Eine Stadt sucht ihren Energiehaushalt

3. April 2016, 12:21
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Innsbrucker Forscher arbeiten an einer Datengrundlage für die Planung von Sanierungsmaßnahmen

Innsbruck – Welche Energieeffizienzmaßnahmen muss eine Stadt setzen, um ihre klimapolitischen Ziele zu erreichen? Um die Planungen von Gebäudesanierungen oder den Einsatz nachhaltiger Energieträger auf robuste Beine zu stellen, ist zuerst eine genaue Abschätzung des Ist-Zustands nötig.

"Wir brauchen eine Baseline, mit der die Einsparungspotenziale von Maßnahmen ermittelt werden können. Auf dieser Basis können wir dann Zukunftsszenarien entwickeln", sagt Wolfgang Streicher vom Arbeitsbereich Energieeffizientes Bauen des Instituts für Konstruktion und Materialwissenschaften der Uni Innsbruck. Er ist mit seinem Team dabei, diese Baseline für Innsbruck zu erarbeiten. "Die tatsächliche Wirkung politischer Maßnahmen wie Förderungen oder verpflichtender Sanierungsstandards kann so besser abgeschätzt werden."

In dem von der Standortagentur Tirol für Innsbruck koordinierten EU-Projekt "Sinfonia" hat sich die Stadt zum Ziel gesetzt, in ausgewählten Projekten den Energiebedarf um 40 bis 50 Prozent zu senken. Wohnraum von bis zu 66.000 Quadratmetern soll etwa saniert werden. Um die Wirksamkeit der Maßnahmen kontrollieren zu können, baut Streicher mit seinen Kollegen eine detaillierte Geodatenbank auf, die Auskunft über den Energieverbrauch der bestehenden Bausubstanz gibt. Aus ihr soll ein Simulationsmodell des Energiehaushalts der Stadt entstehen, das Planung und Monitoring erleichtert.

Die Forscher haben dafür eine Reihe von Quellen zusammengeführt. Als Grundlage dienen die Daten des Adress-, Gebäude- und Wohnungsregisters (AGWR), das etwa zum Teil Daten aus der Mikrozensus-Erhebung der Statistik Austria aus dem Jahr 2001 beinhaltet. Ergänzt und präzisiert wird die Datenbank mit zur Verfügung gestellten Energieausweisen, dem Emissionskataster von Gewerbebetrieben und Gemeindedatenbanken. "Hier verfolgen wir einen Bottom-up-Ansatz. Aus Grundrissen, Alter und anderen Daten werden Hochrechnungen über den Energieverbrauch von Gebäuden erstellt", sagt Streicher.

Die errechneten Werte seien oft zu hoch, weil bereits erfolgte Sanierungen nicht erfasst sind. Zudem lassen die Daten nur auf den Heizenergie-, nicht aber auf den Strom- oder Warmwasserbedarf schließen. Es gilt also nicht nur, die Daten aus diversen Quellen sinnvoll zu verknüpfen, sondern auch eine ganze Reihe von Korrekturfaktoren zu berücksichtigen.

Die Erhebung wurde zuerst für den "Sinfonia"-Bezirk und in einem zweiten Schritt für ganz Innsbruck durchgeführt. Beim Abgleich der Ergebnisse mit Ist-Verbräuchen konnte in Summe eine sehr hohe Übereinstimmung von errechnetem Bedarf und dem tatsächlichen Verbrauch erzielt werden.

"Die Hauptschwierigkeit ist das Harmonisieren der Datenbanken. Dafür ist viel Detailarbeit notwendig", sagt Streicher. Dazu kommen die Erfordernisse des Datenschutzes. Durch die Verknüpfung mit Adressen sind die Daten nicht vollständig anonymisiert. Der Verpflichtung zur Geheimhaltung wurde durch Sicherheitstechnologie Rechnung getragen, bei der Detaildaten auf einem Server nach Datenschutzgesetz unzugänglich "eingekapselt" sind. Nach außen kann nur ein Raster mit der Genauigkeit von 100 mal 100 Metern weitergegeben werden.

Vision eines "Energiebuchs"

Die Forscher sind zudem dabei, gemeinsam mit der Landes- und Stadtverwaltung Prozesse zu entwickeln, um derartige Datenbanken warten und aktualisieren zu können. "Ähnlich wie ein Grundbuch stellen wir uns ein Energiebuch vor, für das die Zugriffsrechte klar festgelegt sind", sagt Streicher. Künftige Ziele sind die Einbindung weiterer Datenbanken sowie die Berücksichtigung der Mobilität. Streicher: "Um den Verkehr mit einfließen zu lassen, müsste man wissen, welche Personen sich welcher Verkehrsmittel bedienen. Zudem muss geklärt werden, ob der Energiebedarf dann etwa am Start- oder am Zielort bilanziert wird." (pum, 30.3.2016)

  • Innsbruck will mit dem EU-Projekt "Sinfonia" zur Smart City werden. Eine Energiedatenbank soll die Maßnahmen evaluierbar machen.
    foto: standortagentur tirol

    Innsbruck will mit dem EU-Projekt "Sinfonia" zur Smart City werden. Eine Energiedatenbank soll die Maßnahmen evaluierbar machen.

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