Innsbrucker Med-Uni-Rektorin: Hausarztberuf wird sich stark ändern

Interview31. März 2016, 07:00
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Hausärzte sollten Drehscheiben sein und Patienten vermitteln, sagt Helga Fritsch

STANDARD: Regelmäßig wird ein Ärztemangel ausgerufen. Dazwischen heißt es, Jungmediziner fänden keine Jobs. Sind diese Warnungen also vernachlässigbar?

Fritsch: Ich würde nicht sagen, dass wir generell einen Ärztemangel haben oder auf einen zusteuern. In gewissen Feldern gibt es aber sehr wohl Probleme. Stellen auf dem Land lassen sich schwer besetzen, im Bereich Kinderheilkunde, in der Kinder- und Jugendpsychiatrie und in einigen chirurgischen Fächern gibt es wenig medizinischen Nachwuchs. Das liegt an den Arbeitsbedingungen, dem Umfeld und daran, dass die Medizin insgesamt weiblicher geworden ist und viele Frauen nicht vollzeitbeschäftigt sind oder es sein möchten.

STANDARD: Es gibt also Disziplinen, die "frauenfreundlicher" sind als andere?

Fritsch: Die Tagesabläufe sind in verschiedenen Disziplinen unterschiedlich. Es gibt solche, die lieber gewählt werden, weil sie mit der Work-Life-Balance eher vereinbar sind.

STANDARD: Müssen die Strukturen so angepasst werden, dass sich der Arztberuf künftig besser mit dem Familienleben vereinbaren lässt?

Fritsch: Durch das neue Arbeitszeitgesetz gibt es diesbezüglich nun eine einheitliche Regelung für alle Disziplinen. Doch die Rahmenbedingungen für Jungärzte müssen grundsätzlich passen. Wir haben kürzlich eine Umfrage gemacht, wie das mit den Kindergartenplätzen an der Universität ist. Das hat gezeigt, dass Eltern ihre Kinder lieber am Wohnort unterbringen als in der Nähe des Arbeitsplatzes. Das sind alles Dinge, die beachtet werden müssen. Vor allem an der Peripherie sollte mehr Rücksicht auf die Bedürfnisse der Mediziner genommen werden, wenn wir dort gute Ärzte haben wollen. Natürlich geht es letztlich auch um Bezahlung.

STANDARD: Vonseiten der Landesregierung wurde kürzlich verkündet, dass Tirol auf einen Ärztemangel zusteuert. Die Med-Uni Innsbruck verzeichnet im Jahr rund 300 Absolventen. Warum kann ein Großteil der Jungmediziner nicht im Land gehalten werden?

Fritsch: Der letzte Teil des Studiums an der Medizinischen Universität Innsbruck ist das klinisch-praktische Jahr. In den meisten Lehrkrankenhäusern, in denen Studierende unterkommen können, bekommen sie dafür eine finanzielle Aufwandsentschädigung – im Landeskrankenhaus Innsbruck leider nicht. Viele Studierende bleiben in jenen Häusern, in denen sie ausgebildet wurden. Eine Aufwandsentschädigung wäre also ein wichtiger Beitrag, um die jungen Ärzte letztlich zu binden.

STANDARD: Ärzte an der Innsbrucker Klinik sagen, dass durch das Durcheinander nach dem neuen Arbeitszeitgesetz auch kaum Zeit bleibt, um sich um auszubildende Ärzte zu kümmern. Verunmöglichen hier politische Querelen die Ausbildungsziele?

Fritsch: Die Arbeitsbedingungen für jene Ärzte, die über die Med-Uni angestellt sind, sind durchaus attraktiv und vergleichbar mit anderen Standorten. Forschung und Lehre sind Teil ihrer Arbeitszeit, das ist also ihre Verpflichtung. Dass sich die Ärzte, die über das Land Tirol angestellt sind, noch in Verhandlungen befinden und deshalb derzeit auch medial Druck erzeugen, sollte man in Bezug auf die Situation der auszubildenden Jungärzte nicht überbewerten.

STANDARD: Der Anteil ausländischer Absolventen der Med-Uni, die dann tendenziell in ihre Heimat zurückkehren, wird kontinuierlich höher. Die aktuelle Quotenregelung läuft Ende des Jahres aus. Werden Sie sich um einen höheren Österreicher-Anteil bemühen?

Fritsch: Derzeit sieht die Quote vor, dass 75 Prozent der Plätze für Österreicher und Gleichgestellte reserviert sind. Alle medizinischen Universitäten hierzulande haben ein großes Interesse, dass die Regelung, zumindest so, wie sie existiert, bleibt. Das ist aber, wie gesagt, nur ein Stück den Puzzles für den Verbleib der Jungmediziner in Österreich.

STANDARD: Von politischer Seite heißt es, es gebe zu wenige Studienplätze in Innsbruck. Das Land denkt nun eine neue Privatuniversität an. Warum weigert sich die Med-Uni, mehr Studierende aufzunehmen?

Fritsch: Es gibt eine bestimmte Kapazität, vor allem im klinischen Bereich. Wir tun alles, um unsere Absolventenzahlen konstant hoch zu halten.

STANDARD: Halten Sie die Schaffung einer Privatuniversität für sinnvoll?

Fritsch: Ob dadurch der Mangel an Ärzten in den Tälern gedeckt werden kann, getraue ich mich nicht zu beurteilen. Wir lassen derzeit aber außer Acht, dass sich das Bild des Allgemeinmediziners in Hinkunft dramatisch verändern wird. Hausärzte werden immer mehr zu Experten, die in das Netzwerk der Kliniken eingebunden sind, die an einem digital ausgerüsteten Arbeitsplatz arbeiten und denen vor allem auch eine Assistenz zur Verfügung steht, die dem Arzt administrative Arbeiten abnimmt. Der Hausarzt kann nicht mehr allein mit Allradantrieb unterwegs sein. Wir müssen uns viel mehr auf diese zukünftigen Arbeitsplatzsituationen einstellen und darauf vorbereiten. Hier ist die Med-Uni immer bereit, über neue Ausbildungskonzepte nachzudenken.

STANDARD: Der Hausarzt als Drehscheibe, der Patienten an die richtigen medizinischen Ansprechpartner vermittelt – das ist auch von Patientenanwaltschaften eine langjährige Forderung. Glauben Sie, dass dieser Umbruch nun tatsächlich bevorsteht?

Fritsch: Ich denke schon, dass hier etwas in Bewegung gerät. Dennoch sind einige Player beteiligt, die einen Beitrag leisten müssen. Ein wichtiger Baustein sind die Assistenzberufe. Hier ist auch die Ärztekammer gefragt. Es ist wichtig, diese Unterstützungen für Allgemeinmediziner zuzulassen und diesen neuen Berufsgruppen Kompetenzen zu geben.

STANDARD: Anderes Thema: Haben sich schon Asylberechtigte an die Med-Uni Innsbruck gewandt, weil sie in Österreich praktizieren wollen?

Fritsch: Wenn es unter den Flüchtlingen gut ausgebildete Mediziner gibt, sollten die Nostrifikationsverfahren zügig abwickeln werden, damit wir sie in unsere Gemeinschaft aufnehmen können. Aber wir sollten auch generell über die Wanderungswellen der Mediziner innerhalb der EU diskutieren. In Deutschland gibt es an einigen Kliniken ein Spannungsverhältnis zwischen deutschsprachigen und nichtdeutschsprachigen Medizinern, weil die einheimischen Ärzte aufgrund ihres Sprachvermögens viel mehr mit nichtärztlichen Aufgaben belastet werden. Es gibt neue Probleme, die hier entstehen können. Damit sollte man sich auch hierzulande auseinandersetzen. (Katharina Mittelstaedt, 31.3.2016)

Helga Fritsch (58) ist seit Oktober 2013 Rektorin der Medizinischen Universität Innsbruck. Sie promovierte in Bonn und lehrt seit 1998 in Tirol.

  • Helga Fritsch hält die "Österreicher-Quote" für sinnvoll.
    foto: apa/robert parigger

    Helga Fritsch hält die "Österreicher-Quote" für sinnvoll.

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