Des letzten Kaisers letztes Auto

3. April 2016, 08:53
23 Postings

Vor 100 Jahren starb Kaiser Franz Joseph I., Karl I. folgte ihm nach. Anlass für uns, die spannende Geschichte des letzten Kaiserwagens nachzuzeichnen

Österreich "feiert" den 100. Todestag von Kaiser Franz Joseph. Feiern ist sicher das falsche Wort für ein Totengedenken, aber es gilt Rückblick zu halten auf Jahrhunderte großer Geschichte Österreichs, auch auf das Ende der Habsburgermonarchie, und da spielte der letzte Kaiserwagen eine kleine, allerdings bemerkenswerte Rolle.

Rückblende 14. August 1914. Österreich befindet sich seit knapp drei Wochen im Krieg, da übernimmt das k. k. Oberststallmeisteramt einen Gräf & Stift, Typ 40/45, als Leibwagen für den Kaiser. Leibwagen bedeutet, nur der Kaiser persönlich entscheidet über seine Verwendung. Der offene Phaeton verfügt über einen 4-Zylinder-Benzinmotor mit 7,36 l Hubraum und 45 PS, 4-Gang-Getriebe mit einem Retourgang, Kulissenschaltung – aus heutiger Sicht sind die fünf Pedale das Kuriosum: Gas, Kupplung, zwei Bremspedale (der Wagen hatte keine Vorderbremse) für die Hinterachse und über die Handbremse zur Getriebesperrung bei Talfahrten. Witzig das fünfte Pedal, "Kracherl" genannt, es diente zur Öffnung des Auspuffs zwecks Leistungssteigerung.

Des Kaisers Leibwagen

Franz Joseph verfügte zu der Zeit bereits über zwei Leibwagen, einen Austro Daimler und zusätzlich das Gräf-&-Stift-Modell 28/32 mit 32 PS. Dem alten Kaiser wurde eine Portion Misstrauen gegenüber Mobilen nachgesagt, da sein Glück angeblich auf dem Rücken von Pferden zu Hause war. Man sagt (wie vieles aus der guten alten Zeit ein Märchen), er habe sich immer alle Details seiner Autos erklären lassen. Auffallend bei allen persönlichen Fahrzeugen des Kaisers war eine Krone in echtem Silber auf dem Kühleraufsatz, ein Geschenk der österreichischen Juweliere.

Den neuen Wagen gab der Kaiser persönlich an Kronprinz Erzherzog Karl, den späteren Kaiser, als Dienstwagen weiter. Mit dem Tod des Monarchen wurde er zum offiziellen Leibwagen des neuen Kaisers. Viele Fotos zeigen Kaiser Karl bei Frontbesuchen mit dem auf "Militär" aufgerüsteten Gräf & Stift, nur bei Besuchen im Bereich der böhmischen Krone stieg er auf einen Laurent & Klement um, heute Skoda, die dortige Bevölkerung sollte nicht gekränkt werden.

November 1918, Verzichterklärung Kaiser Karls. Samt Familie und Auto zog er sich nach Schloss Eckartsau im Marchfeld zurück. Als der endgültige Abschied Richtung Exil in der Schweiz erfolgte, rollte der Gräf & Stift wie ein treuer Diener Richtung Nyon am Genfer See mit. Dann ließ ihn aber sein Herr am Flugplatz Genf stehen, als er am 20. Oktober 1921 zum sinnlosen Restaurationsversuch nach Ungarn aufbrach.

Christie's Auktion

Der Schweizer Wachtmeister Fritz Huwyler, Personenschützer Karls, erwarb das Fahrzeug, um es über zehn Jahre zur vollsten Zufriedenheit persönlich zu benützen. Dann verschwand es in einer Garage, bis es als Scheunenfund wiederentdeckt, teilweise restauriert und 1974 von Christie's auktioniert wurde. Um 210.000 Schweizer Franken ersteigerten ÖAF, Gräf & Stift und MAN dieses Unikat, um die Heimkehr nach Österreich zu ermöglichen. Zurück auf heimischem Boden flossen weitere 1,6 Mio. Schilling in die Restaurierung. Experten behaupten, mit dem nun fahrbereiten Kaiserwagen wären bis 80 km/h Spitze möglich.

Ein weiterer Gräf & Stift schrieb Weltgeschichte, er steht heute im Heeresgeschichtlichen Museum: der Todeswagen Erzherzog Franz Ferdinands. Graf Harrach hatte für den Besuch in Sarajevo am 28. Juni 1914 seinen 28/32 dem Thronfolger zur Verfügung gestellt, am Tag vorher wurde beim Manöver noch ein Austro-Fiat eingesetzt. Nach dem Tod des Thronfolgerpaares bat Graf Harrach den Kaiser, über das Auto zu verfügen, dieser gab es ans Museum weiter.

Kaiserdämmerung

Die Jahre 17/18 bedeuteten das Ende aller Kaiserreiche in Europa. Österreich und Deutschland verwandelten sich in den Novembertagen 1918 in Republiken. Wilhelm II. ging nach Holland ins Exil, in Berlin verblieb der große Fuhrpark des Königlichen Marstalls. Keine Überraschung: Des Kaisers Lieblingsmarke war Mercedes. Geschlossen, offen, sportlich oder feierlich, für jede Gelegenheit stand ein entsprechender Wagen in der Garage. Die große Schar der Chauffeure, fast in Regimentsstärke antretend, alle dem Zug der Zeit folgend perfekt uniformiert, waren über Nacht ihre gut bezahlten Posten los.

Schon ein Jahr vorher war die Herrlichkeit der Romanows in Russland zu Ende. Zar Nikolaus II. setzte hinsichtlich Motorisierung auf den Rolls-Royce Silver Ghost. Auf der Krim stationiert, verschwanden zwei dieser Fahrzeuge in den Wirren der Revolution aus dem dortigen Liwadija-Palast. Eine dritte Order wurde durch den Kriegsausbruch in England überrascht, zwar bestellt, aber nie ausgeliefert. Ein angeblicher Silver-Ghost-Zarenwagen geistert durch die deutsche Oldtimerszene, für 5,5 Millionen Euro ausgepreist. Leider aber ein Fake. (Peter Urbanek, 3.4.2016)

  • Der letzte Kaiserwagen, ein Gräf & Stift 40/45, ist heute in der Kaiserlichen Wagenburg in Schönbrunn zu besichtigen.
    foto: verein der förderung der historischen fahrzeuge der österreichischen automobilfabriken

    Der letzte Kaiserwagen, ein Gräf & Stift 40/45, ist heute in der Kaiserlichen Wagenburg in Schönbrunn zu besichtigen.

  • Eine historische Aufnahme zeigt Kaiser Karl darin 1917 beim Frontbesuch.
    foto: verein der förderung der historischen fahrzeuge der österreichischen automobilfabriken

    Eine historische Aufnahme zeigt Kaiser Karl darin 1917 beim Frontbesuch.

  • Franz Joseph besteigt 1911 einen  Gräf & Stift Neg A 250, dem greisen Kaiser waren Automobile also durchaus ein Begriff, ...
    foto: verein der förderung der historischen fahrzeuge der österreichischen automobilfabriken

    Franz Joseph besteigt 1911 einen Gräf & Stift Neg A 250, dem greisen Kaiser waren Automobile also durchaus ein Begriff, ...

  • .... ebenso wie dem Pferdefreund Kaiser Wilhelm II. (hier mit dem rumänischen Thronfolger in einem Mercedes-Knight 16/45) und Zar Nikolaus II.
    foto: verein der förderung der historischen fahrzeuge der österreichischen automobilfabriken

    .... ebenso wie dem Pferdefreund Kaiser Wilhelm II. (hier mit dem rumänischen Thronfolger in einem Mercedes-Knight 16/45) und Zar Nikolaus II.

Share if you care.