Vom Almschrei zum ausgebuchten Jodelworkshop

2. April 2016, 10:00
32 Postings

Das Projekt "Tirolerei in der Schweiz" an der Uni Innsbruck erforscht den Wandel des Jodelns in Tirol und der Schweiz

Innsbruck/Wien – Ob als Ruf für Kühe, Teil der nationalen Identitäten oder in Form der heute angebotenen "Jodel- und Yoga"-Workshops: "Das Jodeln ist immer einem Wandel unterlegen", sagt der Musikethnologe Raymond Ammann. Die Geschichte dieser Musikform wird nun in dem von Ammann geleiteten und vom Wissenschaftsfonds FWF geförderten Projekt "Tirolerei in der Schweiz" genauer erforscht.

Dabei vergleicht das Projektteam am Institut für Musikwissenschaft der Universität Innsbruck die Entwicklungen in Tirol und der Schweiz und zeigt Verbindungen auf: "Die Tiroler Nationalsänger, unter anderem aus dem Zillertal, haben Anfang bis Mitte des 19. Jahrhunderts das vierstimmige Singen und auch das Jodeln in ganz Europa verbreitet, sogar bis in die USA", sagt Ammann. Aufgearbeitet wurde dieser Kulturtransfer von der Tiroler Musikwissenschafterin Sandra Hupfauf, die im jetzigen Projekt ebenfalls mitarbeitet.

Als Tiroler verkleidet

Auch in der Schweiz war im 19. Jahrhundert die tirolerische Art zu jodeln sehr beliebt. So wurden 1850 Schweizer Kinder, die in Restaurants in St. Gallen singen und jodeln mussten, um Geld zu verdienen, als Tiroler verkleidet.

"Erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es dann eine Bewegung, die der ,Tirolerei' einen eigenen Schweizer Jodelstil entgegenhalten wollte", sagt Ammann. Im 20. Jahrhundert wurde das Jodeln gewissermaßen nationalisiert. "Wir möchten im Rahmen des Projektes auch zeigen, wie das Jodeln bis hin zum Zweiten Weltkrieg für politische Zwecke instrumentalisiert wurde", so Ammann.

Heute wird das Jodeln wieder ganz anders wahrgenommen: "Es gab noch nie so viele Jodler und Jodlerinnen wie heute", sagt Ammann. Zwar wird diese Art des Singens immer weniger über die Familien weitergegeben, doch dafür boomen die Jodelworkshops für die urbane Mittelschicht. "Diese Workshops und Jodelclubs in Tirol und der Schweiz sind sehr beliebt und nicht selten ausgebucht", so Ammann.

Die Lehrenden – meist klassisch ausgebildete Sänger und Sängerinnen – vertreten dabei nicht mehr einen regionalen Stil, sondern gewissermaßen eine "transalpine Jodelausrichtung". Teilweise besinnen sich die Jodelinteressierten im Zeitalter der Globalisierung auf regionale Identitäten, teilweise geht es um eine Form der Therapie – von "Jodel und Yoga" bis "Jodel dich frei" werden im Internet die unterschiedlichsten Workshops angeboten. Im Rahmen des Projekts soll über Feldforschungen in Tirol und in der Schweiz auch erhoben werden, was Jodeln heute für die Menschen bedeutet.

Gleichzeitig nimmt das vierköpfige Projektteam aber auch den musikalischen Wandel des Jodelns – früher auch Almschrei, Kuhreihen oder Juchezer genannt – in den Blick. "Wir werden alte Aufnahmen mit heutigen Jodelstilen vergleichen – dafür müssen wir sie transkribieren, die Klänge und Vokalisation analysieren", sagt Ammann. Die ältesten Aufnahmen aus der Schweiz stammen von 1905, in Tirol von 1902, auch Aufnahmen aus den 1920er-Jahren sollen verglichen werden. Die Art des Singens mit dem Brust- und Kopfstimmenwechsel entstand jedoch weit früher, vermutlich aus lauten Rufen in Bergregionen, bei denen die Stimme kippte. Schriftlich erwähnt wurde das Juchezen oder Johlen bereits in Südtirol im vierten Jahrhundert; der Begriff des Jodelns entstand Ende des 18. Jahrhunderts.

Nicht nur in den Alpen

"Das Jodeln ist aber nicht ausschließlich in den Alpen beheimatet, das gibt es in verschiedenen Weltgegenden, doch es hat natürlich jeweils seine eigene Ausprägung", sagt der Musikethnologe. Auch in Ozeanien, beispielsweise in Papua-Neuguinea und Vanuatu, wo er lange lebte und forschte, kommt der Wechsel von Kopf- zu Bruststimme vor.

In den Alpen wurde das Jodeln durch das Chorsingen nach der Art des vierstimmigen Satzes – Bass, Tenor, Alt und Sopran – grundlegend verändert. Frühere Jodelformen, die sich in einigen abgelegenen Tälern in der Schweiz stärker gehalten haben, verwendeten vermutlich die gleichen Töne wie das Alphorn, wobei diese Naturtöne eben nicht der Skala des Klaviers entsprechen, an das unser Ohr gewöhnt ist. "Ein solcher Naturjodel aus dem Muotatal oder vielleicht auch aus dem Appenzell hört sich für unsere Ohren heute fremd an, man denkt: Das kann nicht Europa sein", sagt Ammann. Auch in Tirol bestand früher ein Zusammenhang zwischen dem Wurzhorn und dem Jodeln: "Wir gehen zumindest davon aus", so der Musikethnologe, der dies in einem weiteren Forschungsprojekt an der Hochschule Luzern untersucht.

An Touristen angepasst

Im 19. Jahrhundert wurde das Tiroler Jodeln jedoch an das Verlangen des Publikums – insbesondere auch an das der Tiroltouristen, die bereits damals Folkloreshows besuchten – angepasst. Solche Veränderungsprozesse sehe man beispielsweise auch bei der World-Music, die ab den späten 1980er-Jahren populär gemacht wurde: "Wenn ich Ihnen Musik aus Vanuatu vorspiele, gefällt es Ihnen nicht, weil unsere Ohren ganz anders formatiert sind, aber wenn ich die Musik ein bisschen verdrehe und westliche Ästhetik reinbringe, dann wird sie interessant", so Ammann.

Das Gleiche gelte für das Jodeln: "Viele wollen heute traditionell jodeln, aber wenn man ihnen alte Aufnahmen aus ihrer Region vorspielt, dann klingt das weder vertraut noch schön", sagt der Musikethnologe. Das sei in Österreich so, in der Schweiz, in Neuguinea und in Vanuatu: "Man bezieht sich immer auf eine Tradition, die in dieser Form vielleicht gar nie existiert hat."

Erste Ergebnisse des dreijährigen Projekts werden auf der Konferenz "Jodeln und registerwechselnde Gesänge in den Alpen" von 25. bis 26. Oktober 2016 in Innsbruck vorgestellt. (Heidi Weinhäupl, 2.4.2016)


Link
Homepage des Projekts (mit Tondokumenten)

  • Im 19. Jahrhundert war die tirolerische Art zu jodeln auch in der Schweiz sehr beliebt, erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde der "Tirolerei" ein eigener Schweizer Stil entgegengesetzt. Im Bild: die Schweizer Jodelgruppe "Silvretta Kloster" bei einem Auftritt in Davos.
    foto: apa / epa / arno balzarini

    Im 19. Jahrhundert war die tirolerische Art zu jodeln auch in der Schweiz sehr beliebt, erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde der "Tirolerei" ein eigener Schweizer Stil entgegengesetzt. Im Bild: die Schweizer Jodelgruppe "Silvretta Kloster" bei einem Auftritt in Davos.

Share if you care.