"Seeding": Wenn Neugeborene mit Keimen eingerieben werden

    6. April 2016, 08:00
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    Kaiserschnitt-Babys kommen nicht mit – möglicherweise für das Immunsystem wichtigen – Keimen der Mutter in Kontakt. Experten fehlen noch die Studien dazu

    "Vaginal Seeding" klingt nicht sehr appetitlich: Dabei werden Neugeborene, die mittels Kaiserschnitt zur Welt gekommen sind, gleich nach der Geburt mit einem Tuch, das vor dem Eingriff eine Stunde lang in der Scheide der Mutter platziert wurde, abgerieben. Auch Mund und Augen werden dabei nicht ausgespart. Immer öfter interessieren sich werdende Eltern mit geplanten Kaiserschnitten für diese Methode – und führen das "Seeding" gleich selbst nach der Geburt durch.

    Der Hintergrund: Das Mikrobiom, also alle den Menschen besiedelnden Mikroorganismen, unterscheidet sich zwischen Babys, die mittels Vaginal- und Kaiserschnittgeburt zur Welt gekommen sind. Welche Folgen das hat, ist nicht ganz klar. Der Unterschied wird laut Berndt Urlesberger von der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde der Meduni Graz aber immer wieder in Verbindung gebracht mit Asthma, Diabetes Typ 1, Übergewicht und Allergien, die bei Kaiserschnitt-Babys im späteren Leben häufiger auftreten sollen.

    Dazu gibt es laut Peter Husslein, Vorstand der Universitätsklinik für Frauenheilkunde am AKH Wien, aber sehr unterschiedliche Auffassungen. Zwar gibt es Studien, die einen solchen Zusammenhang nahelegen. "Diese letztlich doch sehr geringe Erhöhung des Risikos für Diabetes, Asthma und Übergewicht kann aber kein Gradmesser für die sehr wichtige Entscheidung sein, ob vaginal oder per Kaiserschnitt entbunden wird", betont er.

    Studien fehlen

    Mittels "Seeding" wollen Eltern ihr Kind nachträglich mit den Keimen in Kontakt bringen, mit denen es bei einer Vaginalgeburt unweigerlich in Berührung gekommen wäre und so das Immunsystem des Babys stärken. Eine "naive" Herangehensweise für Husslein, "mit der eine vaginale Geburt simuliert werden soll". Vernünftige Neonatologen würden das ablehnen.

    Wissenschaftliche Belege für die Sinnhaftigkeit sind bis dato in der Tat noch dünn gesät: Im Februar wurde im Journal "Nature Medicine" eine Pilotstudie dazu veröffentlicht, in der zumindest gezeigt wurde, dass sich durch das "Seeding" unmittelbar nach der Geburt vaginale Bakterien bei Sectio-Kindern 30 Tage nachweisen lassen – nicht im selben Ausmaß, wie bei Kindern, die durch natürliche Geburt zur Welt gekommen waren, aber in größerer Zahl als bei den übrigen Kaiserschnitt-Kindern.

    "Wir reden hier aber von einer Beobachtungsstudie mit sehr kleiner Patientenzahl", betont Urlesberger. Denn von 18 Neugeborenen wurden in der Studie nur vier mittels "Seeding" behandelt. "Und die klinische Wertigkeit davon ist nicht ganz klar", sagt Urlesberger. "Es ist nämlich vollkommen ungeklärt, ob man damit auch etwas Positives im Leben der Kinder erreicht." Besonders, wie Husslein betont, weil man ja erst in einigen Jahrzehnten wissen könne, ob dieses Vorgehen beispielsweise überhaupt irgendeinen Einfluss auf die Entwicklung von Asthma hat.

    Experten warnen

    Außerdem ist es unter Umständen auch gar nicht so wünschenswert, die Kinder mit den Keimen der Mutter in Kontakt zu bringen: Im British Medical Journal warnten Experten vor kurzem davon, die Neugeborenen durch das "Seeding" der Gefahr einer B-Streptokokken-Infektion auszusetzen, die unter Umständen tödlich verlaufen kann. Auch die Übertragung von Chlamydien, Gonorrhoe und Herpes Simplex ist so theoretisch möglich.

    Auch Urlesberger warnt vor der Übertragung von "problematischen Keimen", will "den Teufel aber nicht an die Wand malen". Eine realistische Gefahr sieht er aber beispielsweise in der Übertragung von multiresistenten Keimen.

    Zwar habe die Idee hinter dem "Seeding" einen "wahren Kern", so Urlesberger: "In der jetzigen Situation kann ich es aber nicht empfehlen." Husslein stört an der Diskussion vor allem auch eine "falsche Natürlichkeitsvorstellung", die von manchen auf diesem Gebiet propagiert wird: "Dem kann ich nichts abgewinnen. Denn natürlich ist heute nichts mehr." (Franziska Zoidl, 6.4.2016)

    • Bild nicht mehr verfügbar

      "Seeding": Vor dem Kaiserschnitt tragen werdende Mütter für etwa eine Stunde ein Gaze-Tuch in ihrer Vagina. Nach der Geburt wird das Kind damit eingerieben.

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