Kriegsreporter: "Ich brauche keine Helden"

31. März 2016, 18:13
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ORF-TV-Chefredakteur Dittlbacher: "Wir zeigen keine Enthauptungen durch den IS" – "Thank You for Bombing"-Regisseurin: "Viel Leid"

Wien – Alkohol und Drogen gehörten genauso zur Ausrüstung vieler Kriegsberichterstatter wie die Kamera, mit der sie das Leid einfangen: "Ich habe Leute begleitet, die ohne Valium nicht durch den Tag kommen", sagt Barbara Eder, die im Kino mit "Thank You for Bombing" die fiktionale Geschichte dreier Kriegsreporter erzählt.

Für den ursprünglich als Dokumentation konzipierten Film hat Eder ein Jahr lang an verschiedenen Krisenschauplätzen recherchiert. "Ich wollte wissen, was das mit den Menschen macht." Es sei letztendlich aber zu schwierig gewesen, Drehgenehmigungen zu bekommen und Reporter vor die Kamera zu bringen, erzählte die Regisseurin am Mittwoch bei einer Diskussion im Wiener Votivkino, zu der Filmladen und fjum eingeladen hatten. Schnell ad acta gelegt habe sie "romantische Bilder" von Korrespondentenjobs: "Da ist sehr viel Leid im Spiel."

"Deformation des Journalismus"

Martin Staudinger hat für das Nachrichtenmagazin "Profil" viele Kriegsgebiete besucht. Eders Film habe bei ihm "beklemmende Déjà-vus ausgelöst, was Leute bereit sind zu riskieren". Reporter würden Grenzen überschreiten, um an gute Geschichten zu kommen: "Das ist eine Deformation des Journalismus." Nach Einsätzen blieben bei ihm nicht Bilder von abgerissenen Körperteilen im Gedächtnis, sondern emotionale Momente – wie etwa die Angst von Kindern miterleben zu müssen. "Zum Glück war ich nie in einer Situation, die mich traumatisiert hat", sagt Staudinger. Für viele sei der Job des Kriegsreporters ein Motor für die Karriere und mit viel Prestige verbunden – vor allem im angelsächsischen Raum. "Journalismus ist auch ein Stück Voyeurismus."

Meistens schaffen es Journalisten, sich zu distanzieren, sagt ORF-TV-Chefredakteur Fritz Dittlbacher, der im Film eine Nebenrolle spielt. Auch wenn Kollegen hinwollen, nach Syrien würde er derzeit keinen ORF-Reporter schicken: "Ich brauche keine Helden. Und wir nehmen lieber das Material von CNN." Um die psychischen Belastungen von Korrespondenten zu minimieren, bietet der ORF seinen Mitarbeitern nach schwierigen Einsätzen Unterstützung an. Nach dem Tsunami in Thailand sei das Therapieangebot beispielsweise in Anspruch genommen worden.

Dittlbacher selbst hatte nach der Seilbahnkatastrophe in Kaprun mit 155 Toten hart zu kämpfen, erzählt er. Eine Bekannte, die er am ersten Tag des Unglücks im Krisenzentrum traf, berichtete, dass sie ihren Sohn verloren habe. "Es sind halt nicht nur Namen, sondern auch Menschen." Und: "In Kaprun tue ich mir mit der Distanz schwerer als etwa in Kabul."

"Wir sind nicht CNN"

Der ORF habe zwar die Pflicht, über Kriege zu berichten, das sei aber nicht der Geschäftszweig des Senders, denn: "Wir sind nicht CNN." Intensiviert habe sich in den letzten Jahren die Geschwindigkeit der Kriegsberichterstattung: "Es herrscht jetzt mehr das Breaking-News-Prinzip im ORF." Dennoch gebe es eine Schranke, die sich der Sender auferlege: "Wir gehen erst dann auf Sendung, wenn wir was wissen." Auch wenn es manchmal Kritik der Zuseher gebe, warum der ORF nicht schneller berichte: "Unser Job ist es, Infos zu geben, und nicht Panik zu verbreiten."

Als Beispiel nennt Dittlbacher die Berichterstattung nach den Terroranschlägen in Brüssel mit zehn Sondersendungen: "Das hätte es vor fünfzehn oder zwanzig Jahren nicht gegeben." Wie explizit der ORF berichte, hänge von den Gegebenheiten ab, nur: "Wir zeigen sicher keine Enthauptungen durch den IS", sagt Dittlbacher: "Wir möchten nicht zu deren Propagandainstrument werden."

Dass bei Kriegsberichten sehr oft manipuliert wird, kann Regisseurin Eder nicht bestätigen. Mit der Einschränkung, dass es manchmal vorkomme: "Das passiert schon bei der Bildauswahl." Wo etwa ein Korrespondent stehe, sei schon Teil einer Inszenierung: "Es ist eine bewusste Entscheidung, jemanden vor einer Ruine aufzustellen." Sie habe auch erlebt, dass ein Reporter jemandem die Anweisung gab, noch einmal mit dem Panzer durchzufahren. Ethische Fragen kämen nicht selten erst nach dem Dreh: "Am Abend fragt man sich, was man eigentlich gefilmt und gesehen hat." (Oliver Mark, 31.3.2016)

Filmkritik
"Thank You For Bombing": Der schmale Grat des Grauens

Wissen

Seit 1990 sind einem Bericht zufolge weltweit 2.297 Journalisten getötet worden. Journalisten leben nicht nur in Krisenregionen gefährlich. So starben beim Anschlag auf die Satire-Zeitung "Charlie Hebdo" in Paris im Jänner vor einem Jahr acht Journalisten. Nach dem Irak mit 309 Toten starben den Angaben zufolge seit 1990 die meisten Journalisten auf den Philippinen (146), in Mexiko (120), Pakistan (115), in der Russischen Föderation (109), Algerien (106), Indien (95), Somalia (75), Syrien (67) und Brasilien (62). (APA)

  • Regisseurin Barbara Eder porträtiert in "Thank You for Bombing" drei Kriegsberichterstatter und ihren Kampf mit der psychischen Belastung des Jobs. Lana (Manon Kahle, Foto) reportiert aus Afghanistan.
    foto: filmladen / lotus film

    Regisseurin Barbara Eder porträtiert in "Thank You for Bombing" drei Kriegsberichterstatter und ihren Kampf mit der psychischen Belastung des Jobs. Lana (Manon Kahle, Foto) reportiert aus Afghanistan.

  • Erwin Steinhauer erinnert an ORF-Reporter Fritz Orter, der jahrelang aus Kriegsgebieten berichtete.
    foto: filmladen / lotus film

    Erwin Steinhauer erinnert an ORF-Reporter Fritz Orter, der jahrelang aus Kriegsgebieten berichtete.

  • Der dritte im Bunde ist Raphael van Bargen, der als Cal aus Afghanistan berichtet.
    foto: filmladen / lotus film

    Der dritte im Bunde ist Raphael van Bargen, der als Cal aus Afghanistan berichtet.

  • "Thank You for Bombing"-Regisseurin Barbara Eder.
    foto: standard / newald

    "Thank You for Bombing"-Regisseurin Barbara Eder.

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