Literaturnobelpreisträger Imre Kertész gestorben

31. März 2016, 09:29
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Der 86-Jährige starb nach langer Krankheit

Im Jahr 1992 dachte Imre Kertész einmal an einen bestimmten Tag seiner Lebensgeschichte: "Was habe ich am 9. April 1951 getan? Vor einundvierzig Jahren? Ich glaube, ich habe in der Mavag Eisen- und Maschinenfabrik gearbeitet, als ausgebooteter Intellektueller." Anlass für diese Reflexion war eine Stelle in Ludwig Wittgensteins "Über Gewissheit", in der der österreichische Philosoph über seinen Namen nachdenkt: Weiß er, dass er Ludwig Wittgenstein heißt, oder glaubt er es nur? In diesem Zweifel fand Imre Kertész sich am besten zurecht.

Die Notiz zu seiner Zeit als "ausgebooteter Intellektueller" im kommunistischen Ungarn stammt aus den Jahren unmittelbar nach dem Fall des "Eisernen Vorhangs". Für Kertész endete mit dem Untergang des real existierenden Sozialismus ein Lebensabschnitt, dem er auch in seiner späten Periode als international gefeierter Schriftsteller und schließlich als Nobelpreisträger nicht entkam: "Ich bin das unverbesserliche Kind von Diktaturen, meine Besonderheit ist das Gebrandmarktsein."

Von mörderischer Geschichte eingeholt

Gleichwohl enthalten seine Aufzeichnungen "Ich – ein anderer" (1997) noch ein zweites Motiv neben dem Tragen einer Brandmarke. Es ist ebenjene Selbstdistanz, die jedes Autorenleben prägt und die sich bei ihm mit den Erfahrungen der "Subalternität" mischt, die er als ungarischer Jude im 20. Jahrhundert gemacht hat. In seinem bekanntesten Werk, dem "Roman eines Schicksallosen", schildert er, wie er als Heranwachsender von der mörderischen Geschichte eingeholt wird.

oliver eberhardt

Die Familienzusammenkunft, von der er zu Beginn erzählt, dient noch der Verabschiedung des Vaters in den "Arbeitsdienst". Das Geschäft wird in die Hände eines Verwalters gelegt, wenig später wird auch der Sohn zusammen mit anderen Buben im Schulalter schon abgeführt und deportiert. Das erste Ziel ist Auschwitz-Birkenau, wo Kertész sich als 16-jährig ausgibt, zwei Jahre älter. Er bleibt nur drei Tage, dann wird er nach Buchenwald transportiert. Es ist der Juli 1944, bis zur Befreiung ist es noch fast ein Jahr.

Entscheidung zur Rückkehr nach Budapest

Kertész überlebt die Nazi-Lager dank entscheidender Freunde wie des zehn Jahre älteren Bandi Citrom, der ihm half, "ein guter Häftling" zu werden, also einer, der sich nicht aufgab, aber auch dank einiger Unwägbarkeiten, wie sie im bürokratisierten Töten vorkamen. Er hätte die Gelegenheit gehabt, nach Amerika zu emigrieren, schreibt seine Biografin Irene Heidelberger-Leonhard in ihrer Monografie zu Leben und Werk von Imre Kertész, aber er entschied sich dafür, nach Budapest zurückzukehren, wo sich gerade die nächste Diktatur in seinem Leben etablierte.

Das Leben eines Schriftstellers hat Kertész von zwei Seiten kennengelernt: aus der radikalen Außenseiterperspektive eines Mannes, der mit seinem Lebensmenschen Albina Vas in einer 28 Quadratmeter großen Wohnung ein "Gefängnisleben" fortsetzte, "doch nun zu zweit". Auf diese Weise arbeitete er an seinem ersten Roman "Ich, der Henker", einer Tätergeschichte mit messianischen Motiven, die er 1960 aufgab, um "meine eigene Mythologie" zu schreiben: den "Roman eines Schicksallosen", der schließlich erst 1975 zum ersten Mal in Ungarn erscheinen konnte und auf wenig Zustimmung stieß.

Verspätete Rezeption

Erst mit der Anerkennung im Ausland öffnete sich die andere Seite für Kertész: 1990 erschien "Mensch ohne Schicksal" in Deutschland, sechs Jahre später die heute verbindliche Übersetzung von Christina Viragh mit dem veränderten Titel "Roman eines Schicksallosen". Die Rezeption seiner Arbeit ist also vielfach verspätet, er war 60 Jahre alt zu dem Zeitpunkt, als der "Gulaschkommunismus" an sein Ende kam.

Nun wurden in rascher Folge auch seine späteren Werke in zahlreiche Weltsprachen übersetzt: "Fiasko" (über das Leben eines ausgebooteten Schriftstellers unter der Parteidiktatur in Ungarn), "Kaddisch für ein nicht geborenes Kind" (der Monolog eines Schriftstellers über den Menschheitsbruch in Auschwitz), die Erzählungen in "Die englische Flagge".

Leben außerhalb Ungarns

2002 erhielt er den Nobelpreis für Literatur. In diesen Jahren lebte er vielfach außerhalb Ungarns, wo er unter den zunehmenden nationalistischen und antisemitischen Strömungen litt. Eine Parkinson-Erkrankung veranlasste ihn 2012 allerdings zu einer Rückkehr nach Budapest. 2014 wurde ihm der Sankt-Stephans-Orden verliehen, den er von Ministerpräsident Orbán in Empfang nahm, was ihm Kritik eintrug.

collegium hungaricum berlin

Auch auf diese Weise bewahrte Kertész sich zeitlebens eine Freiheit, die aus der paradoxen Einsicht in die Sinnlosigkeit eines Daseins resultierte, das er liebte, dem er aber nicht traute. "Schließlich ist das 'Leben' personengebunden; und auch wenn wir zur Einsicht gelangen, dass unser Dasein ein Irrtum ist, können wir – zumindest was unsere Person betrifft – schwerlich im Tod eine würdige Korrektur dieses Irrtums sehen." Am Donnerstag ist er, wie sein Verlag mitteilte, nach langer Krankheit gestorben. (Bert Rebhandl, 31.3.2016)

  • Imre Kertész bei einer Lesung in Budapest 2010. 2002 hatte er den Nobelpreis erhalten.
    foto: apa / epa / laszlo beliczay

    Imre Kertész bei einer Lesung in Budapest 2010. 2002 hatte er den Nobelpreis erhalten.

  • Auch als Nobelpreisträger nicht entkommen: "Ich bin das (...) Kind von Diktaturen, meine Besonderheit ist das Gebrandmarktsein", notierte Imre Kertész nach dem Fall des Eisernen Vorhangs.
    foto: heribert corn

    Auch als Nobelpreisträger nicht entkommen: "Ich bin das (...) Kind von Diktaturen, meine Besonderheit ist das Gebrandmarktsein", notierte Imre Kertész nach dem Fall des Eisernen Vorhangs.

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