"Die Reputation": Die Vergangenheit ist veränderbar

30. März 2016, 07:00
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In dem Roman wird ein Karikaturist auf seine Vergangenheit gestoßen. Der Kolumbianer Juan Gabriel Vásquez erzählt packend und vielschichtig von Erinnerung und Abbildern

Wien – "Das Vergessen war das einzig Demokratische in Kolumbien." Ein zentraler Satz in Die Reputation (Schöffling-Verlag) von Juan Gabriel Vásquez, dem 43-jährigen Romancier aus Bogotá, der zu den bedeutendsten Erzählern Lateinamerikas gehört. Die komplexen, oft diffusen Wirklichkeiten menschlicher Existenz und insbesondere seines Landes versieht er weniger als seine berühmten Vorgänger wie García Márquez mit magischen Tiefen. Vásquez schreibt näher an Realitäten und spürt die Unsicherheiten der Wahrnehmung, der Erinnerung auf. Was geschah tatsächlich, was bleibt wie im Gedächtnis, für wen spielt das eine Rolle? – Fragen, denen sich auch die Figuren des neuen Romans stellen müssen.

Auf dem Höhepunkt seiner Karriere, nach vierzigjährigem Schaffen, huldigt man Javier Mallarino im Theater von Bogotá. Er sei das kritische Gewissen des Landes, lobt die Ministerin. Die Zeremonie feiert die Wirkung seiner Karikaturen, die täglich im schwarz umrandeten Kästchen auf der Meinungsseite der einflussreichsten liberalen Zeitung erscheinen. Mit den "einzigen Waffen Papier und Tusche" ist er in der Lage, "ein Gesetz zu Fall zu bringen, ein Gerichtsurteil zu kippen, einen Bürgermeister zu stürzen oder ein Ministerium zu erschüttern".

Im Moment größter Reputation präsentiert die Ministerin Mallarinos Konterfei für die Zukunft, sein vor vierzig Jahren gezeichnetes ironisches Selbstporträt: auf einer neuen Briefmarke. Zugleich ist die Ehrung ein Treffen mit der Vergangenheit, zunächst in Lebensbildern auf der Leinwand der Bühne, dann in der Tiefe des Gedächtnisses. Die junge Samanta Leal vereinbart ein Interview mit dem Karikaturisten, die Frage, was in seinem Haus vor langer Zeit geschehen ist, treibt beide an den Rand ihrer Gewissheiten.

Mallarino versteht sich als unerbittlicher Moralist in einem Land, dem es bitter an unbestechlichen Instanzen mangelt. Seine abgeschiedene Situation – hoch über Bogotá, von Frau und Tochter getrennt – entspricht seiner unabhängigen Draufsicht. Unten in der Stadt machen sich die Leute kein Bild von seinem Aussehen, in Zukunft wird es als Karikatur seiner selbst im gezackten Rahmen auf Postreisen gehen.

Beschädigte Lebenswege

Seiner Verantwortung kommt der Karikaturist auf die Spur, als er mit privaten und öffentlichen Auswirkungen einer Episode der früheren Jahre konfrontiert ist. Seine Handlung und seine Zeichenhand haben wohl wesentlich dazu beigetragen, Reputationen zu beschädigen und Lebenswege umzuleiten. Was in entscheidenden Momenten wirklich geschehen ist, bleibt jedoch womöglich im Dunkel der Wahrnehmung und der Erinnerung, die kein Bild des Wesentlichen offenbart.

Die Striche des Karikaturisten prägen sich ein, er hebt pointiert hervor, gibt dem Lachen, ja der Lächerlichkeit preis. Sie zeichnen Linien in der Zeit, verdichten die Fülle der Aktualität. Mit Beginn des Romans fühlt Mallarino einen diffusen Zusammenhang mit seinem Vorbild Ricardo Rendón, der historisch tatsächlich als der größte politische Karikaturist Kolumbiens gilt: "Am 28. Oktober 1931 war er ins Feinkostgeschäft La Gran Vía getreten, hatte ein Bier bestellt, etwas gezeichnet und sich eine Kugel in die Schläfe gejagt. Seit neunundsiebzig Jahren fand niemand eine Erklärung dafür." Man kann sich vorstellen, dass Vásquez mit Die Reputation (im Original im Plural) den Ansatz einer Erklärung schafft.

Von Rendón stammt ein Leitmotiv seines Nachfolgers und des Romans: Karikatur sei "ein von Honig umhüllter Stachel". Ein zweites lautet: "Kümmerlich ist das Gedächtnis, das sich nur nach rückwärts wendet." Mallarino begreift, dass er keine Kontrolle über die flüchtige Vergangenheit hatte, "aber sich klar und deutlich an die eigene Zukunft erinnern konnte. Tat er das nicht immer, wenn er eine Karikatur zeichnete?"

Ständiger Rückblick

Die kluge, konsequente Konstruktion, die Vásquez gewählt hat, lässt auf den letzten Seiten im Futurum, aus der Erinnerung an die Zukunft erzählen. Die Thematik des Romans verlangt zwei Zeitebenen, den ständigen Rückblick. Beeindruckend vielschichtig schildert er äußere Einflüsse und innere Veränderung. Faszinierend bringt er nahe, welche Last die Vergangenheit bilden kann, wie Gewissheiten schwinden. Einige Beispiele von Karikaturen vermittelt er so eindrucksvoll, dass man sich sie und ihre Wirkung bei der Lektüre ebenso bildhaft vorzustellen vermag wie die Macht der Meinungsmacher.

Im Interview sagte Juan Gabriel Vásquez in Bogotá: "Unsere Vergangenheit ist veränderbar." Seine Romane seit Die Informanten (auf Deutsch 2010) sind dafür großartige literarische Zeugnisse. Sie verbinden Historie mit packenden Geschichten, sie spüren dem Wirken von Macht, von Zeit und Erinnerung nach. (Klaus Zeyringer, 30.3.2016)

  • Den kolumbianischen Autor Juan Gabriel Vásquez beschäftigen auch in seinem neuen Roman die Tücken menschlicher Wahrnehmung und Einordnung.
    foto: apa/epa/ricardo maldonado rozo

    Den kolumbianischen Autor Juan Gabriel Vásquez beschäftigen auch in seinem neuen Roman die Tücken menschlicher Wahrnehmung und Einordnung.

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