Energiewende 2050 nur schwer umzusetzen

1. April 2016, 10:03
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Österreich ist bis 2030 dank Wasser- und Windkraft begünstigt, eine massivere CO2-Reduktion ist im nationalen Alleingang aber unmöglich

Wien (APA) – Der Umbau der Energiesysteme auf die Langfrist-Perspektive 2050 und die Zeit danach wird eine große Herausforderung – ungleich schwieriger als für die EU-Ziele 2030, wie sie im Sinne der Pariser Klimakonferenz fixiert wurden. Darauf verwies der deutsche Energieexperte Christoph Maurer, der auch an Österreichs neuer Energiestrategie mitarbeitet, bei einer Diskussion der heimischen E-Wirtschaft.

Entscheidungen für 2050 dürften nicht auf die lange Bank geschoben werden, denn was in den nächsten zehn, fünfzehn Jahren auf Schiene komme und gebaut werde, stehe dann Mitte des Jahrhunderts. Für die 2030-Ziele der EU – 40 Prozent weniger Treibhausgasemissionen, 27 Prozent Erneuerbaren-Anteil und 27 Prozent mehr Energieeffizienz – sei Österreich durch seine Wasserkraft und Windkraft begünstigt, meinte Maurer am Donnerstagabend bei einer Veranstaltung von Oesterreichs Energie, dem Branchenverband des Stromsektors. Die Industrie freilich habe nur begrenzte Senkungsmöglichkeiten bei Treibhausgasen. Im Gebäudesektor sei mehr zu tun, zudem sei eine weiter steigende Verkehrsbelastung zu erwarten.

Internationale Zusammenarbeit

Für eine 80- bis 95-prozentige Treibhausgassenkung, wie sie langfristig angestrebt sei, müssten "alle" mitziehen, nicht nur einzelne Länder. Denn es sei unmöglich, ein System mit solch hoher Decarbonisierung rein national aufzustellen. International sei zudem das Problem des "carbon leakage" zu beachten, also die Gefahr der Abwanderung von Industrieproduktionen in weniger umweltengagierte Weltregionen, warnte Maurer, Geschäftsführer der Consentec GmbH mit Sitz in Aachen. Eine 80-prozentige Absenkung des CO2-Ausstoßes sei mit heutigen Technologien zu bewerkstelligen, nicht aber eine 95-prozentige. Für minus 95 Prozent müsse die Energieproduktion komplett auf Nullemissionen umgestellt und bei der Industrie radikal reduziert werden, denn allein für den Agrarsektor werde ein 5-Prozent-Sockel bleiben müssen.

Wie die Pariser Klimaziele, namentlich die Begrenzung der Erderwärmung auf zwei Grad Celsius, erreichbar seien, habe die Konferenz im Dezember leider nicht beantwortet, so der Experte. Für den wahrscheinlichsten Weg hält er das Ziel "negativer Emissionen" in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts. Erreichbar wäre das etwa, indem in großem Umfang Biomasse angebaut, diese verstromt und das Kohlendioxid daraus eingelagert werde – angesichts der "Energie- versus Nahrungsmittel"-Diskussion oder der Debatte um CO2-Abscheidung und Einlagerung (CCS) wohl nur schwer umzusetzen. Aber ohne "negative Emissionen" sei das 2-Grad-Ziel nicht zu erreichen, betonte Maurer. Auch dazu fehlten aber Instrumente von Paris, schließlich habe man sich nur auf freiwillige nationale Beiträge der einzelnen Staaten geeinigt, was auch die Gefahr von Trittbrettfahrern mit sich bringe. Ein wirksamer Mechanismus könnten dem Consentec-Chef zufolge jedoch CO2-Steuern sein – allerdings auf europäischer Ebene. Das, so der Experte, "wäre besser als nationale Pläne für Deutschland, Österreich usw. für das 2-Grad-Ziel".

Viele offene Fragen

Bei den Detailmaßnahmen für die längerfristigen Klima- und Energieziele sieht Maurer noch viele offene Fragen. So seien etwa Kraft-Wärme-Kopplungen (KWK) zwar gut für eine 80-prozentige Absenkung der Treibhausgase, nicht aber für ein 95-Prozent-Ziel. Auch ob man sich für Wasserstoff- oder Elektromobilität entscheide, sei eine grundsätzliche Frage, quasi eine Pfad-Entscheidung, die zu treffen sei. Zum Thema "Verbrauchsverhalten" zeigte sich der Experte besorgt. Denn seien Eingriffe wie eine klimatisch sinnvolle Senkung der Fleischproduktion oder Maßnahmen zu Mobilität und Wohnen legitim? Und wie könne hier die Güterabwägung erfolgen? "Für den 2050-Horizont sehe ich noch ganz große Herausforderungen", so Maurer.

Strom müsse in die Überlegungen unbedingt mit eingebaut werden, wolle man die Klimaziele erreichen, denn bei Strom sei die Decarbonisierung einfacher. Bei der E-Mobilität habe man die Alternativen, den Strom entweder direkt zu nutzen und Elektroautos damit zu speisen – oder man produziert den Strom und gewinnt aus ihm durch Elektrolyse Wasserstoff. Dazu müsste jedoch erst ein Wasserstoff-Verteilnetz aufgebaut werden. "Power to Gas" oder ähnliche Varianten, um etwa künstliches Erdgas oder künstlichen Sprit zu gewinnen, wären für Maurer nur Notlösungen, da wegen des hohen Stromverbrauchs die energetische Effizienz niedrig sei. Zudem werde es in einer CO2-Reduktions-Gesellschaft irgendwann vielleicht schwierig, in größerem Umfang CO2 zur Verfügung zu haben, wie er benötigt wird, damit Wasserstoff chemisch zu Kohlenwasserstoffen reagieren kann.

Wind und Solar vernetzen

Eine verstärkte Stromnutzung bei der Gesamt-Energiewende mache Sinne – dazu sei es jedoch nötig, in Europa den Windstrom aus dem Nordwesten und den Solarstrom aus dem Süden "zusammenzubringen", da es "Wehen und Scheinen nicht immer gleichzeitig" gebe. Eine großräumige Vernetzung könnte dies abfangen. Für eine entsprechende Flexibilität im System müssten in Europa aber die Übertragungsnetze in einem heute unvorstellbaren Ausmaß ausgebaut werden, sagte der Consentec-Geschäftsführer. Um die Versorgungssicherheit müsse man sich dann keine Sorgen machen – eine solche Vernetzung könne "erstaunlich gut vergleichmäßigen". Bei viel Strom aus Erneuerbaren Energien müssten natürlich auch Speicher dazugebaut werden. Vorerst stünden noch Gasturbinen als Erzeugungsreserve zur Verfügung, "in einer Welt ganz ohne CO2 wäre Power to Gas eine Option".

  • Mehr Rückenwind für erneuerbare Energien ist vonnöten.
    foto: f: patrick pleul

    Mehr Rückenwind für erneuerbare Energien ist vonnöten.

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