"Amokläufer unter Bauern in den Griff bekommen"

31. März 2016, 05:30
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Die Produktion von Milch schwoll nach dem Fall der Quoten an, die Preise sind im Keller. Österreichs Milchbauern suchen Auswege

Wien – Ewald Grünzweil war noch kein Weg zu weit, um mit seinem Traktor in Wien vorzufahren. Gut acht Stunden ist der Mühlviertler Bauer auf dem Traktor unterwegs, um den Beamten in ihren "vollklimatisierten Büros, die noch nie in ihrem Leben Kühe gemolken und den Schwanz ins Gesicht gekriegt haben", seine Meinung zu sagen.

Heute, Donnerstag, tritt der 50-Jährige die Fahrt gemeinsam mit einem Glockenturm, einigen Plastikkühen und hunderten Mitstreitern an. Sie werden vor dem Haus der EU und dem Sitz großer Raiffeisen-Organisationen tonnenweise Milch fließen lassen, auch Pulver soll in rauen Mengen fliegen.

Genau ein Jahr ist es her, dass in der EU das Ende der Milchquote ausgerufen wurde. Seither ist die Milchproduktion angeschwollen, und die Preise sind im Keller.

Frust und Lethargie

Er habe noch nie so viel Frust und Lethargie erlebt wie jetzt, sagt Grünzweil, der als IG-Milch-Obmann 1600 Bauern vertritt. "Die einen denken nur noch dran, wie sie den Stall des Nachbarn übernehmen können." Andere sperrten lieber heute als morgen zu.

An die 28 Cent gibt es derzeit für den Liter Milch, weniger als 40 für biologische. 50 Cent pro Liter seien notwendig, um konventionelle Betriebe in Österreich am Leben zu erhalten, 60 Cent für Biomilch, rechnet Grünzweil vor.

Kritik in eigenen Reihen

An Kritik an der eigenen Branche spart er nicht und spricht von milchpolitischen Geisterfahrern. Viele Landwirte würden aufgrund niedriger Preise hohe Mengen geradezu in den Markt pressen. Mit der Folge, dass Milch zu zehn Cent ins Ausland verschleudert werde. "Wir müssen die Amokläufer unter den Bauern in den Griff bekommen." Ein Instrument dafür ist aus seiner Sicht die Mengensteuerung durch Molkereien: Es könne nicht sein, dass weiterhin alle Milch abgeholt werde, unabhängig davon, ob sie sich auf dem Markt verwerten lasse oder nicht. "Hier braucht es Durchgriffsrechte." Drosseln lasse sich die Produktion über weniger Kraftfutter. "Praktisch über Nacht sinkt da die Milchmenge der Kühe gleich einmal um ein Zehntel."

Gmundner und Ennstaler Milch haben mit Modellen der Begrenzung bereits Erfahrung – gute, wie in beiden Molkereien betont wird. Bauern, die mehr liefern, als nach Mengenschlüsseln vereinbart, erhalten Abschläge. Zwischen drei und acht Cent etwa bei der Ennstaler Milch, sagt ihr Chef Josef Pitzer. Er macht unter den Bauern hohe Akzeptanz für die Regelung aus. Und die Lieferungen an seine Molkerei seien im Herbst weniger stark gestiegen als jene an andere Verarbeiter. "Die Politik wird sich für keine Mengensteuerung mehr einspannen lassen. Jede Molkerei ist daher selbst gefordert, ein für sie geeignetes Modell zu finden."

Alois Burgstaller sieht in Quoten in welcher Form auch immer mehr Schaden als Nutzen. Im Fall der Milchverarbeiter laufe es in Österreich auf Wettbewerbsnachteile für einen Teil der Bauern hinaus, warnt der landwirtschaftliche Berater. Durch die niedrigen Preise werde die Produktion in der EU ohnehin wieder sinken – das sei bereits aus den Liefermengen im Februar abzulesen.

Produktion verteuern

Für Burgstaller ließe sich die Milchmenge weit besser indirekt über höhere ökologische Auflagen lenken. Alles, was die Intensivierung der Milcherzeugung auf EU-Ebene verteuere, etwa Obergrenzen für Phosphor, Ammoniak oder Stickstoff, sei nicht nur im Sinne der Umwelt und Konsumenten, sondern helfe auch den Bauern.

Österreich wäre damit wettbewerbsfähiger, ist sich auch Franz Sinabell, Agrarökonom des Wifo, sicher. Eine Abschottung vor globalen Märkten bezeichnet er als Riesenfehler. Vielmehr müsse Österreich auf Mehrwert bauen, für den sich höhere Preise erzielen ließen: mehr kleine Bergbauern etwa, keine Gentechnik und Gras statt Kraftfutter für die Kühe.

Dass die aktuellen Milchpreise für die Landwirte nicht kostendeckend sind, daran lässt er keine Zweifel. Mit einem großen Sterben an Betrieben rechnet Sinabell dennoch nicht. Was jedoch auch daran liege, dass viele Bauern angesichts des schwachen Arbeitsmarktes keine Alternative hätten. Grünzweil: "Was sollen wir in der Bucklingen Welt, im Mühl- oder im Waldviertel denn anderes machen, als weiterzuwurschteln?" (Verena Kainrath, 31.3.2016)

  • Auf nach Wien: Die Bauern lassen heute in der Bundeshauptstadt Milch fließen und Pulver fliegen.
    foto: imago/mis

    Auf nach Wien: Die Bauern lassen heute in der Bundeshauptstadt Milch fließen und Pulver fliegen.

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