"The Forbidden Room": Geht ein Schnurrbart auf Reisen

31. März 2016, 05:30
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Erfundene Bilder zu Filmen, die als verloren gelten: "The Forbidden Room" von Guy Maddin und Evan Johnson ist ein surrealer Ritt durch die magischen Labyrinthe des frühen Kinos

Wien – Die Filmgeschichte ist ein Friedhof der Verlorenen. Unter den Begrabenen finden sich zahllose Filme, von denen nur noch mysteriös oder abenteuerlich klingende Namen kursieren; und solche, über die verstreut herumliegendes Sekundärmaterial Aufschluss erlaubt. Einer davon ist The Forbidden Room, ein Two-Reeler von 1913/14, den der arbeitswütige US-Regisseur Allan Dwan u. a. mit dem Horrordarsteller Lon Chaney gedreht hat. Ein passender Titel für einen Film, der als verschollen gilt. Verbote sind Einladungen zur Überschreitung.

foto: gartenbaukino
Einen Zusammenhang stiftet in Guy Maddins und Evan Johnsons Experimentalfilm "The Forbidden Room" das Bekenntnis zur Abschweifung.

Einen ähnlichen Gedanken hatte wohl auch der kanadische Experimentalfilmemacher Guy Maddin, als er seinem Film von 2015 den gleichen Titel gab. Gemeinsam mit seinem Koregisseur Evan Johnson hat er vergessene, verschwundene Arbeiten der Film geschichte zum Ausgangspunkt einer Neuerfindung erkoren. Um historische Genauigkeit geht es ihnen dabei freilich nicht, erlaubt ist vielmehr alles, was die Fantasie so ausspuckt. Arg angespannte Szenen in einem U-Boot, dessen Besatzung tief im Ozean mit einer Art explosivem Gelee umhertaucht und Sauerstoff mit Pfannkuchen generiert. Oder die Erinnerungen eines Schnurrbarts, der sich auf die Oberlippe des Sohnes eines Toten heftet, um derart der Witwe Trost zu spenden. Letzteres die frei erfundene Handlung eines Mikio-Naruse-Films mit dem Titel The Strength of a Moustache. Immer neue Volten schlägt "die Handlung", verläuft dabei kaum jemals linear, sondern gibt sich sprunghaft, surreal dem Unerwarteten hin, irgendwo zwischen Jules Verne, Jacques Tourneur, F. W. Murnau und dem von Maddin verehrten Modernisten Raymond Roussel.

Der britische Guardian beschrieb das Ergebnis so: als würde man unter der Einwirkung von LSD durch ein Filmarchiv wandeln. Das Rausch- oder zumindest Traumähnliche teilt diese Arbeit Maddins mit seinen früheren, die kürzer dimensioniert waren. The Forbidden Room ist durch seine Dauer von mehr als zwei Stunden schon nahe an der Überdosis, soll heißen: Die Überforderung ist Programm. Maddin und Johnson geben sich mit keinen Häppchen zufrieden, sondern wollen ein immersives Seherlebnis ermöglichen, in einem mehr an Filmpionier Georges Méliès orientierten Sinne. Sie nehmen die fantastische Qualität des Kinos als seine eigentliche Realität wahr – eine wild Bilder pumpende, an unsere Psyche gekoppelte (und daher auch manchmal humorvoll kindliche) Maschine, wie sie schon in Maddins Kurzfilm The Heart of the World (2000) zur Geltung kam.

film society of lincoln center

Wer nach einem Zusammenhang sucht, findet ihn im Bekenntnis zur Abschweifung. Die Verbindung von einem Waldarbeiter (Roy Dupuis), der der Spur einer verschwundenen Frau folgt, zu einem (von Udo Kier verkörperten) Arzt mit einem Fetisch für Gesäße oder zu jenem seltsamen Reklamemenschen, der dem Zuschauer erklärt, wie man das perfekte Bad nimmt – sie liegt allenfalls in der Oberfläche, jener digital in der Postproduktion hergestellten Ästhetik des frühen Kinos, die The Forbidden Room wie ein Gespenst des analogen Zeitalters wachruft.

Künstlich verwittert

Die Farben der Laufbilder, die auf das eingeschränkte Zwei-Farben-Technicolor-Verfahren verweisen, sind künstlich heruntergestuft, als wäre das Filmmaterial der Verwitterung ausgesetzt gewesen; manche Doppelbelichtungen wirken so, als wären die Mate rialien ineinandergeschmolzen. Auch mit Zwischentiteln und dem weitgehenden Verzicht auf herkömmliche Dialoge schließen Maddin und Evan an den Stummfilm an, dessen stilistische Bandbreite sie in der Montage und szenischen Regie spielerisch betonen und ausagieren.

Die Amnesie, heißt es in diesem visuell betörenden Film einmal, befällt jene Menschen, zu denen die Figuren aus der Ferne zurückkehren. Der Gedanke lässt sich auch auf die Bilder des Films anwenden: Er enthält die Fragmente eines Kinos, an das wir uns nicht mehr erinnern können, weil wir es für verloren hielten. (Dominik Kamalzadeh, 30.3.2016)

Ab 1.4. im Kino

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