"Tartuffe": Barockes Durchdrehen wegen eines Schmarotzers

30. März 2016, 15:01
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Jahrmarktskracher in der Regie des scheidenden Schauspielchefs Gerhard Willert

Linz – Auf den ersten Blick sieht ein jeder vernünftige Mensch, dass der Kostgänger Tartuffe (Vasilij Sotke) in Gerhard Willerts Inszenierung ein bigotter Heuchler und Rundumschmarotzer ist. Der stets kalkuliert devote Freund ist nämlich unbescheiden genug, daheim im Papstoutfit herumzulaufen: purpurrote Kurzsoutane, Seidenhosen, Scheitelkäppchen, und geht schon! Man gönnt sich ja sonst nichts. Selbstgeißelung lautet sein Gebot. Was der Mann aber in Wahrheit hinter seiner Zimmertür verrichtet, möchte man lieber nicht wissen.

Alle Welt sieht und erkennt, nur der Gastgeber selbst, Monsieur Orgon (Thomas Bammer mit Lockenpracht), lässt sich für dumm verkaufen. Er muss Tomaten auf den Augen haben! Sie würden ganz gut zur knallbunten Inszenierung passen: Regisseur Willert hat sich für einen Jahrmarktsaufzug seines Schauspielensembles entschieden. Barock-Trash und Vaudeville-Schweiß prägen die Szenerie: Mit weiß gepuderten Gesichtern und in historischen, knallfarbigen Rüschenkostümen (Alexandra Pitz, auch Bühne) umtänzelt die Familie zwei Stunden und zwanzig Minuten lang den zentralen Esstisch. Über das vor einer Schwingtürwand mittig aufgestellte Möbel ist ein schwerer, bodenlanger Tischteppich geworfen, den eine opulente Obstpyramide schmückt. Banane und Co kommen später im In-flagranti-Akt als Sexspielzeuge zum Zug. Orgon muss bekanntlich zur Beweisführung von unter dem Tisch versteckt mit ansehen, wie der hochgeschätzte Freund seiner, des Betrachters Angetrauten hemmungslos an die Wäsche geht.

Dabei hätte sich die schlagfertige Zofe Dorine (Barbara Novotny) den Mund ja fusselig geredet, um den Schleimer Tartuffe auffliegen zu lassen. Die Enden ihres rauschenden Glockenrocks schwingt sie zürnend oft so, als wären es kleine erkennungsdienliche Peitschenhiebe für den doofen Chef. Eine Angestellte muss es wagen, dem Arbeitgeber die Stirn zu bieten, da dessen eigene Kinder zu erbötig wohlerzogen sind: Mariane (Viola Müller) und Damis (Björn Büchner).

In der Budenzauberstimmung wird das Versmaß der Molière'schen Dichtung vorzugsweise über die Streckbank gespannt, Ähnliches geschieht mit der forcierten Mimik, die Herbert Fritschs deftiger Trara-Inszenierung von Der eingebildete Kranke am Burgtheater nachzueifern scheint. Manchmal intensiviert sich die Sprachleier zu einem Rap, was die jeweils Sprechenden performativ untermauern. Soll heißen: Seht her, ich bin nicht nur eine verstaubte Figur aus einem leergespielten alten Klassiker, sondern die von mir vertretenen Anliegen haben auch für euch, das Publikum, noch Gültigkeit!

Wie grob die Inszenierung auch sein mag, das Publikum ist von so viel Kostüm- und Komödienschabernack hingerissen. Die feine Klinge führt Willert in seiner Abschiedsinszenierung damit nicht, es ist eher ein deftiges Trommelfeuer geworden. Passt auch: Nach achtzehn Jahren als Schauspielleiter verlässt er mit Ende der Spielzeit das Landestheater. Auf ihn folgt Stephan Suschke. (Margarete Affenzeller, 30.3.2016)

  • Rüpelhaft: Tartuffe (Vasilij Sotke) zu Elmire (Gunda Schanderer).
    foto: thomas jauk

    Rüpelhaft: Tartuffe (Vasilij Sotke) zu Elmire (Gunda Schanderer).


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