des Programms werden vor allem zur Auswertung von Luftbildern und im Computerbereich eingesetzt. "Sie achten auf jede kleine Veränderung und sind extrem gründlich", sagt er. Autisten hätten auch wenig Probleme mit Routineaufgaben und häufigen Wiederholungen. "Es ist eine Sisyphusarbeit, die nicht jeder leisten kann."

Hohe visuelle Sensibilität

Auch die Geheimdiensteinheit 9900 – bekannt als "die Augen des Landes" – verlässt sich bei der Satellitenüberwachung auf Autisten. Ihre hohe visuelle Sensibilität macht es ihnen leicht, auch minimale Veränderungen zu erkennen – und so etwa Truppenbewegungen, Raketen-Abschussrampen oder Waffenlager zu entdecken.

Doch nicht alles ist rosig. Es sei nicht immer einfach, die Autisten in die Gruppe zu integrieren, erklärt Kapitän Oded. "Sie brauchen mehr Unterstützung als andere Soldaten." Das Programm werde auch von Therapeuten begleitet. "Sie sind hier, weil sie der Armee einen Dienst erweisen, nicht aus Mitleid", betont der Militär aber. Gleichzeitig helfe es den Soldaten, schon während der Armeezeit einen Beruf zu lernen, der ihnen später auch ein unabhängiges Leben ermöglichen könne. "Es ist eine Win-Win-Situation." (APA, S. Lemel/dpa, 1.4.2061)

  • In der Nacht von 1. auf 2. April werden im Zuge der "Light it up blue"-Kampagne weltweit Gebäude blau beleuchtet, um Bewusstsein für die Entwicklungsstörung Autismus zu schaffen, so auch das Alte Rathaus in Linz. Ziel ist es, auf die mit Autismus verbundenen Herausforderungen, aber auch auf die Potenziale für die Gesellschaft, aufmerksam zu machen.
Autismus wird häufig nicht oder zu spät erkannt. Dementsprechend hoch ist die Dunkelziffer: Einer von 68 Menschen soll laut Experten betroffen sein.
    foto: holmes-ullrich

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