Känguru: Das Beuteltier als des Jägers Beutetier

31. März 2016, 05:30
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Kängurufleisch ist umweltschonender und gesünder als Fleisch von Masttieren. Die Jagd auf das australische Wappentier ist aber umstritten – vor allem im Ausland

Im australischen Outback kommt der Tod im Toyota. "Mein Pick-up ist perfekt für dieses Terrain", sagt Kangurujäger Mike Fraser (Name geändert, Anm.). Nach einer halben Stunde Fahrt durch stacheliges Gras stoppt der 38-Jährige seinen Allradwagen. Es ist kurz vor Mitternacht in der südostaustralischen Wüste. Fraser steuert den Strahl eines auf der Kabine befestigten Scheinwerfers durch die Nacht. "Da vorne", sagt er, kurbelt das Fenster herunter und bringt das Gewehr in Anschlag. In etwa 100 Meter Entfernung stehen vier große Rote Kängurus und lugen in Richtung Scheinwerfer. Ein Schuss zerreißt die Stille. Ein Tier fällt zu Boden. Für ein paar Sekunden stoppt das Zirpen der Grillen. "Okay, los geht's", murmelt der Schütze und steigt aufs Gaspedal.

Etwa zwei Millionen Kängurus erlegen lizenzierte australische Jäger pro Jahr. Sie arbeiten für einen Zweig der Agrarwirtschaft, die dem Land laut Kangaroo Industry Association umgerechnet 201 Millionen Euro einbringt und über 4000 Menschen beschäftigt.

Fleisch der Armen

Doch in Australien ist das Fleisch oft ein Ladenhüter. Nur jeder zweite Australier hat es – obwohl überall erhältlich – je gegessen. Die Gründe dafür sind vielfältig. "Das ist etwas, was ich nur den Hunden geben würde", sagt der 70-jährige Pensionist Mick McDonald. Känguru galt früher als Fleisch der Armen. Die 21-jährige Tina Matthews dagegen will "nicht unser Wappentier essen". So endet der Großteil des "geernteten" – so der Fachausdruck – Kängurufleisches in Dosen: als Hundefutter.

Im Ausland sinkt hingegen die Hemmschwelle für Kängurusteaks. Im Finanzjahr 2013/2014 exportierte die Industrie Fleisch im Wert von 14,1 Millionen Euro – 36 Prozent mehr als im Jahr davor. Fast die Hälfte wurde in die EU exportiert. Das dunkelrote, leicht nach Wild schmeckende Fleisch "ist sehr mager, eine gute Eiweißquelle, und ist reich an Eisen und Zink", sagt Kerin O'Dea, Ernährungswissenschafterin in Adelaide.

"Ja, ich esse es auch", sagt Mike Fraser, als er den leblosen Körper des etwa 80 Kilogramm schweren Kängurumännchens auf seinen Wagen hebt, "aber lieber verdiene ich damit Geld". Die Ladefläche von Frasers Toyota ist eine fahrende Metzgerei: Stahlschienen, Aluminiumplatten, eine Winde, ein elektrischer Messerschleifer.

Frasers Kugel hat den Schädel des Kängurus zerschmettert – ein schneller Tod. "Alles andere ist illegal", sagt Fraser. Gibt es bei der Zerlegung im Schlachthof Indizien für einen Bauch- oder Brustschuss, wird der Jäger gebüßt und kann die Lizenz verlieren.

Drei Minuten sind seit dem Schuss vergangen. Fraser desinfiziert sich die Hände, dann geht's weiter. Töten im Akkord.

Kängurufleisch ist nach wie vor ein Nischenprodukt, wird in Europa aber für umweltbewusste Verbraucher als Alternative zu Masttierfleisch interessanter. "Kängurus trinken viel weniger Wasser und haben keine harten Hufe, die zur Zerstörung des fragilen Bodens beitragen", sagt Rosie Cooney von der University of New South Wales in Sydney. Anders als Rinder und Schafe produzieren die Beuteltiere bei der Verdauung zudem kaum Methan – ein Treibhausgas, das 20-mal potenter ist als Kohlendioxid.

Mike Fraser hat zwei Feinde, "Fliegen und extreme Tierschützer", erzählt er. Fliegen, da sie in Minuten die Beute verderben können. Doch das habe er im Griff. Keine Kontrolle habe er aber über Tierschützer – vor allem ausländische, "die keine Ahnung haben".

Forderungen europäischer Aktivisten, Känguruprodukte aus dem Handel zu nehmen, sind immer wieder erfolgreich. Der britische Großverteiler Tesco verbannte nach Intervention der Vegetarierorganisation Viva! Kängurufleisch aus dem Sortiment. Die Unternehmen Iceland und Lidl würden "leider darauf beharren", klagt die Gruppe. 2012 meldete der Sportartikelhersteller Adidas, keine Fußballschuhe aus Känguruleder mehr herzustellen.

Nur mit Lizenz zum Töten

Den Jägern wird oft Grausamkeit und Tierquälerei vorgeworfen. Allerdings dürften nur speziell ausgebildete Jäger mit spezieller Lizenz Kängurus schießen – und laut Bidda Jones, Sachverständige beim australischen Tierschutzbund RSPCA, ist ihr Tod in natürlicher Umgebung humaner als Tötungen im Schlachthof.

Ein weiterer Vorwurf: Der Bestand werde gefährdet. Prinzipiell sind Kängurus in Australien geschützt. Nach Zählungen wird jedes Jahr eine Abschussquote festgelegt. Derzeit dürfen etwa 50 bis 60 Millionen Kängurus gejagt werden – fünf von 48 Arten.

Fraser hat in dieser Nacht Glück. Innerhalb einer Stunde "erntet" er zwölf weitere Tiere, bis vier Uhr früh sind es 52. Auf die Frage, was mit den Baby-Kängurus, den "Joeys", passiert, wenn ein Jäger aus Versehen ein trächtiges Weibchen schießt, reagiert er nervös. "Wir müssen es töten, das ist Vorschrift", sagt er, "durch einen Schlag auf den Kopf."

Kängurufleischexporteure wie Macro Meats machen geltend, sie würden nur männliche Tiere akzeptieren. Doch im Dunkel der Nacht ist es aus über 100 Meter Entfernung nicht immer möglich, das Geschlecht eines Kängurus zu bestimmen. Ja, er habe auch schon Kängurubabys töten müssen, sagt Fraser, "und ich hasse es". Ein Joey sich selbst zu überlassen sei aber "viel brutaler. Es würde von Füchsen und Vögeln gefressen – bei lebendigem Leib". (Urs Wälterlin aus Adelaide, 31.3.2016)

  • Kängurus sind in Australien prinzipiell geschützt, doch jedes Jahr werden nach Zählungen Abschussraten festgelegt.
    foto: epa / dave hunt

    Kängurus sind in Australien prinzipiell geschützt, doch jedes Jahr werden nach Zählungen Abschussraten festgelegt.

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