Hilft üble Laune bei der Personalauswahl?

Blog1. April 2016, 12:00
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Schlechtgelaunte denken analytischer, schrieb Verhaltensforscher Gregor Fauma vergangene Woche. Lässt sich daraus eine Empfehlung für Recruiter ableiten?

Der Psychologe Forgas konnte zeigen: Übellaunige Menschen können sich mehr merken als fröhliche Sonnenscheine, sie denken analytischer. Kurzfristige Übellaunigkeit reduziert auch den Halo-Effekt, der das Schließen von einer Eigenschaft – zum Beispiel Kleidung – auf das Gesamtpaket meint. Eventuell lässt sich daraus ja eine Empfehlung für Vorstellungsgespräche ableiten?

Rezept für Entscheider?

Beim Vorstellungsgespräch hat sich der sich Vorstellende entsprechend aufmunitioniert: Er stellt sich und seine Eigenschaften schlüssig ins rechte Licht, der Lebenslauf erzählt eine Erfolgsgeschichte, alles fügt sich schön ineinander, und die Kompetenzen scheinen breit und profund. Gelingt es dem sich Vorstellenden, damit seinen prospektiven Arbeitgeber zu beeindrucken, ja nachgerade einzulullen, dann wird dieser nur wenig Zweifel an dessen Selbstdarstellung empfinden.

Er ist dann bereits in die kognitive Leichtigkeit gekippt und kann nicht mehr entsprechend analytisch denken und entscheiden. Er spricht dann von einem guten Bauchgefühl bei diesem Kandidaten. Wie ein stets gutgelaunter Golden Retriever läuft der Arbeitgeber jedem gedanklich geworfenem Stöckchen hinterher und apportiert es brav. Das gute Gefühlt belohnt ihn dafür. Wäre er hingegen ein übellauniger Dackel, würde er das Spiel hinterfragen, sich nicht locken und verlocken lassen und in der Folge eventuell eine rationale und nicht emotionale Entscheidung treffen.

In der Praxis

Welche Schlüsse lassen sich daraus für Führungskräfte ziehen? Zu platt wäre die Empfehlung, in ihren Unternehmen für schlechte Laune zu sorgen. Das würde die Leistungsfähigkeit in Summe negativ beeinflussen. Das klappte nicht. Denn all die beschriebenen Phänomene tauchen nur unter einer Prämisse auf: Die schlechte Laune muss kurzfristig sein. Bei dauerhafter Übellaunigkeit gehen deren positiven Aspekte verloren. Es würde also schon reichen, die weniger gut gelaunten Kollegen in ihrem Zustand zu belassen und von Missioniertätigkeiten Abstand zu nehmen.

Am besten, die Führungskraft oder der Recruiter setzen beim Vorstellungsgespräch jemanden neben sich, der anders als er oder sie gelaunt ist, zum Beispiel die kategorisch überkritische Assistenz. Sie können sich nach dem Vorstellungsgespräch austauschen und so zu einer vernünftigen Lösung kommen. Übellaunige Assessoren sind die besten Beobachter und Bewerter. Gefeit vor Blendungen legen sie das Faktische offen und machen Schwächen offensichtlich. Damit sind sie wertvolle Diener des Unternehmens. Denn so schützen sie es vor schlechten Entscheidungen. Und für einen selbst?

Kritikfähig bleiben

Nur wer zur Selbstreflexion fähig ist, hat die Möglichkeit, an sich zu arbeiten. Und wer, zum Beispiel im Rahmen eines Vortrags, an sich als Zuhörer feststellt, dass all die Erklärungen und Geschichten vom Vortragenden so einfach und schön zusammenpassend sind, wird an sich die Folgen der kognitiven Leichtigkeit verspüren und alles kritiklos hinnehmen. Hier könnte man an sich zu arbeiten beginnen ... Im Falle dieses Texts bitte ich Sie natürlich, weiterhin der kognitiven Leichtigkeit zu frönen. (Gregor Fauma, 1.4.2016)

Verhaltensbiologe Gregor Fauma ist Speaker, Kommunikationstrainer und lehrt an der Donau-Universität Krems und an der Uni Wien.

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  • Übellaunige Assessoren bei Vorstellungsgesprächen sind die besten Beobachter und Bewerter. Gefeit vor Blendungen legen sie das Faktische offen und machen Schwächen offensichtlich.
    foto: istock

    Übellaunige Assessoren bei Vorstellungsgesprächen sind die besten Beobachter und Bewerter. Gefeit vor Blendungen legen sie das Faktische offen und machen Schwächen offensichtlich.

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