Stahlproduktion in Großbritannien auf der Kippe

1. April 2016, 08:00
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Der indische Tata-Konzern will "wertlose" Anlagen loswerden. Premier Cameron schließt eine Verstaatlichung aus

Krisenstimmung in London: Verzweifelt bastelt die konservative Regierung an einem Rettungsplan für die britische Stahlindustrie. Der indische Tata-Konzern hatte am Mittwoch den schnellstmöglichen Verkauf sämtlicher Produktionsstätten mit 15500 Mitarbeitern auf der Insel angekündigt. Allein das Stahlwerk mit Hochofen im walisischen Port Talbot mache einen Tagesverlust von einer Million Pfund, hieß es in Bombay. Premierminister David Cameron beteuerte am Donnerstag, es werde "alles Mögliche" getan werden. Die von Gewerkschaften und Opposition geforderte Radikallösung schloss der Regierungschef aber aus: "Eine Verstaatlichung ist keine Lösung."

Obwohl die entscheidende Aufsichtsratssitzung bei Tata längst angekündigt war, wirkte die Regierung mitten in den österlichen Parlamentsferien von den Ereignissen überrascht. Während bis dahin lediglich nachgeordnete Politiker zur Lage Stellung nahmen, brach Cameron am Mittwoch seinen Urlaub auf Lanzarote ab und kehrte ebenso nach London zurück wie Wirtschaftsminister Sajid Javid. Der Ex-'Bankier war, anders als hohe Gewerkschaftsfunktionäre, nicht zur Lobbyarbeit nach Bombay, sondern lieber zu einer Industrietagung nach Australien gereist.

Lange Leidensgeschichte

Wie die Produktionsstätten in Kontinental-Europa hat auch British Steel eine lange Leidensgeschichte mit immer neuem Personalabbau hinter sich. Zweimal seit Ende des Zweiten Weltkriegs verstaatlicht, wurde die Firma 1999 mit der holländischen Koninklijke Hoogovens zu Corus fusioniert. Der Tata-Konzern, der weltweit beinahe 300.000 Mitarbeiter beschäftigt, kaufte Corus 2007 für 7,8 Milliarden Euro. Den heutigen Buchwert beziffert das Unternehmens mit "beinahe Null". Man habe einen Verlust von etwa 2,5 Milliarden Euro abgeschrieben, teilte Tata-Finanzvorstand Koushik Chatterjee mit: "Es geht nicht um eine Rechnungsübung, wir müssen unser Risiko reduzieren."

Die britischen Stahlwerke leiden wie die Konkurrenz auf dem Kontinent an einem massiven Überangebot auf dem Weltmarkt. Weil die eigene Wirtschaft schwächelt, haben chinesische Unternehmen den Export von vergleichsweise billigem Stahl stark forciert. Industrie-Analysten schätzen die Arbeitskosten pro Tonne Stahl in Großbritannien auf etwa 200 Dollar, während in China zu Lohnkosten von bis zu 10 Dollar produziert werden kann. Zudem sind viele britische Fabriken, darunter auch Port Talbot, veraltet und deshalb weniger produktiv als Produktionsstätten in Holland oder Deutschland.

Schlimme Folgen

Für die betroffenen Kommunen wie Rotherham und Corby, die ohnehin in strukturschwachen Gebieten liegen, hätte eine Schliessung der Stahlindustrie verheerende Folgen. Neben den 15.500 direkt bei Tata angestellten Menschen hängen weitere 25.000 Arbeitsplätze in der Zulieferindustrie von den Fabriken ab. Gewerkschaftsführer wie Len McCluskey von Unite befürchten zudem katastrophale Folgen für die gesamte Verarbeitende Industrie, deren Förderung sich die Regierung eigentlich aufs Panier geschrieben hat. "Ein Kollaps wäre furchtbar kurzsichtig."

Labour-Oppositionsführer Jeremy Corbyn unterbrach seinen eigenen Osterurlaub und posierte in Port Talbot öffentlichkeitswirksam mit dem Slogan "Save our Steel" (Rettet unseren Stahl). Der Linksaussen und sein finanzpolitischer Sprecher John McDonnell reden einer Nationalisierung das Wort; hingegen widerstand die Labour-Regierung 2009 den Forderungen nach Staatshilfe für schlingernde Unternehmen. Damals wollte Tata Motors, Besitzer der traditionsreichen Auto-Marken Jaguar und Land Rover, Kreditgarantien von umgerechnet einer Milliarde Euro in Anspruch nehmen. Stattdessen gelang die Finanzierung auf dem freien Markt, mittlerweile floriert die Autofirma. (Sebastian Borger aus London, 1.4.2016)

  • Hilferuf aus der  britischen Stahlindustrie: Der indische Tata-Konzern will sich wegen mangelnder Rentabilität schnellstmöglich von der Insel zurückziehen. Mehr als 15.500 Mitarbeiter sind betroffen
    foto: ap / andrew matthews

    Hilferuf aus der britischen Stahlindustrie: Der indische Tata-Konzern will sich wegen mangelnder Rentabilität schnellstmöglich von der Insel zurückziehen. Mehr als 15.500 Mitarbeiter sind betroffen

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