"Kunst – Musik – Tanz": Das Archiv, die Angst und ihre Spiele

30. März 2016, 17:29
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Das Unheimliche zieht feine Fäden durch die fabelhafte Ausstellung im Museum der Moderne Salzburg, die den White Cube zur Bühne für das lebendige Archiv der Tänzerin Friderica Derra de Moroda macht

Salzburg – "Brot und Spiele" wünschte sich das ängstliche Volk, schrieb der Römer Juvenal über seine Zeit. Heute ist das ganz aktuell. Was eine lebendige Gesellschaft neben der Grundversorgung aber wirklich braucht, ist ihr kollektives Gedächtnis: Brot also – und Archive. Denn jedes Archiv schreibt Geschichte. Vor allem auch die eigene. Das gilt für Privatsammlungen genauso wie für öffentliche Museen.

Die oft übersehene "autobiografische" Eigenschaft von Archiven wird in der aktuellen Ausstellung Kunst – Musik – Tanz. Staging the Derra de Moroda Dance Archives im Salzburger Museum der Moderne (MdM) zu einer Stärke. Denn hier bewegt sich das lebendige, universitär genutzte Archiv der Tänzerin Friderica Derra de Moroda (1897-1978) zusammen mit der kuratorischen Dynamik des MdM. Sozusagen im "Duett" werden unterschiedliche Sichtweisen auf Tanz, Kunst und Performance miteinander verwoben.

Das Museum dient als Bühne für das Archiv und bringt es dazu, sich in Stichproben zu präsentieren: mit Bildern, Autografen, Büchern und Objekten. Und das MdM bringt sich selbst ein. Es implementiert zeitgenössische Arbeiten von Choreografierenden wie Eszter Salamon, Jonathan Burrows und Philipp Gehmacher bis zu bildenden Kunstschaffenden wie Sergei Tcherepnin, Kelly Nipper oder Paulina Olowska.

Dieses Zusammenspiel wirkt erst verwirrend, weil Dokumente und Kunstwerke willkürlich aufeinander zu folgen scheinen. Tatsächlich aber entsteht so ein Rhythmus, der die Archivalien aktualisiert und den Kunstwerken dokumenthafte Qualitäten verleiht. Nachvollziehbar wird das bereits am Eingang. Auf eine Diaschau mit historischen Tanzmotiven aus außereuropäischen Zusammenhängen folgt ein Raum mit zwei Bildern von Philipp Gehmacher, die aussehen wie Werke des russischen Konstruktivismus. Es zeigt sich jedoch, dass diese Arbeiten aus PVC-Bahnen bestehen, wie sie als Bühnen-Tanzböden verwendet werden. Titel: Who's afraid? I am afraid.

Darauf wiederum folgt eine Galerie mit der Bezeichnung "Bewegung schreiben". Ein Versuch zu zeigen, wie unerschrocken versucht wurde, den Tanz mit einer Art Notenschrift vor dem Vergessen zu bewahren. Bis zum Beginn des billigen Einsatzes der Videokamera waren Filmaufnahmen von Tanzstücken rar, nun aber ist das Video die neue Notation. Gehmacher ist ein Choreograf, der seit wenigen Jahren auch als bildender Künstler arbeitet. Im Zusammenhang mit den exotischen Tanzfotos und den Notationsdokumenten wird das Angstthema um den "Tanz" zwischen Bild-Abstraktion und abwesendem Körper verständlich.

Dark Room der Geschichte

Das Unheimliche zieht feine Fäden durch Kunst-Musik-Tanz. Mit Eszter Salamons Monument 0.3: Love Letters to Valeska Gert betreten die Besucher buchstäblich einen Dark Room der Geschichte, in dem nur Stimmen zu hören sind, die über diese moderne Tänzerin parlieren. Der Brite Jonathan Burrows hat auf Basis von Archivmaterialien ein kurzes Solo mit dem Titel Der Moderne Tanz geschaffen, das am Eröffnungstag live zu sehen war und als Videoaufzeichnung in der Ausstellung vertreten ist. Darin interpretiert die Tänzerin Claire Godsmark Zeichnungen, die Burrows nach einem Buch von 1920 über den modernen Tanz angefertigt hat: als ironisches Statement zum Verlust einer bestimmten Geschichtsfreiheit, die diese Kunst genoss, solange es kaum Laufbild-Dokumentationen davon gab. Dazu passt das Video Ohne Titel (smoke) der US-Amerikanerin Kelly Nipper, in dem Marissa Ruazol maskiert tanzt und immer wieder in den Nebeln des Vergessens verschwindet.

In zahlreichen Dokumenten taucht auch Friderica Derra de Moroda auf. Nicht nur als Sammlerin, sondern auch als Tänzerin, Werbesujet und Choreografin des nationalsozialistischen KdF-Balletts. Die totalitäre Freude an der Kraft konterkariert eine interaktive Installation von Sergei Tcherepnin. In den Raum montierte Fotosilhouetten von Ballspielern, die zirpen und zwitschern, wenn man daran befestigte Metallstreifen berührt: Die Spiele gehen immer weiter. Ende Juni zeigt das Salzburger Sommerszene-Festival übrigens im MdM Stücke von Jonathan Burrows und Philipp Gehmacher. (Helmut Ploebst, 30.3.2016)

  • Geballte Körperlichkeit trifft in Sergei Tcherepnins "Untitled" (2016) auf künstliches Zwitschern  und Zirpen, das ertönt, wenn man die Metallstreifen seiner Installation berührt.
    foto: museum der moderne salzburg / rainer iglar

    Geballte Körperlichkeit trifft in Sergei Tcherepnins "Untitled" (2016) auf künstliches Zwitschern und Zirpen, das ertönt, wenn man die Metallstreifen seiner Installation berührt.


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