Flüchtlingsprojekt: Afghanische Laufburschen

Blog31. März 2016, 10:27
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Die Wiener Läuferin Carola Bendl-Tschiedel hat mit Kollegen ein Laufprojekt für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge initiiert. Und es läuft gut

Man könnte pathetisch beginnen. Und wahlweise Talmud oder Koran zitieren. Oder volkstümlich mit einem Omi-Spruch. Aber Carola Bendl-Tschiedel ist berufsbedingt Pragmatikerin. Und bevorzugt ein makroökonomisches Erklärungsmodell: Statt "Wenn einer einen Menschen rettet, so ist es, als ob er eine ganze Welt gerettet hat" (Talmud/Mischna respektive Koran) oder "Hauptsache, die Kinder sind an der frischen Luft" (Oma) sagt sie deshalb: "Es tut mir nicht weh und bringt andere weiter – also hat es einen gesamtgesellschaftlichen Nutzen."

foto: thomas rottenberg

Aber in Wirklichkeit, erklärt die Läuferin, gehe es ohnehin nicht darum, Dinge zu erklären – sondern sie zu tun. "Weil es guttut, Gutes zu tun." Und weil Initiativen wie die der 39-jährigen Wienerin eines aufzeigen: Wer will, der kann. Helfen nämlich.

foto: inger diederich

Die "Rennsteigkönigin"

Carola Bendl-Tschiedel ist hier schon einige Male aufgetaucht. Als Läuferin. In der Szene der Hobbyläuferinnen und -läufer gehört sie zu den Schnellsten in Österreich: Ihre Marathon-Bestzeit liegt bei zwei Stunden 48 und 53 Sekunden. Beim Halbmarathon kratzt sie an der Eins-Zwanziger-Marke, und für 100 Kilometer braucht sie acht Stunden und 48 Minuten. "Aber das bin ich erst einmal gelaufen", sagt sie und vergisst glatt zu erwähnen, dass sie auch einen sehr prestigeträchtigen Titel führt: "Rennsteigkönigin". So nennt man die Siegerin des 72,5 Kilometer langen Ultratrails am Rennsteig im Thüringer Wald. Ihr Trainingspensum: um die 100 Kilometer. Wöchentlich.

Aber ums Selberlaufen der hauptberuflich als "Regulations Analyst" bei der RZB tätigen Sportlerin geht es hier und heute nicht.

foto: andreas ecker

Die afghanischen "Buben"

Sondern um Bendl-Tschiedels "Buben". Eine Gruppe minderjähriger unbegleiteter Flüchtlinge aus Afghanistan, denen die Wienerin Beine macht. Und wie das so ihre Art ist, sich damit nicht in den Vordergrund drängt, sondern eher nebenbei fallen lässt, was andere da wohl zehnmal täglich in ihrer Facebook-Timeline herausposaunen würden: Ich traf Bendl-Tschiedel vor wenigen Wochen eher zufällig. Bei "Laufen hilft": Ich hatte grippebedingt Startverbot und war nur zum Fotografieren gekommen. Bendl-Tschiedel war verletzungsbedingt (ein Ermüdungsbruch im rechten Mittelfuß) "nur" als freiwillige Helferin hier.

Als Streckenposten stand sie frierend auf der Hauptallee – und wären neben ihr nicht sechs oder sieben Startersackerln auf dem Boden gelegen, gäbe es diese Geschichte jetzt nicht: Die seien für ihre "Buben", sagte sie, als ich fragte – und erst als ich nachfragte, wer außer ihrem Mann (der Ultra-Läufer Martin Tschiedel) heute hier dabei sei, kam die Geschichte von den afghanischen Jungs.


foto: andreas ecker

Die "Buben" wohnen nämlich in einem von der Caritas geführten Containerhaus in Breitenfurt, dem Haus Roshan. Etwa 40 junge Männer, fast alle minderjährig-unbegleitet, und zwei Familien leben dort. Die RZB-Gruppe unterstützt das Caritas-Heim mit einem "Corporate Volunteering"-Projekt: "Das Unternehmen hilft der Caritas durch Spenden und Sammlungen. Und Mitarbeiter, die sich in solchen Projekten einbringen, bekommen pro Jahr zwei Tage zur Verfügung gestellt", sagt Bendl-Tschiedel. "De facto ist es aber weit mehr Zeit, die da jeder investiert."

Bei einem Info-Event im Winter wurden Ideen gesammelt. Wie viele andere Kolleginnen und Kollegen bot Bendl-Tschiedel das an, für das ihr Herz schlägt. Und bei dem ihr niemand Kompetenz absprechen kann: "Wäre Laufen nicht etwas?"

foto: andreas ecker

Laufen bringt Erfolgserlebnisse

Blöderweise laborierte sie da gerade frisch an ihrem verletzten Fuß und hatte selbst Laufsperre. Aber ein paar Kollegen griffen die Idee auf und boten sich als Laufguides für die ersten Lauftreffs ab Mitte Jänner an. "Ich habe dafür Dinge getan, die man auch verletzt tun kann und bei denen ich ganz gut bin: Ich habe die ganze Sache organisiert, Ausrüstung geschnorrt und mich in weiterer Folge um Startplätze bei Wettkämpfen gekümmert."

Acht Jugendliche waren anfangs dabei. Und auch wenn davon nicht alle bei der Stange blieben ("Erstens muss nicht jeder Läufer sein. Und zweitens gibt es auch attraktive Konkurrenz: Gegen Fußball kann in dieser Altersgruppe kaum etwas antreten"), waren und sind alle – Bankmitarbeiter wie Profihelfer – mehr als zufrieden, dass sechs der jungen Männer auch heute noch regelmäßig zu den Lauftreffs kommen (und ein paar andere hin und wieder): "Es geht darum, Menschen zu beschäftigen. Ihnen eine Aufgabe zu geben. Etwas, das ihnen Erfolgserlebnisse bringt. Nur so kann Integration funktionieren."

foto: andreas ecker

Aber da ist noch etwas: Laufen hilft, dem eigenen Denken Struktur zu geben. Weil man dabei rasch erkennt, dass man Ziele nicht von jetzt auf sofort erreicht, sondern nur kontinuierliche Arbeit Resultate bringt. Weil man lernt, wenn schon nicht lang- dann zumindest mittelfristig zu planen. Zu fokussieren, zu investieren. Und auch lernt, dass Durchhänger, Rückschläge, Gegenwind oder die "Mühen der Ebene" unabdingbare Teile dieses – jedes – Spieles sind. Und dass es sich auszahlt, weiter als bis zur nächsten Straßenecke zu denken. Und: "Die eigenen Kräfte einzuteilen ist für viele Jugendliche nicht einfach. Egal, wo sie herkommen."

Lebenswirklichkeit eines Flüchtlings

Mitunter, schmunzelt die Lauf-Helferin, treibe sie die juvenile Schusseligkeit ihrer Schützlinge auch ein bisserl in den Wahnsinn: "Als Bankerin bin ich Präzision und Genauigkeit gewohnt. In der Lebenswirklichkeit eines Flüchtlinges spielt das aber nicht immer die allererste Geige. Aber: Auch das ist ein Lernprozess, der zur Integration gehört. Strukturierte Tagesabläufe sind auch gut gegen das Gefühl, nur sinnlos ab- und herumhängen zu können – und weder Chancen, noch Perspektiven, noch Aufgaben zu haben."

foto: andreas ecker

Rein als "Flüchtlingsbespaßung" dürfe aber weder das Lauf-Angebot noch ein anderes Freizeit-Programm gesehen werden, betont die Läuferin: "Benefits" – in ihrem Projekt etwa die Teilnahme an Wettkämpfen – sind an die Teilnahme bei anderen Angeboten gekoppelt: "Die Teilnahme an der Deutschnachhilfe ist Bedingung," sagt Bendl-Tschiedel – und betont im gleichen Atemzug, dass das auch den afghanischen Läufern klar sei. "Die wollen ja lernen. Sich ein Leben aufbauen."

Ganz normale Jungs

Ihr Ziel sei es allerdings nicht, einen zweiten Lemawork Ketema zu finden: Der Äthiopische Profi-Läufer Ketema kam als Flüchtling nach Österreich, ließ sich vom Lageralltag nicht unterkriegen, stieß eher zufällig auf seinen heutigen Trainer und Manager Harald Fritz, gewann dann zweimal den "Wings for Life"-Worldrun" und bekam vor kurzem die österreichische Staatsbürgerschaft und wird – eventuell – für Österreich in Rio starten. Das, weiß Bendl-Tschiedel, ist die absolute Ausnahme. "Das sind ganz normale Jungs. Nur einer hat Leichtathletik-Erfahrung mitgebracht, mit dem möchte ich demnächst auch auf der Bahn trainieren – aber es hier geht es wirklich um etwas ganz anderes."


foto: andreas ecker

Erfolgserlebnis Wettkampf

Wettkämpfe gehören dennoch dazu. Wegen des Erfolgserlebnisses. Wegen des Gefühls, Ziele auch erreichen zu können, wenn man sie realistisch steckt: "Bei 'Laufen hilft' hat jeder sein Ziel erreicht. Beim Vienna City Marathon werden wir mit einer Staffel dabei sein. Und auch beim Lightrun und anderen Events bekommen wir von den Veranstaltern eine Menge Unterstützung. Das zu erleben und zu spüren ist sicher kein Nachteil beim Einfügen in die Gesellschaft."

Natürlich, räumt Bendl-Tschiedel ein, gebe es auch immer wieder Fragen. Etwa die, ob und wie lange man so ein Projekt am Laufen halten kann. Aber die Erfahrung zeige, dass der Anfang vermutlich das Schwierigste war. "Da entwickeln sich Automatismen. Und es läuft nicht nur gut, sondern immer besser."

Trotz des Aufwands und kleinerer Rückschläge denkt niemand im Team daran aufzuhören: "Natürlich ist es ein bisserl eine Bürde. Aber wir spüren, dass es Sinn macht und dass Helfen keine Einbahnstraße ist. Und: Ja, es macht auch stolz." (Thomas Rottenberg, 31.3.2016)

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