Freispruch für Šešelj: Gift für die Balkan-Beziehungen

Kommentar31. März 2016, 15:42
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Die Kriegswunden sind noch offen und bilden mit dem wirtschaftlichen Stillstand eine gefährliche Mischung

Vojislav Šešelj ist ein Symbol der großserbischen Ideologie. Nach dem Zerfall Jugoslawiens lautete deren Motto: Alle Serben in einem Staat. Das bedeutete, jene Territorien in Kroatien und in Bosnien und Herzegowina, auf denen mehrheitlich Serben lebten, hätten Serbien angegliedert werden sollen. Auch mit Waffengewalt. Die Folge waren fürchterliche Verbrechen auf allen Seiten.

Vor Kriegsausbruch 1991 ersetzte in allen Teilrepubliken Jugoslawiens der Nationalismus die kommunistische Ideologie. Der eine Nationalismus nährte sich vom anderen. Die chauvinistische, antiserbische Stimmung in Kroatien kam der großserbischen Ideologie sehr gelegen. Vojislav Šešelj schlug auf die Kriegstrommeln, schickte Freischärler in den Kampf und befürwortete ethnische Säuberungen. Während des gesamten Haager Gerichtsverfahrens zeigte er kein bisschen Reue.

Šešeljs Freispruch sorgt in Kroatien und Bosnien für Empörung. Und Šešelj selbst wird sicher für noch mehr Empörung sorgen. Der hochintelligente Politiker genießt es zu provozieren und in Wunden zu bohren. Šešelj wird sein großserbisches Gift in die ohnehin maroden regionalen Beziehungen spritzen. Nach wie vor gilt: Der eine Nationalismus nährt sich vom anderen. Die Kriegswunden sind noch offen, Geschichtsaufarbeitung gab es keine. Die regionale Arbeitslosigkeit ist gewaltig, Perspektivlosigkeit bedrückt die Jugendlichen. Es ist eine brandgefährliche Mischung. (Andrej Ivanji aus Belgrad, 31.3.2016)

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