Elisabeth Totzauer: "Die 'Wahlfahrt' ist nicht Armin Wolf auf Rädern"

Interview31. März 2016, 08:00
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Bei der "Wahlfahrt" geht es nicht um "Haha, reingefallen!", sagt die ORF-1-Infochefin. Im ORF wünscht sie sich mehr Tempo und weniger Arbeitskreise

STANDARD: Was wurde aus Plänen, Jay Leno könnte im US-TV "wahlfahren"?

Totzauer: Diesbezüglich ist mir der aktuelle Stand nicht bekannt. Was ich weiß, ist, dass das Schweizer Fernsehen die "Wahlfahrt" übernommen hat. Es hat aber nicht so gut funktioniert. Das ist auch schwierig, denn sie sind nicht mit der ersten Garnitur gefahren, sondern mit wenig bekannten Abgeordneten. Auch die Moderatorin konnte mit der Situation, gleichzeitig zu fahren und Fragen zu stellen, ganz schwer umgehen. Mir hat das gezeigt, dass schon in der Entwicklung eines Formats die Frage des Anchors entscheidend ist. "Wahlfahrt" ist Hanno Settele auf den Leib geschneidert.

STANDARD: Haben alle Kandidaten zugesagt?

Totzauer: Sofort. Ohne Bedingungen. Wir haben ja vollkommen klare Spielregeln, und die Kandidaten wissen inzwischen, dass es nicht Sinn und Zweck ist, jemanden schlechtzumachen.

STANDARD: Warum eigentlich nicht?

Totzauer: Gerade die jüngere Zielgruppe möchte sich selbst ein Bild machen. Natürlich stellt man kritische Fragen, aber es geht nicht um den Moment "Haha, reingefallen, jetzt habe ich mir einen Journalistenpunkt geholt!". Das würde die Offenheit der Kandidaten bremsen und das Format zerstören. Die "Wahlfahrt" ist aus diesem Blickwinkel nicht Armin Wolf auf Rädern.

STANDARD: Die politische Situation ist seit der ersten "Wahlfahrt" um einiges ernster geworden. Darf man in Zeiten wie diesen Politiker zum Unterhaltungselement machen?

Totzauer: Die Unterhaltung ist ja kein Selbstzweck. Der Sinn dieser spielerischen Zugänge zielt immer auf Inhalt ab. Selbstverständlich muss man die Themen Flüchtlinge, Asyl, Europa besprechen. Das ist auch drinnen, wir haben nur einen anderen Weg gefunden, den Menschen, der zur Wahl steht, mit seinen Vorstellungen zu erfassen.

STANDARD: Was ändert der prominenter Sendeplatz?

Totzauer: Mit dem Sendeplatz um 20.15 Uhr bekommt die "Wahlfahrt" noch einmal mehr Relevanz. Ich kann um 23 Uhr ganz anders mit spielerischen Elementen umgehen als im Hauptabend. Wir wollen nicht in eine verulkende, rein lustige Situation kommen. Das ist das Interessante an der Sendung, dass in dieser Spannung zwischen spielerischem Zugang und ernsten Themen aussagekräftiger Inhalt produziert wird.

STANDARD: Im ORF kümmern Sie sich um Nachrichten für junge Zuschauer auf ORF 1. Ist das nicht ein untergehendes Gewerbe?

Totzauer: Wir sehen seit den letzten drei Jahren, dass wir in unseren Informationsformaten auf ORF 1 Marktanteil zulegen und mit dem Altersschnitt sukzessive hinuntergehen..

STANDARD: 44 ist jetzt nicht so jung.

Totzauer: Im europäischen Vergleich ist das Champions League. Wir überlegen uns zusätzlich sehr genau, welchen Content wir in welcher Form im Web anbieten. Wir sind bei m.eins mit einem Altersschnitt von 23 Jahren, und ich bin selbst überrascht, wie stark das Angebot von Woche zu Woche zulegt. Es ist nicht so, dass junge Menschen generell Information meiden. Die Frage ist, wie strickt man das Angebot? Wir sehen bei der Website zur "Wahlfahrt" starke Zuwächse bei den ganz jungen Usern. Darauf zielt auch unser neues Projekt "Being President" ab. Gemeinsam mit den Kollegen von ORF Online haben wir ein Storyboard entwickelt mit einem 360-Grad-Blick auf die Politik, wo wir das höchste Amt des Staates aus einer komplett neuen, anderen Perspektive ansehen. Wie fühlt es sich an, Präsident zu sein, was würde man selber tun, stünde man in der Hofburg, wo muss man sich auskennen? 360-Grad-Video, Storys und Interaktion mit dem Publikum greifen auf dieser Sonderseite von orf.at ineinander. Vernetzte Zukunftsprojekte dieser Art finden generell viel Unterstützung von Generaldirektor Wrabetz. Das heißt, ich sehe die Sorge mit den jungen Zusehern nicht. Sie sind da, wir müssen sie nur suchen und finden.

STANDARD: Im Netz vielleicht. Aber ob sie auch im Fernsehen sind?

Totzauer: Natürlich ist die Konversion vom Web ins Fernsehen bei Jungen tatsächlich schwierig. Wir wissen aber auch, dass bei Großereignissen auch ein junges Publikum beim ORF landet. Das funktioniert. Das heißt, auch jüngere Zuseher wissen, dass sie bei uns hochwertigen öffentlich-rechtlichen Content bekommen. Für mich persönlich ist es nicht so relevant, über welchen Kanal wir junge Menschen erreichen, solange unser Content lebt. Sollte es einmal nicht mehr über das lineare Fernsehen so gut funktionieren, dann werden wir andere Kanäle aufmachen. Das ist die Herausforderung.

STANDARD: Das heißt, man gibt den Fernsehkanal über kurz oder lang auf?

Totzauer: Nein, wir wissen, dass Fernsehen nach wie vor zu den meistgenutzten Medien gehört. Trotzdem stellen wir uns auf weitere Distributionswege ein und nützen diese.

STANDARD: Ganz Kühne sagen gar den Tod der Website voraus. Nur Social Media bleibe am Leben.

Totzauer: Wir müssen in den sozialen Medien präsent sein, weil wir die User von dort auf unsere Website bringen wollen. Wenn ich auf Facebook hunderttausende Likes habe, ist das zwar toll und fürs Image wichtig, es zahlt aber nicht in den ORF-Topf ein. Mark Zuckerberg sagt vielleicht einmal, so, ihr Süßen, für 10.000 Likes zahlt ihr mir im Monat 1.000 Euro, dann werden wir blöd schauen. Deshalb ist es wichtig, dass die User auf unsere digitalen Produkte kommen.

STANDARD: Was ist mit Snapchat? Angeblich spielt dort die Musi für die Jungen.

Totzauer: Ja. Ja, eh. Wichtig ist hier einzuschätzen, welche sozialen Plattformen mittelfristig relevant sind und welche Storys wir für relevante Plattformen anbieten können. Wer sich dort gerade über seine jüngsten Schuhfetische austauscht, wird nicht darin die Debatte über die letzten Arbeitslosenzahlen suchen. Soll heißen, wir müssen identifizieren, welche Plattformen für welche Art von Diskurs von uns verwendet werden.

STANDARD: Was wünschen Sie sich vom neuen ORF-General?

Totzauer: Ich würde mir wünschen, dass wir weiterhin mutig und mit Selbstbewusstsein nach vorne gehen, schauen, wohin wir wollen, und wissen, warum wir dorthin wollen. Dass wir Strukturen schaffen, in denen Bewegung möglich ist. Es ist ja nicht so, dass nur ORF 1 innovativ und ideenreich wäre. Manchmal scheitern wir an strukturellen Gegebenheiten, wo gute Ideen da sind, die dann in Arbeitskreisen zu Tode gekaut werden. Hier auch auf einer strukturellen inhaltlichen Ebene Bewegung hineinzubringen wäre notwendig. Wir müssen die Geschwindigkeit erhöhen. Der Markt verändert sich so rapide. Es ist so viel Bewegung in der gesamten Branche, dass wir einfach schneller werden sollten.

STANDARD: Wo sehen Sie sich nach dem 9. August?

Totzauer: Generell weiß ich ja nicht, welche Struktur wir haben werden. Mir wäre weiterhin ein Raum wichtig, den mir derzeit meine Fernsehdirektorin schafft, in dem ich Möglichkeiten für Innovation und strategische Freiheit habe, um relevante und kreative Produkte umzusetzen und auf den Boden zu bringen. (Doris Priesching, 31.3.2016)

Elisabeth Totzauer (45) ist seit 1997 beim ORF, seit 2013 als ORF-1-Infochefin.

"Being President", das Webangebot von ORF On und ORF 1 Info online, geht am Donnerstag online. Weitere Termine der "Wahlfahrt": 5. und 7. April.

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  • ORF-1-Infochefin Elisabeth Totzauer leitet die "Wahlfahrt".
    foto: apa / orf / roman zach-kiesling

    ORF-1-Infochefin Elisabeth Totzauer leitet die "Wahlfahrt".

  • Richard Lugner ist Fahrgast in der ersten "Wahlfahrt" am Donnerstag, 20.15 Uhr auf ORF 1.
    foto: orf/milenko badzic

    Richard Lugner ist Fahrgast in der ersten "Wahlfahrt" am Donnerstag, 20.15 Uhr auf ORF 1.

  • Irmgard Griss nimmt ebenfalls am Donnerstag Platz in Hanno Setteles Mercedes.
    foto: orf/milenko badzic

    Irmgard Griss nimmt ebenfalls am Donnerstag Platz in Hanno Setteles Mercedes.

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