Religiosität nimmt ab – ihr Einfluss auf das Wahlverhalten bleibt

Blog1. April 2016, 11:44
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Es gibt weniger gläubige Katholiken, aber sie wählen noch immer die ÖVP

Wenn wir uns Analysen von Wahlen in den Medien ansehen (etwa hier), dann wird die Wahlentscheidung für gewöhnlich nach einer Reihe von Merkmalen ausgewertet: Alter, Geschlecht, Bildung, Beruf oder Migrationshintergrund. Oft wird in Wahltagsbefragungen noch die Bedeutung von Spitzenkandidaten oder die Bewertung einzelner Themen erhoben.

Eine Variable, die praktisch nie vorkommt, obwohl sie große Relevanz für das Wahlverhalten hat, ist Religion beziehungsweise Religiosität. Dabei ist Österreich – vor allem außerhalb der Bundeshauptstadt – ein vergleichsweise religiöses Land (die Tatsache, dass viele Journalisten ihren Lebensmittelpunkt in Wien haben, trägt wohl dazu bei, dass dem selten Rechnung getragen wird).

Die erste Grafik zeigt anhand von Daten des European Social Survey, wie sich die Religiosität zwischen 2002 und 2014 in einigen Ländern Europas verändert hat. Auf einer Skala von 0 (gar nicht religiös) bis 10 (sehr religiös) ordnen sich die Befragten in Österreich 2014 bei rund 4,7 ein. Das mag per se nicht nach viel klingen, ist aber höher als in vielen anderen westeuropäischen Gesellschaften.

grafik: laurenz ennser-jedenastik

Generell nimmt das Ausmaß der Religiosität in den meisten Ländern ab. Auch praktizierte Religiosität (das heißt Gottesdienstbesuch) ist in Österreich im Sinken (eine gute Datenquelle dazu gibt es hier). Nur etwa zehn Prozent aller römisch-katholischen Personen gehen sonntags in die Kirche (laut Auswertung der Zählsonntage – was sicherlich zu einer Überschätzung führen könnte).

Während (praktizierte) Religiosität also langsam, aber stetig zurückgeht, hat sie noch immer einen starken Effekt auf das Wahlverhalten. Dieser Effekt hat auch in jüngerer Vergangenheit nicht abgenommen. Was vielleicht paradox klingt, lässt sich so erklären: Es gibt anteilsmäßig weniger gläubige und praktizierende Katholiken in Österreich, aber die, die es gibt, wählen noch immer mit höherer Wahrscheinlichkeit die ÖVP (dieselbe Logik trifft übrigens für Gewerkschaftsmitgliedschaft und die SPÖ zu).

Die zweite Grafik zeigt die Selbsteinstufung bei Religiosität nach Parteipräferenz (European Social Survey 2014).

grafik: laurenz ennser-jedenastik

Spannend ist auch, dass Religiosität sich nicht ins (in Österreich sonst oft dominante) Links-rechts-Muster einordnet. Grüne und freiheitliche Wähler sind ähnlich religiös. Der Unterschied zwischen Anhängern von Neos und ÖVP ist etwa gleich groß wie jener zwischen den Niederlanden und Polen. (Laurenz Ennser-Jedenastik, 31.3.2016)

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